Julia Eichhorn | Drucken02.04.2019 

Von gastrosexuellen Männern und
polynesischen Polyethylen-Inseln

In ihrem Programm „Verrückt in die Zukunft – Das Präteritum schlägt zurück“ widmen sich André Bautzmann und Robert Günschmann im Leipziger Central Kabarett verdrängten Männern, steigenden Mieten und „besorgten Bürgern“

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André Bautzmann (links) und Robert Günschmann. (Foto: Tilly Domian / Exclusiv Events Leipzig)

Nicht nur der Programmtitel, sondern auch zahlreiche – und vor allem gigantische – Plakate im gesamten Leipziger Raum erinnern an den Filmklassiker „Zurück in die Zukunft“ mit den Figuren Marty McFly und Dr. Emmett L. „Doc“ Brown. Bereits die Anfangsszene im Leipziger Central Kabarett erfüllt diese Erwartungshaltung. Sie spielt im Jahre 2002 in einer Irrenanstalt, in der der verwirrt-aufgekratzte Günschmann dem Pfleger Bautzmann von seiner Zeitmaschine „Delirium“ berichtet. Mit Hilfe dieser wird das Publikum in verschiedene Zeiten und Geschehnisse katapultiert. Am 29. März hatte das Programm „Verrückt in die Zukunft – Das Präteritum schlägt zurück“ von und mit André Bautzmann und Robert Günschmann Premiere.

Der Zuschauer wird auf eine Reise in das Jahr 2029 entführt. Bautzmann und Günschmann zeigen auf, wie sich die Suche nach einem bezahlbaren Wohnraum entwickeln wird. So stellen sie eine unendlich scheinende Warteschlange an Wohnungsinteressenten dar. Eine erschwingliche Wohnung zu finden, so ihre Erkenntnis, sei schwieriger als die Suche nach dem Bernsteinzimmer.

Eine weitere Verhandlung aktueller Themen findet in der Darstellung einer Demonstration „besorgter Bürger“ ihren Platz. In Anlehnung an die Ausschreitungen in Chemnitz im August 2018 betrauert ein besorgter Bürger ein Todesopfer. Es stellt sich heraus: Das Opfer ist ein deutscher Schäferhund. Und so bekräftigt der Demonstrant: „Für jeden toten Schäferhund fordern wir einen toten Afghanen.“ Dabei betont der Mann stets, ein ganz normaler Bürger ohne rechtes Gedankengut zu sein. Seine eindeutige Artikulation in Anlehnung an Hitler entlarvt ihn jedoch. Eine Überspitzung, auf die Bautzmann und Günschmann allerdings durchaus verzichten könnten. Ihr Text ist stark genug – und das Publikum nicht dumm.

Der Kampf des Mannes um die Macht

Weitere Themen des Programms: die Verschmelzung der Parteienlandschaft, die Präsenz von Frauen in der Politik, die Renaissance von Mauern und die Zurückdrängung von Männern durch die Frauen im privaten wie auch politischen Raum. Der Vormarsch des weiblichen Geschlechts sei auch der Grund für die Zunahme gastrosexueller Männer, heißt es. Diese würden in der Unterjochung von Gemüse ihre einzige Möglichkeit erkennen, einen letzten Funken Macht und Kontrolle ausüben zu können. Gekrönt wird die Szene durch das Lied des gastrosexuellen Mannes, in welchem Bautzmann tänzelnd und herrlich sanft trällernd seine Leidenschaft zum Essen besingt, während Günschmann das Pendant des raubeinigen Mannes in Rammstein-Gesangsmanier darbietet.

Als musikalischstes der Leipziger Kabaretthäuser gilt zwar das SanftWut. Aber Bautzmann und Günnschmann vom Central Kabarett schicken sich an, den Kollegen diesen Ruf streitig zu machen. Schon in ihren Vorgängerprogrammen „Warm up für’s Burnout“ und „Von der Windel verweht – Kuck mal, wer da bricht“ hatte Musik einen hohen Stellenwert. Unterstützt werden sie von den mitreißenden Musikern Martin Joost am Schlagzeug (bekannt durch die Ärzte-Coverband „Kassenpatienten“) und Keti Warmuth am Piano. Und auch die Kabarettisten selbst greifen zu den Instrumenten. Während Günschmann an der Gitarre überzeugt, reicht es für Bautzmann immerhin für melodische Einlagen mit einer Rassel. Seine großen Momente jedoch hat er in seinen Gesangseinlagen. Die musikalischen Begleiter Joost und Warmuth tragen allerdings mehr zum Stück bei, als zu vermuten ist. Stets sind sie ins Programm integriert. Ob sie bei einer Szene auf dem Schiff Kapitänsmützen tragen, bei der Demonstration „besorgter Bürger“ mittels Klebeband und Schminke Hitlerbärtchen kreieren oder bei der Thematisierung einer Insel aus Polyethylen ihre musikalische Darbietung auf plastische Instrumente beschränken.

Das Fazit, welches Bautzmann und Günschmann selbst am Ende des Stückes ziehen, zeigt den Spagat ihres Programmes auf: Möglichst viele tagesaktuelle Themen kabarettistisch aufarbeiten und dabei mit humoristischem Tiefgang das Publikum abholen. So werden in der Schlussszene zahlreiche Themen benannt, welche im Stück selbst nicht verhandelt wurden. Dies spiegelt jedoch auch dessen Schwäche wider: Statt bei der inhaltlichen Auswahl Mut zur Lücke zu wagen, kratzen mancherlei Szenen aufgrund der Themenfülle lediglich an der Oberfläche. Und um auch wirklich jeden Gast abzuholen, wird alles sehr gut vorgekaut serviert. Nur selten verlangen die Künstler ihrem Publikum eine eigenständige Denk- und Interpretationsleistung ab. Die zwei Stunden allerdings vergehen rasant und äußerst unterhaltsam. Dazu trägt vor allem auch die jugendliche und authentische Spielfreude Bautzmanns und Günnschmanns bei. Mit Leidenschaft und Kreativität bieten sie ihre gänzlich selbst geschriebenen Texte dar. Es bleibt spannend zu beobachten, wie die beiden Youngsters der Leipziger Kabarettszene langsam aber sicher groß werden.

Verrückt in die Zukunft – Das Präteritum schlägt zurück

Von und mit André Bautzmann und Robert Günschmann

Regie: Thomas „Manni“ Störel

Premiere: 29. März 2019, Leipziger Central Kabarett

Weitere Termine auf der Website des Central Kabarett

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