| Drucken02.11.2002 

Vier Stunden Lachen bei der ersten Premiere im neurenovierten Schauspielhaus: Alan Ayckbourn 'Haus & Garten' (Ian Sober)

02.11.2002 Schauspielhaus Leipzig

Alan Ayckbourn 'Haus & Garten' (Premiere)

Teddy Platt, GeschäftsmannFrank Apitz
Trish Platt, seine Frau, DesignerinSusanne Stein
Sally Platt, ihre Tochter, Abiturientin Julia Berke
Giles Mace, ArztMarco Albrecht
Joanna Mace, seine Frau, LehrerinSusanne Böwe
Jake Mace, ihr Sohn, Zeitungsvolontär Torben Kessler
Gavin Ryng-Mayne, Schriftsteller Matthias Hummitzsch
Barry Love, LadenbesitzerMartin Reik
Lindy Love, seine Frau, Ladenbesitzerin Simone Cohn-Vossen
Lucille Cadeau, Schauspielerin Constanze Becker
Fran Briggs, ihre FahrerinBarbara Trommer
Warn Coucher, Gärtner Christoph Hohmann
Izzie Truce, Haushälterin Jana Bauke
Pearl Truce, Aushilfsputzfrau Nicola Ruf
Einige KinderStatisterie
Spoof, ein Hund Carlo

Regie Wolfgang Engel
Bühne Franz Koppendorfer
Kostüme Katja Schröder
Mitarbeit Kostüme Barbara Schiffner
Musik Thomas Hertel
Dramaturgie Michael Raab

(Fotos: Schauspiel Leipzig, Nr. 1 - Garten, Nr. 2 - Haus)


Feinsinniger Klamauk in vier Dimensionen

Wer eine Zeitlang in England weilt, dem wird bald bewußt: es ist das Land der vollendeten Umgangsformen. Das Queen's English der höheren Gesellschaftsschichten besitzt solche Politur, die Höflichkeit des Umgangs zeugt von solch unaufdringlicher Freundlichkeit, daß man geneigt ist, Worten und Handlungen ein unwillkürliches Vertrauen entgegenzubringen. Offenkundig besitzt dieser Umstand allein ein gewisses komisches Potential: Den größten Banalitäten traut man noch eine Spur von Geist zu, die größten Gemeinheiten erhalten einen Anflug von Sarkasmus. Alan Ayckbourns Komödien gedeihen auf diesem Boden. Er ist einer der populärsten zeitgenössischen Dramatiker Englands, seine in der Provinz uraufgeführten Stücke schaffen mühelos den Sprung ins Londoner West End. Und seine Techniken sind oft ungewöhnlich. Im wiedereröffneten Schauspielhaus gibt es jetzt eine aufwendig inszenierte Kostprobe.

Zwei Auditorien sehen dasselbe Stück von verschiedenen Seiten auf zwei Bühnen. Haus und Garten, die Pfeiler des englischen Daheimseins. Hinterm Haus, in der vom mürrischen Gärtner gebändigten Natur, spielt sich ein Stück ab, in dem die Hülle der gesellschaftlichen Konvention schneller fällt als vorn im Salon. Wir sehen zunächst, wie sich der Hausherr Tedd von seiner lästig gewordenen Affäre, der Frau des Arztes trennt. Von seinen tieferen Motiven erfahren wir erst auf der anderen Bühne. Wer jedoch zuerst ?Haus? sieht, erlebt Tedd den politisch ambitionierten Geschäftsmann, wie er seinen Freund den Arzt um Rat fragt, da ihn seine Ehefrau seit Wochen wie Luft behandelt. Der andere trifft in seiner Ahnungslosigkeit den Nagel auf den Kopf: Sex. Die Komik der Situation versteht nur, wer zuerst ?Garten? gesehen hat.

Die Konzeption ist interessant genug. Beim zweiten Betrachten nämlich besitzt das Stück eine zusätzliche Dimension, von der für den Uneingeweihten nur manchmal das Herüberdringen des Lärms aus dem Garten zeugt. Die Handlung im Haus spielt sich vor dem Hintergrund der Handlung im Garten ab, und das nicht nur im wörtlichen Sinne. Während im Garten die Hausangestellten und einfachen Leute dominierten, spielen hier andere Personen die wichtigen Rollen: Tedds Ehefrau, die sich geflüchtet hat in die Perfektionierung ihrer gesellschaftlichen Pflichterfüllung, ein aus London angereister Schriftsteller und Vertrauter des Premierministers, der Tedd als Kandidat für dessen Wahlkreis gewinnen will. Das Stück als Ganzes zeigt einen Querschnitt der Gesellschaft, niemand bleibt verschont beim Aufdecken seiner mehr oder minder großen menschlichen Schwächen. Die Hausangestellten stechen zusätzlich durch ihren Dialekt ab, dem typischen Unterscheidungsmerkmal im klassenbewußten Großbritannien.

Wolfgang Engels Vorliebe und Gespür für chaotische Situationen und farbenfrohes Durcheinander sind in diesem Stück keine Grenzen gesetzt. Und er verlangt seinen Schauspielern diesbezüglich einiges ab: Sie müssen einen echten Regenguß ertragen, Susanne Böwe als untreue Arztfrau landet kopfüber im Springbrunnen und muß gar lange die Luft anhalten, überhaupt wird viel im Wasser rumgepanscht (das hatte schon beim Sommertheater seine Wirkung nicht verfehlt). Dem Affen Zucker gibt auch Constanze Becker als betrunkenes französisches Filmsternchen, das eigentlich die Gartenparty eröffnen soll, dann aber mit Tedd im Zelt landet ? im Garten geht's halt etwas animalischer zu. Dort wird nur selten sparsamer agiert, auf die dem Text innewohnende Komik vertraut. Auf beiden Seiten dieser Grenze bewegt sich Marco Albrecht als Arzt und Hahnrei mit teils sehr gelungener komischer Steifheit. Überzeugen kann auch Susanne Stein als Ehefrau von Tedd. Sie ist eine Art sympathischer Gegenpol zum zynischen Schriftsteller (Matthias Hummitzsch als aufgeblasener Mann von Welt). An einer Stelle verkündet sie ihre Lebensweisheit in Form einer zentralen Metapher: Wie die Kinder, die um den Maibaum tanzen, halten die Menschen ihr buntes Bändchen fest und folgen genau vorgeschriebenen Bewegungen. Am Ende wird sie nicht die einzige sein, die dieses Bändchen losläßt.

Den Maibaum gibt es tatsächlich. Hinten im Garten flechten niedliche Kindlein in wundersamen Kostümen (Pillar Box, Pommes-Tüte, etc.) ihre bunten Bänder um einen Holzpfahl und sind mit viel Ernst bei der Sache. Ferner treten auf: Die politisch engagierte Tochter des Hauses, Abiturientin, die der Charme des weltgewandten Gastes aus London nicht kalt läßt. Ihr von ihr subtil ausgenutzter Verehrer, Sohn des Arztes. Ein für die Gartenparty verantwortlicher Ladenbesitzer und seine von ihm in liebevoll-herablassender Weise bevormundete Frau. Die minderjährige Aushilfsputze, die mit dem Gärtner ein Verhältnis hatte, diesen jetzt aber als Papa akzeptieren soll, weil er mit ihrer Mutter schläft. Diese, die aus fehlgeleiteter Eifersucht das Zelt zum Einsturz bringt, was die Französin und Tedd in eine zumindest für ihn kompromittierende Situation bringt. Und ein sehr ansprechend agierender Bernhardiner namens Spoof.

Am Ende gibt es viel Beifall. Quer durchs Publikum wird ein Bündel Rosen auf die Bühne geworfen. Die Schauspieler, die nach einer komplizierten Applausordnung von einer Bühne zur anderen laufen, verteilen die Rosen unter sich, die roten Farbtupfer tanzen vorm gediegenen Hausinterieur, blauer Tapete, rotem Sofa, grünlichem Teppich. Noch einmal zeigt sich, was an dieser Aufführung gefällt: die farbenfrohe Lebendigkeit. Man möge nicht die große Kunst erwarten, es ist bestimmt auch kein Geniestreich Ayckbourns. Wer keine zu hohen Ansprüche hat und die Stücke in der richtigen Reihenfolge sieht (erst Garten, dann Haus), wird vier Stunden lang viel lachen können.

(Ian Sober)

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