| Drucken18.07.2007 

Vierte Amateurtheatertage: Zwei Impressionen (Torben Ibs)

Vierete Amateurtheatertage
LOFFT
Sexual Perversity in Chicago, Connewitzer Cammerspiele, Regie: Christian Hanisch
Scherben - Die Pathologie eines Verrats, Traum?, Regie. Marek S. Bednarsky
20. bis 23. Juni 2004
www.cammerspiele.de
www.traumquadrat-leipzig.de


Vierte Amateurtheatertage: Zwei Impressionen

Nichts Neues aus Chicago
Dies ist die Geschichte von Bernie und Danny, Deborah und Joan. Oder von Danny und Deborah. Aber auch von Deborah und Bernie (aber nur ganz kurz). Anders gesagt es ist die Geschichte der beiden Freunde Bernie und Danny, der Deborah kennen lernt, mit ihr zusammenzieht und die sich dann trennen, so dass Deborah zu ihrer alten Mitbewohnerin Joan zurückzieht. Punkt. Das Ganze nennt sich Sexual Perversity in Chicago, wurde vom Pulitzer-Preisträger David Mamet geschrieben und 1974 in Chicago uraufgeführt. Christian Hanisch von den Connwitzer Cammerspielen war aus irgendeinem Grund der Meinung, es im Jahre 2006 in Leipzig uraufführen und schließlich im Rahmen der Amateurtheatertage präsentieren zu müssen. Also fragte er Christian Feist, ob der den Ben, Stefan Simanek, ob er den Bernard, Maria Aigner, ob sie die Deborah und Frances Bessler, ob sie die Joan spielen würde. (Fotos) Und alle sagten ja.

So toben die vier über die Bühne der Liebe, Sex und Zärtlichkeit, mimen die großen und kleinen Geschichten über Freundschaft, Partnerschaft und Trennung und machen das nicht einmal schlecht. Ja, man nimmt ihnen ihre Figur irgendwie ab, aber dennoch bleibt alles hölzern, vielleicht, weil das Thema auf diese Art nicht mehr darstellbar ist, denn viel mehr als eine beliebige Soap-Geschichte kommt am Ende nicht rüber und der psychologische Tiefgang der Figuren bleibt ebenso auf diesem Niveau stecken. So bleibt es dabei: Männer sind Männer, Frauen sind Frauen und irgendwie brauchen sie einander ohne wirklich miteinander auszukommen oder sich gar zu verstehen. So, what?

Der Regisseur Christian Hanisch, der ja zum letztjährigen Regieduell einen bezaubernd tuntigen Aristophanes inszeniert hat und sogar den Leipziger Preis für Bewegungskunst 2006 gewonnen hat, bleibt hier weit hinter seinen Möglichkeiten zurück und ignoriert sämtliche Einwürfe, die es in den 80er, 90er und den letzten Jahren zu dem oben genannten Thema gegeben hat. Warum, bleibt sein Geheimnis, aber so gerät der Abend leider sehr flach und es bleibt die Frage, warum man sich so etwas angucken sollte.

Zwischen den Lagern
Es ist immer ein risikoreiches Unterfangen, wenn der Autor des Stücks zugleich Regisseur der Uraufführung ist, besteht doch die Gefahr, dass diese künstlerische Doppelfunktion die bei der Inszenierung nötige Distanz zum Werk verhindert. Denn, das wusste schon Heiner Müller, der Text ist immer schlauer als sein Autor, und um dieses Mehr herauszukitzeln braucht es im Regelfall einen zweiten Kopf. Ansonsten besteht die Gefahr, dass der Regisseur-Autor sich in sein Werk verrennt und es hermeneutisch vom Zuschauer abriegelt, der aufgrund der offensichtlich geschlossenen Form keinen rechten Zugang findet. Scherben. Die Pathologie eines Verrats von Autor und Regisseur Marek S. Bednarsky geht leider in diese Richtung. Auf den Amateurtheatertagen im Lofft präsentierte er sein Werk nach der Uraufführung im Juni 2007 in der Villa.

Das Thema ist nicht schlecht gewählt: Es geht um Lager, Diktatur und Freiheit. Dreh- und Angelpunkt ist die Figur des Georg Danjelew, gespielt von Henning Dumke, der, soviel drama-biographische Details vermag man dem Stück zu entnehmen, selbst im Lager geboren und dann Metallschleifer geworden ist. Das Szenario ist angesiedelt zwischen stalinistischer Diktatur und orwellscher Zukunft irgendwo in Osteuropa. Georg kommt frei, arbeitet in der Fabrik, dort gibt ein Bomben-Attentat, das er wohl begangen hat und bei dem zahlreiche Arbeiter ums Leben kommen. Georg wandert zurück ins Lager und wird dort von den Geheimdienstbeamten Wolkow (Björn-Alexander Strank) und Danka (Iris Schröder) iins Verhör genommen. Eine weitere Figur ist Tanja (Karoline Stegemann), die wohl Georgs Geliebte ist und ihn außerdem zum Attentat anstiftet und doch nur benutzt hat für die politischen Pläne des Widerstands. All dies aber bleibt schemenhaft und wird in ständigem Wechsel von innen und außen des Lagers erzählt. Dazu gibt es immer wieder Akustik-Fetzen: Freude Schöner Götterfunken und Sätze wie "Es gibt nichts Unpolitisches" oder "Frei ist kein Ort und kein Zustand. Frei ist eine Zeit. Die Zeit zwischen deinem Ausbruch und der Kugel im Rücken."

Trotz dieser guten Anlage kommt das Ganze nicht so recht aus den Startlöchern. Es fehlt ein Rhythmus, der es gliedert. Für Stillstand ist zuviel im Fluss, für Bewegung bleibt es zu statisch. Und so wünscht man sich manches Mal einen Regisseur, der den Text gebürstet hätte, um zu sehen, was außer der bedrückenden Stimmung des Unvertrauens, der Unterdrückung und der Recht- und Hilflosigkeit noch herauszuholen gewesen wäre auf der Bühne. So steht sich Bednarsky selbst im Weg zumal auch die schauspielerische Leistung nicht das Niveau des gut gemachten Amateurtheaters verlässt.

(Torben Ibs)


Eine weitere Rezension zu Sexual Perversity in Chicago:

19.12.2006
"Sexual Perversity" in Connewitz - Die Cammerspiele inszenieren David Mamet (Leonie Roos)

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