| Drucken25.08.2006 

Vom Winzling und den wilden Vögeln – „Nils Holgersson” im Figurentheater (Tobias Prüwer)

"Nils Holgersson - Eine wunderbare Reise"
Figurentheater Wilde & Vogel
Lindenfels Westflügel
Regie: Christiane Zanger
Text und Spiel: Claudia Olma
Spiel: Michael Vogel
Musik: Charlotte Wilde
24. & 25. August
www.figurentheater-wildevogel.de


Vom Winzling und den wilden Vögeln - Nils Holgersson im Figurentheater


Es herbstet im Westflügel: Welkes Laub liegt verstreut und man vermeint dessen modriges Aroma zu riechen. Wie eine im Wind wiegende Wäscheleine ist quer durch den Bühnenraum ein großes Laken gespannt. Allerlei Schnüre reichen von der Decke. Darin schweben im Dunkel unerkennbare Gegenstände. Im Hintergrund zupft ein Bass. Plötzlich ertönt eine Trompete, ein Junge in Holzschuhen tritt auf, das Spiel beginnt.

Was soll man bloß anfangen mit diesem Taugenichts und Tunichtgut Nils Holgersson, der mit sich selbst nichts anzufangen weiß? Aus Übermut und Langeweile treibt er mal wieder mit dem Hauswichtel seine groben Späße. Doch da platzt diesem die Hutschnur. Flugs ein Zauberspruch aufgesagt und schon findet sich der Holgersson selbst zum Winzling gemacht auf dem Rücken der Hausgans Martin wieder. Gemeinsam folgen sie der Spur der Wildgänse auf dem Vogelzug, finden Aufnahme im Schwarm und begeben sich - im Titel ist es bereits verraten - auf eine wunderbare Reise durch und über Schweden.

Im traumwandlerischen Spiel führen Vogel und Olma die Figuren. Zuweilen tänzerisch inszenieren sie von Wilde musikalisch begleitet das Fest der Tiere, den Zug der Gänse, den Flug des Adlers. Die Figuren verschmelzen mit den Körpern der Spielenden und ihren Bewegungen. Trompete und Bass, Geige und lautmalerischer Gesang ersetzen - Tiere können schließlich nicht sprechen - die sprachliche Vermittlung. Diese ist auch gar nicht nötig für das Verstehen der animalischen Dialoge, wenn etwa zwischen Martin und der Wildgänseanführerin Akka ein schnatternder Singsang anschwillt oder der fiese Fuchs Smirre um seine Beute geprellt den Blues hat und diesen intoniert. In der schwebenden, sich in stetiger Bewegung und Metamorphose befindender Inszenierung wird der ganze Raum zur Bühne und die Spielfläche immer wieder variiert. Die Kulisse hängt buchstäblich in den Seilen: Von der Decke werden die Bühnenbildteile und Requisiten herab gelassen. Dies erlaubt die überaus wandelbare Gestaltung des Bühnenraumes. Mal sieht man einen Lichtkegel auf dem Boden bespielt, dann findet Schattentheater auf einer Leinwand oder an die Wand projizierten Fläche statt, oder tanzt der Figurenreigen einfach frei in der Luft.

Selma Lagerlöfs nobelpreisgekrönte Erzählung um Läuterung und Menschwerdung des Nils Holgersson in der Wildnis wird hier in ein poetisches Spielstück umgegossen. Aus der Perspektive der wilden Vögel heraus wird der belehrende Charakter der Geschichte durch eine intensive naturästhetische Komponente erweitert. Es scheint, als ob man den Jahreszeitenwandel, Wind und Schnee auf der eigenen Haut spürt. Hierin, in der erfahrbaren Natur, in Einfachheit und Einfallsreichtum der darstellenden Mittel, liegt das Besondere dieses faszinierenden Fluges durch ein zauberhaftes Figurenspiel.

(Tobias Prüwer)

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