Melanie Willmann | Drucken21.10.2008 

Von unfassbar Menschlichem

Die japanische Legende von Miroku in einer Figureninszenierung

Worte bleiben außen vor. Körper nehmen sich der Sprache an. Das Scheinwerferlicht folgt zwei Körpern, einem belebtem und einem zum Leben erweckten. Der Puppenspieler Hôichi Okamoto erzählt im Rahmen des Theater-Festivals OHAYÔ, JAPAN! mit der faszinierenden Kunst des Figurentheaters alte Geschichten aus seiner Kultur.
Elemente von Schauspiel, Tanz, Musik und bildender Kunst in Form von Maskierungen und Puppen sowie die Gestaltung des Bühnenraums fließen im Spiel des Figurenkünstlers virtuos zusammen. Okamoto ist in der Figurentheaterszene seines Heimatlandes eine bedeutende Größe. So wurde sein solistisch angelegtes Spiel bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
Zum zweiten Mal holt sich der Lindenfels Westflügel - neben den kooperierenden Bühnen in Dresden und Dessau - Japan mit einem vielfältigen Programm, zu dem unter anderem Butô, Nô, Cello-Performance und eben das Figurentheater gehören, ins Haus.

Ein Kopf wird enthüllt. Entweder ist er abgeschlagen oder steht als pars pro toto für den verstorbenen Geliebten. Sein Haar ist weiß und lang, das der Puppe ist schwarz. Die fliegenden Strähnen streicht sie sich immer wieder aus dem Gesicht. Auch wehen die Kleider, die Ärmel ihres Kimonos. Sie hält den Kopf eines Mannes in den Händen. Ihr gieriger Mund trinkt das Blut, das dem Schädel noch zu entrinnen scheint. Die Puppe wirft sich mit dem Kopf in den Armen auf die Knie, sie läuft, tanzt und flieht durch den Raum. Okamoto bleibt während der ganzen Vorstellung stumm - selbst wenn er sich aus der braunen Kutte schält und als Mitspieler entpuppt. Der Zuschauer weiß nur vom Titel, dass es sich um die japanische Legende von Miroku, einem bedrohlichen Buddha, handelt. In Okamotos Inszenierung wird er als Frau wiedergeboren und geht durch Gefühle von Liebe und Hass, durch Stadien wie Geburt und Tod. Die essentiellen Emotionen und Lebensphasen werden ausdrucksstark in Bewegungen und Gesten umgesetzt.
In dem dunklen Raum des Westflügels stechen die intensiven Farbtöne besonders hervor: Das Rot des Kleides, das Weiß der Haut, das Schwarz von Haar und Raum transportieren Gefühle gleich der Musik, die sowohl durch Instrumental- als auch Chorpartien mythische, fast sakrale Bedeutungen assoziieren lässt.
Die Darstellung erhält ihre besondere Intensität weniger durch eine klassisch transportierte Geschichte als vielmehr durch Stimmungen auslösende Gesten und Klänge. Die Puppe zweifelt im Knien, verzweifelt in brausenden Drehungen. Ein wallendes Tuch in Kirschrot - das an Untergang in blutigem Kampf oder Vereinigung von Buddha und Frauenkörper denken lässt - , verdeckt und enthüllt Geliebte und Geliebten, Leben und Tod in Gestalt der Puppe und dem völlig weißen Spieler. Zusammen fallen, schleppen, schweben sie über den Boden. Der Puppenspieler hebt die Arme der Puppe in den Himmel, lässt ihr Gesicht dann wieder verzweifelt in die Hände sinken. Die Puppe und ihr Spieler liegen sich in den Armen, sie hasten und flüchten durch den Raum, liegen am Boden, dann verschwinden sie unter dem Tuch. Die das Schauspiel begleitende Musik wird dabei lauter und schneller.... Etwas Unfassbares bricht aus. Durch solch atmosphärisch verdichteten Gestus erfährt der Zuschauer ohne Worte von Leidenschaft, Hoffnung und Schmerz der Figuren.

Weil Bewegungen, Töne und Farben die Geschichte erzählen, fordert das Stück aufmerksames Beobachten. Sich vorher zu belesen schadet ob der abstrakt bleibenden Handlung nicht. Angesichts langer, ruhiger, wie Monologe anmutender Passagen wird die Aufnahmefähigkeit des sonst vornehmlich Sprechtheater gewöhnten Publikums auf die Probe gestellt. Japanisches Theater wirft Sehgewohnheiten um. Einmal zart, dann wieder eisig. Wer bereit war, sich dem zu öffnen, konnte sich dem Nachvollziehen elementarer Lebensphasen und Gefühle genussvoll hingeben. Aufwühlend war es in jedem Falle.

Miroku Denshô - Die Legende von Miroku
Figurentheater Hyakki-Dondoro (Nagano, Japan)
Inszenierung und Figurenspiel: Hôichi Okamoto
Premiere: 19. September 2008
Aufführung vom 21. September 2008
Lindenfels Westflügel
www.westfluegel.de

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