| Drucken30.01.2007 

Von zwei Waisenkindern: Benjamin Brittens „The Turn of the Screw” (Steffen Kühn)

The Turn of the Screw
Oper Leipzig - Musikalische Komödie
26. Januar 2007

Benjamin Britten
Oper in zwei Akten mit Prolog
Libretto nach Henry James von Myfanwy Piper

Musikalische Leitung: Balzács Kocsár
Inszenierung: Immo Karaman
Bühne: Kaspar Zwimpfer
Kostüme: Marie-Louise Walek
Musiker des Gewandhausorchesters


Oper in der Muko - The Turn of the Screw von Benjamin Britten

Der Plot für The Turn of the Screw, wörtlich etwa Das Durchdrehen, stammt aus dem Jahr 1898. Henry James schrieb die gleichnamige Novelle nach einer überlieferten Begebenheit: Zwei Kinder werden von verstorbenen Bediensteten heimgesucht und zu verruchten Handlungen verführt. Weniger geht wohl kaum und gerade dieses dünne Material soll James gereizt haben seine Novelle zu schreiben. Bewusst verzichtete er auf konkrete Einzelheiten, um dem Leser die Erfindung der fehlenden (gruseligen) Details zu überlassen. Der Stoff war wie gemacht für die Zeit des Fin de si?cle. Wo Freud schulmeisterlich das Bewusste vom Unterbewussten zu trennen versuchte, spielten die Künste schon längst mit den fließenden Übergängen zwischen Realität und Phantasie.

Benjamin Britten war sofort begeistert als ihm Myfanwy Piper The Turn of the Screw als Stoff für seinen nächste Oper nach Billy Budd (1951) vorschlug. Ganz im Geiste der Novelle beauftragte er seine Librettistin die Handlung nicht auszudeuten und nur einfache Worte zu verwenden: "Gib den Wörtern keine Farbe, das macht dann die Musik", und trefflich nutzte er seine eigene Vorlage, um die Phantasie des Bösen in Musik zu setzen. Durch die kleine Kammerbesetzung erreichte er eine kribbelnde Transparenz und opulente Farbigkeit. Sinnlichkeit schafft die Kombination von Harfe und tiefen Holzbläsern, Celesta und Glocken erzeugen ätherische Momente, himmlisch und schrecklich zugleich.

Im Prolog erhält die Gouvernante den Auftrag Flora und Miles, zwei Waisenkinder in ihre Obhut zu nehmen, allerdings mit der kategorischen Anweisung niemals Kontakt mit dem Vormund der Kinder aufzunehmen - Schlagzeug und Sprechgesang. Angekommen in Bly, dem Ort der Handlung kann sie beobachten, wie die Haushälterin Mrs. Grose die Kinder dressiert, abwechselnd müssen sie sich verbeugen im strengen Rhythmus der Musik. Mrs. Grose eine etwas liederliche Frau, immer mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen. Flora und Miles in kurzen englischen Schuluniformen, die Gouvernante zugeknöpft und ganz in lila. Die Bühne kommt mit wenigen Mitteln aus, eine riesige Treppe wird fortwährend in Lage und Aufbau verändert, je verruchter das Geschehen desto verrückter die Treppe, am Ende steht die Treppe Kopf, wie witzig! An den Wänden der Versprünge und Nischen des Bühnenraumes überall ornamentale dunkle Tapeten ebenso auf den transluzenten Vorhängen, ein langer Text im Programmheft aus Die gelbe Tapete von Charlotte Perkins-Gilman unterstreicht die Obsession der Regie für Tapeten, Muster und Oberflächen.

Die Gouvernante ist kaum angekommen, da beginnt es schon komisch zu werden. Peter Quint ein ehemaliger Hausangestellter erscheint, ebenso die frühere Gouvernante Miss Jessel. Beide sind unter mysteriösen Umständen gestorben. Mrs. Grose beschreibt Quint als lüsternen Mann mit schlechtem Einfluss auf die Kinder. Die Musik ist nah am Text, erste geheimnisvolle Schatten werden von wildem Glöckeln begleitet. Miles singt ein Kinderlied, hinter der stoischen Entschlossenheit mit der er immer wieder das Wort "Malo" wiederholt scheint etwas Düsteres hervorzublitzen, der Gouvernante gruselt es kräftig, gleichzeitig will sie mehr Wissen, ist fasziniert vom aufdämmernden Bösen. Quint wird zum Dauergast, als Sänger hinter der Bühne mit Finnur Bjarnason, auf der Bühne gibt Gabor Zsitva, ein ehemaliger Tänzer des Leipziger Balletts, einen ledernen Perversen, der die mitgeisternde Miss Jessel malträtiert, die Szenen sind sehr dick aufgetragen, mit dem Gürtel geht es zur Sache. Durch diese starken Bilder zerstört die Inszenierung jegliche Vielschichtigkeit, in Verbindung mit dem starrem Bühnenbild wird die dem Stoff innewohnende Mehrdimensionalität verspielt. Wo Mrs. Grose wirklich den lüsternen Quint sieht, träumt sich die Gouvernante vielleicht das Ende ihrer Unschuld. Miles ist einfach nur fasziniert vom Anderen und Abnormen sicher ohne die schmierigen Hintergedanken der Haushälterin auch nur zu erahnen. Eine weitere spannende Ebene ist die Anziehung, die Miles auf die Gouvernante ausübt. Die Inszenierung verschenkt den surrealen Ansatz des Stoffes und das Herausarbeitens mehrerer Deutungsebenen und fällt damit weit hinter die immanente Modernität von The Turn of the Screw zurück.

Joan Rodgers brilliert als Gouvernante und wird nur szenisch von Kathrin Göring als liederliche Haushälterin übertroffen. Und dann die Kinder: Neben der anspruchsvollen Partitur haben sie auch noch szenisch allerhand zu leisten: Schulstunden, Spiele, Um-die-Wette-Laufen, dabei trotzdem noch diese Leichtigkeit zu bewahren, wirklich höchst professionell. Die Gewandhausmusiker unter Balzács Kocsár spielen präzise und mit viel Emotionen, die Musik kann das Versprechen der Oper einlösen, besonders die zum Teil solistisch eingesetzte Harfe schafft eine kribbelnde Sinnlichkeit.

(Steffen Kühn)

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