Moritz Arand | Drucken31.01.2012 

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf

Amina Gusner inszeniert „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ am Centraltheater

Katja Riemann, Anne Haug, Peter René Lüdicke, Karim Cherif (Fotos: R.Arnold/Centraltheater)

Viele Gemeinsamkeiten mit der einst real existierenden Person Virginia Woolf, der viel zitierten Ikone der Emanzipationsbewegung der 1970er Jahre, lassen sich nicht erkennen, wenn man sich dem Stück von Edward Albee Wer hat Angst vor Virginia Woolf hingibt. Wenn, dann lediglich in negativer Hinsicht eines fehlgeschlagenen Versuchs individueller Instandsetzung und Verortung – jenseits von Männlich und Weiblich – mit all seinen grausamen Folgen. Emanzipation lässt sich nicht erkennen. Abhängigkeit und Entwürdigung sind die zentralen Motive des Stücks.

Die Geschichte der Koproduktion von Theater und Komödie am Kurfürstendamm und dem Centraltheater Leipzig (Regie: Amina Gusner) ist schnell erzählt: Auf einer spärlich eingerichteten Bühne – nur eine Reihe mit Stühlen und jede Menge Flaschen mit alkoholischem Inhalt bilden das Bühnenbild, das nach hinten von einer weißen Wand begrenzt wird – sieht man Martha (Katja Riemann) und George (Peter René Lüdicke), die spät in der Nacht nach Hause kommen. Beide sind bereits angetrunken und Martha eröffnet George, dass sie noch Gäste geladen hat, die jeden Moment kommen müssen. Was das für Gäste sein müssen, die eine solche Einladung zu nachtschlafender Stunde annehmen? Der skurrile Rahmen ist damit schon geschustert. Das, was nun in diesen Rahmen hineingespielt wird, ist emotionaler Terror, Vergewaltigung subtilster Art. In einem an Demütigungen reichen Beziehungsduell zwischen Martha und George, das zumeist verbaler Natur ist und nur manchmal physisch zu entgleiten droht, wenn George Martha würgt oder sie mit einem Spielzeugmesser versucht zu erstechen, sekundieren die Gäste Nick (Karim Cherif) und Süße (in Albees Text Honey), gespielt von Anne Haug, anfangs noch. Doch im Verlauf der Handlung gerät auch dieses Paar, angetrieben durch den reichlich fließenden Alkohol und die Eskapaden von Martha und George, in den Mahlstrom, der hinter den Fassaden klafft, die sich die jungen Schwärmer als Illusion einer ekelhaften Überglücklichkeitsutopie erschwindelt haben.

Katja Riemann

Martha, die Tochter des Rektors der Universität Neukarthagos, an deren Fakultät für Geschichte sich ihr Ehemann George als Professor betätigt, ist eine zerrüttete Figur, die sich ihrer von Selbsthass zerfressenen Niedergeschlagenheit nicht anderes erwehren kann als George zu erniedrigen, um sich selbst zu erhöhen. Dass diese Höhe keine eigentliche Höhe ist, entlarvt ihre divenhafte Attitüde als lächerliches Stelzen, das einem betrunkenen Stolpern verschwistert zur Seite steht. Sie witzelt permanent über Georges mangelnde Potenz, beschimpft ihn als Versager aus dem Sumpf, macht sich über sein fehlgeschlagenes Romanprojekt lustig. Dabei ist sie immer einem kindischen Verhöhnen nahe, das erklärbärhaft dem Gegenüber verhöhnend die lange Nase zeigt. Aber das ist nur die Oberfläche. In der Tiefe erkennt man ihren inneren Machtkampf zwischen freiheitlichen Aufbruchswillen, Lebendigkeit, Glück und dem Verhaftet-Sein in ihrer Rolle als Ehefrau eines Mannes, der nicht ihren überhöhten Selbstansprüchen entspricht – gar nicht entsprechen muss und kann. Ihr laszives Gebaren, mit dem sie sich an den jungen Biologieprofessor Nick heranschleicht, ist bei ihr nur ein Mittel, um sich der Aufmerksamkeit ihres Gatten zu versichern. Und doch braucht sie George, sucht ihn, wenn er nicht da ist. Er ist es, der sie einstmals wirklich glücklich gemacht hat, der den fatalen Fehler begangen hat, sie zu lieben. Katja Riemann spielt ihre Rolle solide und glänzt am Ende in den Selbstbekenntnissen ihrer Figur, die verbal das bestätigt, was relativ früh im Stück schon klar zutage tritt. Doch dieses Frühe nimmt dem Stück ein wenig den Wind aus den Segeln und lässt es mitunter dahinfließen.

Warum sie George geheiratet hat, ist relativ schnell klar: Als Tochter eines übermächtigen Vaters rächt sie sich an George dafür, dass sie jenem großen Mann nicht nahe sein kann. Sie hatte George sogar unter dem Gesichtspunkt der Nachfolge auf dem Stuhl des Rektors ausgewählt. Doch diesen Auftrag konnte George nicht erfüllen. In zynischer Art und Weise, die nicht mehr getäuschte Wahrnehmung der Gegebenheiten stoisch erduldend, spielt Peter René Lüdicke seine Figur sehr pointiert. Der Aberwitz der Rolle wechselt mit der Niedergeschlagenheit eines misshandelten Mannes, dem eine Lust an dem Schauprozess, der sich auf der Bühne vollzieht, nicht ganz abgesprochen werden kann. Auch wenn ihm die klassische Erhabenheit des Wissenden abgeht, so ist er doch die eigentliche Konstante des Stücks. Er weiß sich sehr wohl zu wehren, auch wenn ihn die Angriffe seiner Frau ein um das andere Mal niederwerfen. Und doch ist es nur eine Abwehr gegen einen Angriff, dem kein lösendes Ziel gegenübersteht. Der Stellungskrieg endet nicht und greift sogar auf Nick über. George verwendet die Liebesgeschichte, die Nick ihm im betrunkenen Zustand erzählt, um ihn damit vor seiner Frau, die von einer sagenhaften Abwehr gegen jede sie betreffende Wahrheit gekennzeichnet ist, unmöglich zu machen und rächt sich damit an dieser schleimigen Figur mit ihrem unechten Lächeln, die so stark wie sie sich physisch gebärdet, mental gar nicht ist. Er fühlt sich von diesem Biologen, der Chromosomen verändert, bedroht, fürchtet nicht nur symbolisch sterilisiert zu werden. Mit seiner Vitalität und Naivität ist Nick ein potentieller Gegner von George, der aber letztlich auch nur Spielball in einem bekannten Spiel ist. Und George kennt die Regeln des Spiels sehr genau und kann sie zu seinen Gunsten auslegen. Nicht einmal der Betrug seiner Frau mit Nick, wirft ihn aus der Bahn. Es hat den Anschein, als wäre dieser Abend von Martha und George selbst inszeniert. Als bräuchten sie dieses Spiel, den Masochismus ihrer Rolle, die immer auch sadistische Züge zeigt, als bräuchten sie das exhibitionistische Moment, um sich im anderen selbst noch einmal zu vergewissern.

Peter René Lüdicke, Karim Cherif

Alles Agieren entspricht einer einzigen Kreisbewegung – unterstützt durch eine rotierende Bühne –, einer sich immer aufs Neue, nie enden wollenden Karussellfahrt, bei der es nur folgerichtig erscheint, dass der süßen Honey übel wird und sie sich fetal auf dem Fliesenboden des Badezimmer zusammenkauert, wie der Botenbericht Marthas kundgibt.

Die Stühle, die die Bühne mal in einer Reihe, mal zerstreut bevölkern, erinnern an einen Warteraum, in dem die Patienten auf ihren Termin warten, um sich auf die Couch zu legen, was ihnen auch sehr zu wünschen wäre. Aber es bleibt nur die gefährliche Enge des Warteraums, dessen Vorteil die Nähe der Figuren zueinander ist. Eine Nähe, die sie mit ihren ureigenen Ängsten und Sehnsüchten, die nicht immer trennscharf geschieden werden können, konfrontiert.

Alle weinen innerlich, aber keiner zeigt es. Ein grausames Ehrgefühl und eine emotionale Verhärtung, die nur unter dem stärksten Druck äußerster Demütigung für kurze Zeit aufbricht, sind charakteristisch und fressen die Figuren von innen auf. Alle haben Angst vorm bösen Wolf, der nicht nur ihr Gegenüber ist, sondern auch sie selbst sind. Der Alkohol, der die emotionalen Eruptionen hervorbringt, löst die Spannung nicht, sondern verschärft und konserviert selbige zugunsten des völligen Zusammenbruchs. Auch die weiße Wand, die Kulisse fällt in sich zusammen. Der Wolf hat das Haus aus Stroh einstürzen lassen. Am Ende liegt Martha weinend in Georges Armen und gesteht ihm ihre Angst.

Das Stück zeigt in nicht immer mitreißender Form die Geschichte zweier Beziehungen zwischen Demütigungen und verzehrender Zuneigung der jeweiligen Partner. Es ist beseelt vom Geist der Rache. Nietzsche herbei zitierend, sind das Jetzt und Ehemals ihr Unerträgliches. Es ist ein Hin-und-Her-Taumeln zwischen Angriff und Abwehr, zwischen Vorwurf und dem Anflug eines sehnsüchtigen Glücksbedürfnisses, das sich selber disqualifiziert. Auch die komischen Momente, wirken in diesem Psychodrama als Fassade, die den Zuschauer nicht vor der Wirklichkeit der Illusion schützt.

Wer hat Angst vor Virginia Woolf

R.: Amina Gusner

Mit: Karim Cherif, Anne Haug, Peter René Lüdicke, Katja Riemann

Leipzig-Premiere: 19. Januar 2012, Centraltheater


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