Alexandra Hennig, Doreen Kunze | Drucken05.10.2010 

Wie Fliegen

Flugschule: Ciacconna clox lässt in der Märcheninszenierung „Die wilden Schwäne“ seine kleinen Zuschauer fliegen – Werkstatt-Tage im Theater der Jungen Welt

Theatergruppe Ciacconna clox (Foto: Tom Schulze)

Du stehst auf einem weißen Hocker. Auf Zehenspitzen. Ein Gefühl so ähnlich wie Fahrradfahren. Erst den Berg hinauf. Abstrampeln. Bis du dann ganz oben bist. Und dann rollst du. Du rollst und rollst und das gibt dieses Kribbeln im Bauch. Du könntest die Hände vom Lenker nehmen. Fast wie fliegen, aus eigenem Antrieb. Du hebst einfach ab und dann: Wuuuuuuuusch.

Wie das so geht - das Fliegen zum Beispiel: Vertrauen haben in sich selbst, durchhalten, kämpfen und den Mut nicht verlieren. Und wie schwer es ist, nicht reden und vor allem nicht lachen zu dürfen. Eine Ahnung davon bekommt man in der die Inszenierung „Die Wilden Schwäne“ von Stefan Ebeling im Rahmen der 17. Werkstatt-Tage der Kinder-und Jugendtheater. Die Handlung des grimmschen Märchens ist wohlbekannt: Die Prinzessin Elisa befreit ihre elf verwunschenen Brüder vom Fluch der bösen Stiefmutter. Sie wurden einst in wilde Schwäne verwandelt.

Eine Märcheninszenierung also, die sich sehen lassen kann. Denn die Geschichte der tapferen Prinzessin erscheint hier so liebevoll gespielt, wenn die Körper von Michael Hinze, Heide Kalisch, Jana Rath und Anna Städler zu Schwänen werden und durch die Lüfte schweben, wenn sie tanzend ihre Flügel ausbreiten und man meint, den Luftwiderstand zu spüren. Sie scheinen wirklich zu fliegen, bis von den Schwänen nur noch ein weißes Seidentuch übrig bleibt, welches über den Köpfen der Zuschauer davon gleitet.

Alles hier wirkt bezaubernd. Ja: gezaubert wird – und getanzt, gesungen, gelacht. Auch wenn Elisa nicht lachen darf, wenn sie den Fluch brechen will. Was um Himmels willen soll sie nur machen? Die Kinder sind hier buchstäblich mitten im Geschehen - der Tipp einer kleinen Zuschauerin: „Lach dich doch erst mal aus!“ Gesagt, getan. Immer wieder werden die Kinder so mit einbezogen, stehen sogar alle brav in einer Reihe, um auch einmal „zu fliegen“: mit Unterstützung der Schauspieler von einem weißen Hocker schwebend. Der Bogen spannt sich spielerisch zurück zum Märchengeschehen, nachdem alle befriedigend lange und weit geflogen sind.

Die Faszination dieser Inszenierung schöpft aus der Vorstellungskraft, sie liegt in den Bildern, die durch die gestisch untermalten Erzählungen, Tänze und den Gesang vor den Augen der Zuschauer entstehen. Aus diesem Märchen möchte man nicht mehr so schnell erwachen. Hier, wo Elisas Herzklopfen durch rhythmisch-musikalische Schläge zu sehen und zu hören ist. Turbulent und unverfroren kommt das Märchen der Gebrüder Grimm an diesem Vormittag bei der Theatergruppe Ciacconna clox daher. Es wird getanzt, getobt, gesungen, mit einfachsten Hilfsmitteln Musik gemacht, gespielt mit Licht und Schatten: Schattenspiele, wie direkt aus einem Himmelbett ins Theater geträumt.

Einfühlsam und leise schafft es die Heldin, die böse Stiefmutter zu besiegen. Sie gewinnt ihre Liebe - den Prinzen - und ihre Brüder zurück. Nur ihr kleinster Bruder wird seinen linken Arm nicht zurückbekommen: er bleibt ein Schwanenflügel. Da könnte man nach dieser hinreißenden Flugstunde glatt neidisch werden.

Die Wilden Schwäne

Nach den Gebrüder Grimm

Gastspiel von Ciacconna clox, Leipzig

Anlässlich der 17. Werkstatt-Tage der Kinder- und Jugendtheater

1.Oktober 2010, KulturKino Zwenkau


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