| Drucken21.11.2006 

Wien mäßig: „Der Theatermacher” (Steffen Kühn)

Thomas Bernhard: Der Theatermacher
Theater an der Josefstadt
Regie: Harald Clemen
Musik: Peter Kaizar
Mit: Otto Schenk, Marianne Nentwich,
Erich Altenkopf, Therese Lohner, Alexander Grill,
Adelheid Picha & Sarah Wimmer
Premiere: 9. November 2006


Thomas Bernhard: Der Theatermacher

Grünlich modert der Schimmel die feuchten Wände hoch im verstaubten Tanzsaal des Gasthofs "Schwarzer Hirsch" in Utzbach, einem Provinznest mit 280 Einwohnern. Um den Saal dürfte sich seit längerem niemand mehr gekümmert haben. Der ehemalige Staatsschauspieler Bruscon will dort seine Weltkomödie Das Rad der Geschichte aufführen, deren Höhepunkt und Voraussetzung die absolute Finsternis sein soll. Seine Schauspieltruppe besteht aus seiner lungenkranken, ewig hustenden Frau, dem unbegabten Sohn Ferruccio und der nicht den Ansprüchen des Vaters entsprechenden Tochter Sarah.

Während Bruscon sich über die stumpfsinnige Gesellschaft und das Drama des Künstlers auslässt, tyrannisiert er mit seinem verbissenen Perfektionismus seine Familie. Doch die profane Wirklichkeit beschert seinem Theater, das irritierend und kompromisslos sein soll, zuerst einmal den wöchentlichen Blutwursttag und dann noch ein Gewitter samt einem Pfarrhof, der in Flammen aufgeht. In einer kunstfeindlichen Welt kann nur mit größter Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst und gegen die anderen Kunst gemacht werden.

Der Pressetext macht neugierig, Theater vom großen Weltverdüsterer Bernhard, das kleine Theater im quicklebendigen Wiener Stadtteil Josefstadt ist ausverkauft. Was wir aber heute sehen hat mit der vielschichtigen Presseankündigung nichts gemein. Die Inszenierung zeigt die Geschichte eines senilen, despotischen Altschauspielers, der seine Minderwertigkeitskomplexe an seiner Familie auslässt, Seitenhieb auf Frauen im Allgemeinen und Österreich im Speziellen. Die Inszenierung begnügt sich damit, dass der Theatermacher den Text Bernhards in onkelhafter Manier herunterspielt. Sätze wie "Frauen sind Gift für das Theater" kommen eindimensional daher, so eindimensional und vorhersehbar wie der Weg vom Stammtisch zum WC. "Jede Theaterprobe ist doch die Offenbarung des Grauenhaftesten und Mörderischsten, dass man sich vorstellen kann, aber nicht in der Form, dass sich die Schauspieler wimmernd am Boden wälzen und blöde herumbrüllen" (Claus Peymann, aus dem Programmheft) Leider wimmert Bruscons Frau andauernd und Bruscon schreit blöde herum, wenn er nicht das richtige Mineralwasser bekommt..........Mäßiger Applaus und dann schnell wieder zur Musik!

(Steffen Kühn)

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