Moritz Arand | Drucken05.01.2012 

Der Anfang vom Ende der Bildergewalt

Die Neuinszenierung von „Wir sind nicht das Ende“ verweigert sich dem Spektakel und öffnet sich dem Banalen

Günther Harder (Fotos: R.Arnold/Centraltheater)

9/11 – Diese Kennziffer kann jeder entschlüsseln. Sie ist eingeritzt in das kollektive Gedächtnis der ganzen Welt. Jeder hat eine Beziehung zu diesem symbolischen Ereignis von globaler Bedeutung, das in den Streik der Ereignisse nicht nur buchstäblich einschlug. Was aber die Wenigsten anerkennen wollen, weil es schwer fassbar zu sein scheint, ist der Umstand, dass auch jene Attentäter Beziehungen hatten. Diese Beziehung des Einzelnen zu einem Gegenüber bildet die Grundlage des Stückes, das von Manuel Harder für die Skala neu inszeniert wurde. Hier geht es nicht um kollabierende Türme, staubbedeckte Gesichter oder Feuerwehrleute, nicht um all die vielbeschworenen Bilder des Katastrophenfilms aus Manhattan, wie Baudrillard gesagt hat. Auf der Bühne wird die Beziehung von Aishe Senguen (Birgit Unterweger) und Ziad Jarrha (Günther Harder), einer der Attentäter des 11. September 2001, verhandelt. Im Mittelpunkt der Handlung steht SIE. Sie, die sich mit all dem konfrontiert sieht, was die Tat ihres Mannes vor allem mit ihr gemacht hat. Sie ist eine Frau, die zwischen allen Höhen und Tiefen des Gefühls hin und her wankt. Ihre Erinnerungen machen sie zu einer in sich zerrissenen Person. Zwischen freiheitlichem Aufbruchswillen und resignierenden Zusammenbruch bewegt sich die Figur im Staub der Arena.

Der Zuschauer sitzt auf sich gegenüberstehenden Sitzgelegenheiten, die wenig komfortabel sind – dadurch wird allerdings schon physisch das Einfühlen in das Unkomfortable begünstigt. Zwischen den Bänken liegt die Bühne aus Rindenmulch und gelbem Sand, die einen modrigen Geruch im gesamten Raum verbreitet. Es ist der Gestank der Schweinerei, die hier vonstattengeht. In diesem circus maximus kann man der emotionalen Vergewaltigung von Aishe beiwohnen. Sie wird von einem BND-Beamten im gleißenden Schein eines Strahlers verhört, von einem angeblichen Freund Ziads bedrängt. Ihre Erinnerungen an die einstigen Wünsche und Hoffnungen sind zu den Qualen ihres Jetzt geworden, zum festen Bestandteil einer emotional zerrütteten Person, die trotz ihres Selbstbehauptungswillens dem resignierenden Zusammenbruch nahe ist.

In der ersten Szene sitzt SIE im Lichtkegel des Scheinwerfers vor einer schwarzen Mauer. Gegen diese Mauer wird sie die gesamte Zeit des Stücks physisch und metaphysisch anspielen, ankämpfen. Zerschlagen kann sie diese Mauer aber nicht. Das unentwegte Changieren zwischen Wut und Verzweiflung, zwischen liebender Erinnerung und enttäuschter Realität wird von Birgit Unterweger bemerkenswert dargestellt. Durch die Nähe des Zuschauers zum Ort des Spiels sind die Figuren beinahe greifbar – man sieht die vor wütendem Geschrei heraustretenden Adern an Birgit Unterwegers Hals. Die vierte Wand ist porös, aber da.

Birgit Unterweger, Günther Harder

„Wenn du die Maske abnimmst, werde ich dich nicht erkennen... einen Ziad habe ich geliebt.“ – das sind ihre Worte, die sehr klar den Grund ihrer Trauer benennen. Es handelt sich um das Unechte, das Janusköpfige ihres geliebten Mannes. Die Konfrontation mit den anderen Figuren, alle von Günther Harder gespielt, unterstreicht den Maskencharakter in einer weiteren Dimension. Allerdings ist die Unterscheidung der verschiedenen Figuren nicht immer einfach zu fassen. Es hat den Anschein, als spiele Günther Harder immer dieselbe Rolle. Mit perfidem Lächeln, kalter Jenseitigkeit, aber auch glaubwürdiger Zuneigung, die allerdings ins Fatale abdriftet, lässt sich die Rolle Günther Harders beschreiben. Dass er von Birgit Unterweger gegen die schwarze Wand gespielt wird, scheint nur konsequent zu sein und ist keine Kritik an der schauspielerischen Leistung; im Gegenteil. In dem Maß, in dem Ziad in die nihilistische Destruktion versinkt, steigt die Selbstbehauptung einer wehrhaften, doch tief getroffenen Frau, die trotz alledem die Narbe, die sie sich zufügt und die ihr zugefügt wird, nicht mehr verbergen kann.

Die kollidierende Beziehung der beiden schraubt sich in ekstatische Höhen, wenn sie beispielsweise in schwindelerregendem Tempo durch ein imaginäres Paris eilen, um dann euphoriongleich in den Abgrund zu stürzen. Ziad ist der Schmetterling, der sich nicht mit dem Schein des Lichtes begnügen konnte, sondern ins Licht fliegt und dort verbrennt. Wenn Ziad hier eine mythologische Nähe zu Ikaros hat, so hat Aishe die ihrige in der Figur der Penelope. An der bekannten Narbe am Bein will sie ihren Ziad wiedererkennen, wenn er zurückkommt, um sie zu holen. Aber er wird nicht kommen und sie wird von einem Toten geliebt. Das Warten auf das Unerwartbare, die Grausamkeit des Unfassbaren, das so unfassbar gar nicht ist, macht einen wesentlichen Moment des Stücks aus. Es ist der Versuch sich des Mythos 9/11 zu entziehen, ihn zu banalisieren und aufs Menschlich-Allzumenschliche runterzubrechen. Das dieses Vorhaben aber wieder mit einem Mythos realisiert werden will – wie kühn dieses Vorhaben auch sein mag – ist eine kritische Stelle, die gleichzeitig auch den blinden Fleck des Stücks bildet. Aber das ist ein Problem des Textes und ein Problem des Mythos im Allgemeinen.

In letzter Konsequenz müsste man der Inszenierung einen störenden Hang zur Beliebigkeit vorwerfen. Aber durch den befreienden Akt der Zurückholung des Symbolischen ins Menschliche, soll heißen durch den Verzicht auf sensationsheischende Stereotypen und die Fokussierung auf die Darstellung der Beziehung von Ziad und Aishe, wird diese Beliebigkeit zum Prinzip. Leider fehlt es diesem Stück streckenweise an Tiefe, wodurch die Beliebigkeit mitunter störend wirkt.

Dieses Stück bedient nicht die sadomasochistischen Neigungen zur Katastrophe, es ist kein Spektakel kollektiver Trauerarbeit. Es ist die Geschichte einer ganz normalen, wenn auch leider tragisch endenden Beziehung. Diese bisher unerhörte (in der Bedeutung von „noch nie gehört“) Normalität ist die eigentliche Stärke des Stückes, dessen Hinterlassenschaft einen Widerstand erzeugt, der das Ende der längst fälligen Bildergewalt, die im Grunde Komplize des Terror ist, leider nicht immer zulassen will.

Wir sind nicht das Ende

R: Manuel Harder

Mit: Günther Harder, Birgit Unterweger

Premiere: 15. Dezember 2011, Skala


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