| Drucken12.12.2002 

Zeit ist Geld, auch beim Tanz: Tanzperformance im Rahmen der WÄRMERÜCKGEWINNUNG (Babette Dieterich)

12.12.2002, Schaubühne Lindenfels

NO MONEY, NO LOVE

Tanzperformance im Rahmen der WÄRMERÜCKGEWINNUNG
Konzept/Choreografie/Performance: Jochen Roller
Künstlerische Mitarbeit/Performance: Angela Guerreiro
Produktion: Podewil, Berlin (UA 27.11.2002)


?Ich bin ein tanzender Verkäufer?

Clever manipulieren. So bewerbe ich mich richtig. Körpersprache. Gewinnen am Neuen Markt. Diese und andere Buchtitel stehen auf der Tanzfläche, im Hintergrund gefüllte Einkaufstaschen, vorn links eine Schautafel und in der Mitte ein Ständer mit Mikro. An dieses hinkt nun Jochen Roller und erzählt, auf Krücken gestützt, von seinen Beobachtungen aus dem Leben eines Tänzers, der in die Rolle eines H&M-Verkäufers schlüpft. Angela Guerreiro performt seine Worte. Aus dem monotonen T-Shirt-Zusammenfalten entwickelt sich ein seltsam abgehackter Tanz, kombiniert aus Routinebewegungen und zuckenden Breakdance-Ausbrüchen.

Unerlässlich für einen Künstler, der für die Kunst, doch nicht von ihr lebt, ist eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Wie lange muss ich arbeiten, um mir eine Performance zu finanzieren? Was bringt, was kostet mich ein Auftritt? Angela Guerreiro assistiert Jochen Rollers Ausführungen und schreibt Zahlen an die Schautafel. Die Lacher bleiben manchem Kunstbeflissenen aus dem Publikum im Halse stecken.

Einen Job nach dem anderen klopft Jochen Roller auf seine Tanzbarkeit ab. Bei Künstlern begehrt: Call Center. ?Da macht jeder was parallel. Die Mädchen lackieren sich die Nägel, die Jungs lesen Playboy, die Maler bringen ihre Zeichenutensilien mit, die Schriftsteller ihre Laptops, und mit schnurlosem Headset können die Tänzer sogar ihre Performance üben.?

Künstleridylle? Weit gefehlt. Als Beispiel listet uns Jochen Roller zwei ganz normale Arbeitstage aus der Probenphase für diese Performance auf: Irgendwo zwischen Briefe sortieren bei der Post, Fahrradkurierdienst und Putzen im Büro sind auch zwei Stunden Probe reingequetscht. Zu dumm, dass der Tag nur 24 Stunden hat.

Während eines 3-Minuten-Musikstücks tüten die beiden Tänzer Briefe ein und erwirtschaften in dieser Zeit sichtbar für alle 5,- Euro. Diese wollen sie dem überlassen, der in dieser Zeit eine Performance macht. Da sich aber keiner traut, überreicht Jochen Roller den Schein der Dame von der Presse, die ihn gerne einsteckt. Danke. Der freie Journalismus ist ja auch nicht gerade auf Rosen gebettet.

Jochen Roller überzeugt uns von den Vorteilen eines Bauchmuskeltrainers, gibt einen kleinen Exkurs in NLP für aufsteigende Arbeitnehmer. In einem verspielten Moment liegen die beiden Protagonisten auf dem Boden und umlegen ihre Körperumrisse mit kleinen Produktschachteln aus dem Kinderkaufmannsladen, im Hintergrund läuft ein Liebeslied. Die Konsumgesellschaft lässt grüßen.

Wir sind alle Verkäufer, auch die Künstler müssen sich verkaufen. Etwas zur Hilfe kommen ihnen die Künstlerdienste, die, natürlich gegen Vermittlungsgebühr, ihnen Auftritte verschaffen. Mehrere Künstlerdienstansagen unterbrechen immer wieder die Tanzszenen. Eine neutrale Frauenstimme (Lisa Lucassen) preist diverse Künstler und ihre Fähigkeiten an. Wie T-Shirts, oder eben wie Bauchmuskeltrainer. Oder Lachmuskeltrainer? Lustig ist das Künstlerleben...

In einer Tanzeinlage kurz vor Schluss zeigt uns Jochen Roller, dass auch sein Hinken nur eine Rolle war. Seiner Krücken entledigt, wird er einen kurzen Moment lang zum Tänzer, um, erneut hinkend, den Applaus in Empfang zu nehmen. Das Klatschen war dann ganz selbstverständlich die Rolle des Publikums.

NO MONEY, NO LOVE ist der erste Teil der Performance-Serie ?perform performing?. Der zweite Teil ART GIGOLO hat am 30. April 2003 auf Kampnagel in Hamburg Premiere. Weiter so, Herr Roller, Sie spielen Ihre Rollen gut.

(Babette Dieterich)

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