| Drucken23.07.2005 

Ziemlich deutsch: Louis Spohrs „Jessonda” in der Reihe „Oper am Klavier” (Sebastian Schmideler)

Louis Spohr: "Jessonda"
Reihe "Oper am Klavier"
Kellertheater der Oper Leipzig
23. Juni 2005


Ziemlich deutsch: Louis Spohrs indische "Jessonda" in der Reihe "Oper am Klavier"

Am 9. Februar 1824 fand im Leipziger Theater unter der Leitung des Komponisten eine der denkwürdigsten Aufführungen von Louis Spohrs einst weithin und viele Jahrzehnte lang gefeierten Oper "Jessonda" statt. Spohr selbst berichtete über den Bahn brechenden Erfolg seines Werkes: "Beim Eintritt in's Orchester wurde ich mit allgemeinem Jubel begrüßt, die Ouvertüre wurde stürmisch und anhaltend da capo verlangt. J e d e Nummer ward mit lebhaften Beifall aufgenommen und noch vier derselben da capo verlangt ? Den größten, wirklich wüthenden Enthusiasmus erregte das Duett zwischen Amazali und Nadori. Schon nach dem ersten Akt erhob sich in einer Loge des ersten Ranges ein Sprecher und hielt eine Anrede an mich, in der er mich als einen wahren Meister deutscher Kunst bezeichnete und das Publikum aufforderte, mir ein dreimaliges Lebehoch zu bringen. Dies geschah mit Begleitung von Trompeten und Pauken in einem Tutti, daß ich glaubte, die Mauern würden einstürzen. Ein gleiches und ein ?da capo Jessonda!' ertönte am Schlusse der Oper. Hofrath Küstner überschickte mir am Tage nach der Aufführung das Doppelte des bedungenen Honorars, und als ich bei der Abreise im Wirthshause die Rechnung bezahlen wollte, war sie schon berichtigt ?"

O tempora, o mores! Hunderteinundachtzig Jahre später muss das Leipziger Publikum schon einen verlockend schönen Juniabend opfern und sich trotz strahlendem Sonnenschein in die düsteren Gewölbe des Kellertheaters hinab begeben, um privatissime und in gekürzter Version dieselbe Oper zu hören, die nun so vergessen ist, dass man fast vergessen hätte, sie aufzuführen ... Und auch die Zeiten der doppelt ausgezahlten Gage dürften mittlerweile der Vergangenheit angehören.
Doch immerhin: Am 23. Juni 2005 wurde das einmal viel geliebte Repertoirestück in der Reihe "Oper am Klavier" für einen Augenblick der Vergessenheit entrissen - wie immer szenisch eingerichtet von Gundula Nowack und mit Hans-Georg Kluge am Klavier. Ein durchaus aufschlussreicher Abend entführte in das tief religiöse Indien der Zeit der Konquistadoren, respective in ein Indien, wie es sich das exotistische 19. Jahrhundert ausmalte (siehe Heine Heine).

Denn wirklich indisch ist diese Oper mit keiner einzigen Note. Wie man überhaupt darüber streiten kann, ob die nunmehr in den ewigen Dornröschenschlaf entschlummerte "Jessonda" jemals wieder erwachen wird. Es müsste schon ein sehr bedeutender Prinz sein, dem es gelänge, sie wieder wach zu küssen. Dabei ist es keine Frage: Unbestritten hat die Oper ihre lichten Momente! Besonders in musikalischer Hinsicht. Spohr spart zwar nicht mit deftigen, hausgemachten Effekten für alle diejenigen, die Musik hören wollen, um Reminiszenzen zu durchschauen: Zauberflöte, Beethovens Fünfte oder Schuberts Trauermarsch sind nur einige Beispiele, die Spohr mit ungewollter Komik in sein Werk eingeflochten hat. Ungewöhnlich ist allerdings, wie originär und wie sehr gelungen Spohr Duette, Terzette und Quartette formt, in denen die solistischen Partien in außerordentlich eigenständiger Melodienführung Note für Note geradezu gegeneinander singen und somit jede Figur ihre besondere, eigenständige, charakteristische Tönung bekommt. Diese anspruchsvolle Besonderheit des Spohrschen Komponierstils gibt allerdings reichlich Anlass zum Staunen. Und auch die Auswahl dieser Oper in die beliebte Reihe des Kellertheaters ist im Prinzip vollauf gerechtfertigt: Denn der im Libretto angedeutete Religionskonflikt, der das Aufeinanderprallen von alter und neuer Welt thematisiert, ist ungeachtet des platten Exotismus' in der Textvorlage aktueller denn je. Erzählt wird eine spannende Story. Die indische Schönheit Jessonda ist dem rituellen Opfertod geweiht, durch ihre Liebe zu dem europäisch geprägten portugiesischen Konquistadoren Tristan d'Acunha wird ihr Konflikt zwischen Leben und Tod, Tradition und Individualität, Liebe und Macht durchaus plausibel auf die Spitze getrieben. Alles endet, wie es im 19. Jahrhundert zu enden pflegte. Es siegt die europäische Zivilisation. Von der Sache her. Denn leider schwächelt das Libretto an allen Ecken und Enden und überzeugt durch die vielfältigen Klischees leider nicht. Es gibt zwar eine ganze Reihe Musikwissenschaftler, die Ludwig Gehe, der diesen Text geschrieben hat, zu den bedeutenden Librettisten des 19. Jahrhunderts zählen, aber dieses Urteil dürfte sich inzwischen relativiert haben. Die Aufführung zeigt es einmal mehr. Es mangelt allerorten nicht an unfreiwilliger Komik, und das Ganze krankt an dem alten Grundübel solcher dramatischen Entwürfe mit allzu hochgesteckten Zielen, einem Grundübel, das die ganz alten Gymnasialprofessoren früher einmal unbarmherzig mit dem Wort "Schwulst" angekreidet haben. Hier in einer heutigen Interpretation die Waage zu halten, stellte vor allem die Sänger der kleinen Querschnitt-Aufführung auf die Probe und wurde zu ihrer eigentlichen Hauptaufgabe.

Man entschloss sich zu einer sehr ernsthaften Interpretation. Jürgen Kurth als in Jessonda verliebter portugiesischer Eroberer Tristan d'Acunha mischt allerdings geschickt eine kleine Portion Ironie in seine Rolle ein und zeigt damit, dass er über dem Libretto und der bisweilen schmachtenden Musik steht. Anne-Marie Seager als Amazili beweist hingegen einmal mehr, wie sehr ihre sängerische Darstellungskraft in der letzten Zeit gewachsen und gereift ist, sodass sie auch in dieser Rolle durch und durch überzeugend wirkt. Stanley Jacksons stattlich ausgesungener und gut durchgearbeiteter Nadori ist ungeachtet einiger weniger Manierismen eine der bemerkenswerten Leistungen und ein wirklicher Höhepunkt der Aufführung. Auch Hendrikje Wangemann in der Hauptrolle der Jessonda bemühte sich erfolgreich, der Figur tragischen Ernst und leidenschaftliche Glaubwürdigkeit zu verleihen. Und zugegeben: Auch an solchen Momenten, wo man Spohrs musikdramatische Kunstfertigkeit nicht anders als bewundern kann, mangelt es nicht. Volltönend machtvoll steht Erwin Noack als Contrepart Oberbrahmin Dandau Jessonda zur Seite. Torsten Süring als Pedro Lopez ist ideal besetzt.
Kostüme, Regierarbeit und Requisite sind den Möglichkeiten des Kellertheaters vollauf angepasst. Wollte man die Interpretation stilhistorisch einordnen, könnte man sagen: meiningerisierend. Denn der Meininger Herzog hätte im 19. Jahrhundert seine wahre Freude gehabt an all der Mimese in dieser opernhaften Darstellung.
Hans-Georg Kluge mit Turban und Brille schmauchte zwischenrein folgerichtig indische Wasserpfeife und trank Tee. Ansonsten spielte er Oper am Klavier. Und zwar ziemlich deutsch.

(Sebastian Schmideler)

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