Franziska Hilde Frank | Drucken16.12.2010 

Weisheit und Ökologie

Der Westflügel bringt mit dem Gastspiel des polnischen Teatr Wegajty zwei Deutschlandpremieren nach Leipzig

Einblicke in die Theaterpraxis und die Gedanken der Menschen in Nord-Ost-Polen (Fotos: Pawel Gorecki)

Der weise Blick eines alten Menschen, die Erfahrung, auf die er zurückblickt, die Gedanken und Gefühle, die er hegt(e). Von all diesem Leben möchte man viel öfter einen Blick erhaschen. Einführend zum Stück Prolog einer Komödie. Szenen zwischen Poesie und Dokumentation erhält der Zuschauer jenen Einblick: Ein Video lässt Anna Wojtyniak, eine über 80-Jährige polnische Bewohnerin des ermländischen Dorf Nowe Kawkowo, sprechen, deren Texte auch Grundlage des darauffolgenden Prolog einer Komödie sind. Dieses erste von zwei Stücken des Teatr Węgajty bearbeitet Gedichte der polnischen Lyrikerin Wisława Szymborska und Texte eben jener im Video gesehenen Anna Wojtyniak. „Solange ich lebe, sterbe ich nie“, sagt sie.

Zofia Bartoszewicz und Erdmute Sobaszek hatten die Idee und sind gleichzeitig die Ausführenden dieser szenischen Bearbeitung. Mit intensivem Spiel setzen sie sich mit sich, ihrem Gegenüber und dem Text auseinander. Witzige Details, wie eine versteckte Geige hinter einem der wenigen Requisiten (ein stehendes, berindetes Stück Holz), eine Tischdecke als Brautschleier oder ein imaginäres Seil lassen trotz der polnischen Sprache ein Lächeln über das Zuschauergesicht huschen. Leider können sich aber nicht die gesamten Texte durch Bildsprache ausdrücken: Für den, der des Polnischen nicht mächtig ist, bleibt ein großes Verständnisproblem.

Das ändert sich auch im zweiten Teil Water 2030. Roots and Shoots oder Tradition und Ökologie nicht. Allerdings ist das nicht sonderlich entscheidend, denn Kernaussagen über das Wasser werden übersetzt und können „erkannt werden“. In einer Art Chor-Spieler-Konstellation steigt die Anzahl der Agierenden auf der Bühne erheblich. Gespickt mit Tänzen, Gesang, Musik und unterstützt von allerlei Instrumenten, drehen sich die episodenhaften Teile um ein Ganzes: das Wasser. Aus der Choraufstellung verschwinden die Akteure hinter einer provisorisch aufgestellt wirkenden, schwarzen Wand, schlüpfen dort in verschiedenste Masken und Kostüme und stellen mit Gesang und Musik Verbindung zum Element, Treibhaus- oder auch Migrantenproblematik her. Immer wieder wird das Publikum aufgefordert, mit zu tanzen. Am Schluss ist daraus eine Art Volkstanz geworden und die Hälfte der 80 Zuschauer tanzen auf der Bhne zu einer alten israelischen Volksweise, gespielt auf Oboe und Akkordeon.

Zunächst irritierend wirkten die scheinbare Laienhaftigkeit einiger Darsteller und die dadurch entstehende Assoziation mit Schultheater. Da sind sie einerseits fast schüchtern vor ihrer eigenen Präsenz, haben aber andererseits eine so große Kraft und Intensität im Spiel, von der man sich gerne aufsaugen lassen konnte. Es entstand eine Art von Theater ab der Gewohnheit.

Sympathische zwei Stunden im Westflügel, die Einblick in die Theaterpraxis und die Gedanken der Menschen in Nord-Ost-Polen geben.

Gezeigt wurden die Produktionen im Rahmen von Ost ist West, einem Projekt des Leipziger Vereins Freunde der Borussia Olsztyn/Allenstein e. V. Es stellte zwischen Mai und September 2010 Künstler aus der nordpolnischen Stadt Olsztyn in Leipzig vor. Mit Blick nach Osten wird auch in Olsztyn zwanzig Jahre nach dem Mauerfall über eine regionale Identität im zusammenwachsenden Europa diskutiert. Ost ist West präsentiert zeitgenössische künstlerische Positionen aus Musik, Literatur, Kunst und Theater im Umgang mit der kulturellen Landschaft einer europäischen Region.

Ost ist West

Zwei Produktionen des Teatr Węgajty


Prolog einer Komödie

Idee und Ausführung: Zofia Bartoszewicz, Erdmute Sobaszek

Musik und Filmdokumentation: Zofia Bartoszewicz


Water 2030

Regie: Wacław Sobaszek.

Mit: Zofia Bartoszewicz, Magda Drozdowicz, Krzysztof Dziemian,

Barbara Grzybowska, Karolina Placha, Erdmute Sobaszek, Wacław Sobaszek, Barbara Szpunier, Sebastian Świąder, Dawid Zelinka, Paulina Mju Zielińska


Premiere: 29. November 2010, Lindenfels Westflügel

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