Tobias Prüwer | Drucken11.06.2009 

Zwischen Ästhetik und Abakus

Zweite Zuschauerkonferenz am Schauspiel Leipzig

Ich nenne ästhetisches Regime ein Regime, welches keine Form der Entsprechung mehr ... voraussetzt. Dieses Regime qualifiziert die Dinge der Kunst nicht nach den Regeln ihrer Produktion, sondern nach ihrer Zugehörigkeit zu einem besonderen Sensorium und zu einem spezifischen Erfahrungsmodus. ... Das soll heißen, dass die Produkte der Künste nicht länger über die Höhe der Stellung des Sujets, die sie behandeln, qualifiziert werden, oder über Bestimmungen, die sie erfüllen oder über soziale Kräfte, denen sie dienen.
Jacques Rancière: Ist Kunst widerständig?

Zum zweiten Mal nun hatte das Team um Sebastian Hartmann zur Zuschauerkonferenz geladen - eine schöne Geste. Dass es weitestgehend bei dieser blieb, ist nicht ihm anzukreiden. Bereits beim Platznehmen schwante dem Autor, in welchen Fahrwassern sich die Diskussion bewegen wird. Zwei mittelalte Damen rügten flüsternd die legere Kleiderordnung der vier Herren und der einen Dame - Intendant Sebastian Hartmann, Hausphilosoph Guillaume Paoli, Spinnwerk-Leiterin Katrin Richter, Chefdramaturg Uwe Bautz und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit Jörg van der Horst -, die am Bühnenrand Platz genommen hatten. Die waren nämlich allesamt ohne Anzug respektive Kleid in die heiligen Hallen der Bosestraße gekommen, auf die manch eineR noch eine Erbpacht zu haben glaubt.

Bei der ersten ZuschauerInnenmeldung schon war es wieder da, dieses unverständige Lagerdenken. Nach leichten Ausfällen gegen ein junges Publikum, das mit "Sportbekleidung" und "Bierdosen" ins Theater gehe, und dem Unmut gegen Rucksäcke äußerte die Zuschauerin, dass sie mit Hartmanns Stil nichts anfangen könne. Das mag sein und ist sicherlich schade, wie auch Hartmann zugab. Neben diesem subjektiven Einstieg allerdings forderte sie den Intendanten in zwar zurückhaltendem, aber nicht weniger anmaßendem Ton auf, den Erfolg seines Konzepts mit Zahlenwerk zu legitimieren. (Ob ihr die Inszenierungen besser gefallen würden, wenn mehr Leute Hartmann sehen wöllten als Engel?) Paoli wies zum Glück sofort darauf hin, dass sich Ästhetik nicht mit dem Abakus bewerten lasse. Derartig ging der Tenor des Abends fort und stets wurde der in seiner Existenz von Hartmann mehrmals verneinte Graben zwischen altem und jungem Publikum behauptet. Ob jetzt eine Email unbeantwortet blieb oder nicht, wie eine andere Kritik lautete, kann hier nicht beurteilt werden. Immerhin gab es ein Bedauern von Seiten der Öffentlichkeitsarbeit. Genauso unentschieden wird bleiben, wie und ob eine Besucherin von Regisseurin Mareike Mikat bei StudiVZ beleidigt worden ist oder nicht. Was - by the way - völlig ohne Belang ist. Immerhin bestätigten auch andere RednerInnen den Eindruck dieser Besucherin, Hartmann & Co. seien mit einer gewissen Arroganz nach Leipzig gekommen. Das mag so gewesen sein, man kann aber Berliner Schnoddrigkeit auch anders deuten, die Zuschauerkonferenz jedenfalls war von einer solchen Haltung rein gar nicht geprägt. Das Schauspielteam bemühte sich, die verschiedenen Einwürfe zu verstehen und auf diese zu antworten. Hartmann wurde nur entschiedener, als er die Zuschreibung von sich wies, ein Dienstleister zu sein - zu Recht.

Dem subjektiven Unbehagen einiger BesucherInnen zum Trotz: Möchte man sich das Theater denn wirklich als einen Ort vorstellen, an dem man sich wohl, heimelig und behütet fühlt? Zu keiner Zeit - und schon gar nicht in dieser - sollte Theater zum Kuscheln einladen, fürs Gemüt sein, die BürgerInnen mit sich und der Welt versöhnen. Dafür gibt es Kirchen, Tempel, Kaufhäuser. Und wenn ein Mensch noch immer nicht versteht, warum ausgerechnet bei Macbeth Kunstblut fließen muss, dann lese er vielleicht einmal das Original und lasse sich nicht von Strumpfhosenaufführungen aufs versöhnlich-bürgerliche Glatteis führen. Dass bei der Auseinandersetzung mit Kunst im Akt des Sich-ihr-Aussetzens auch Sehgewohnheiten eine Rolle spielen, wollte halt nicht allen einleuchten. Vom Sich-Einlassen einmal ganz abgesehen. Aber Bildungsanlässe kann man nur geben, Bildungsprozesse lassen sich nicht forcieren. Immerhin wurden auch ein paar spannendere Einzelfragen von Menschen gestellt, die dem neuen Konzept eher positiv gegenüberstanden, bis sich wieder diese Art der Fundamentalopposition aufbaute. Ob man denn nicht einen Kompromiss finden könnte, wurde da noch einmal zum Schluss gefragt, und verschiedene Inszenierungen für "jung" und "alt" anbieten könnte. Auf die Frage, wie man sich das vorstellen soll, konnte die Rednerin dann nicht antworten. Ein "so wie bei Herrn Engel" konnte sie sich wohl verkneifen, wie der Autor hier einfach einmal unterstellt.

Kurzum: Der Usus der Ignoranz wurde auch bei der zweiten Konferenzauflage gepflegt, nicht von allen, aber das bleibt als stärkster Eindruck zurück. Etwas anderes verdutzte: Hartmann meinte, er halte sich bei den Inszenierungen zurück, würde eigentlich noch viel radikaler arbeiten wollen und auch die Schauspieler hätten einen Hunger auf Welt sowie die Auseinandersetzung damit. Was soll dann die Zurückhaltung? Einem unverständigen Publikum, das nicht artikulieren kann, was es will außer ein "früher" oder "klassisch" zu bemühen, ist es ohnehin nicht recht zu machen. Und dass auch viele ZuschauerInnen Lust auf mehr haben, zeigten die positiven Stimmen an diesem Abend. Also, liebes Schauspiel Leipzig, werde radikaler! Wenn die eher laue zweite Spielzeithälfte dazu diente, Kraft für das Kommende zu sammeln, dann wohl an. Der Autor jedenfalls ist gespannt.Bevor man fragt: was ist das?, was bedeutet das?, vor dem quid, ist ?zunächst? sozusagen erfordert, daß es geschieht, quod. Daß es geschieht, geht sozusagen immer der Frage nach dem, was geschieht ?voraus?. Denn daß es geschieht: das ist die Frage als Ereignis; ?danach? erst bezieht sie sich auf das Ereignis, das soeben geschehen ist. Das Ereignis vollzieht sich als Fragezeichen, noch bevor es als Frage erscheint.
Jean-François Lyotard: Der Augenblick, Newman

Zuschauerkonferenz

Centraltheater, 8. Juni 2009

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