| Drucken28.02.2008 

Zwischen Prekariat und Popkultur: „Woyzeck” (Anica Klingler-Mandig)

Georg Büchner: Woyzeck
Theater der Jungen Welt
Regie: Jürgen Zielinski
Spiel: Gösta Bornschein, Violetta Czok, Matthias Klaußner, Martin Klemm, Susanne Krämer, Chris Lopatta, Sven Reese, Reinhart Reimann u.a.
Komposition: Michael Rodach
Ausstattung: Mathias Rümmler
Dramaturgie: Matthias Schiffner
Premiere: 21. Februar 2008
www.tdjw.de


Woyzeck zwischen Prekariat und Popkultur

Es red´t immer: Stich! Stich!
Und zieht mir zwischen den Augen wie ein Messer

Seit seiner Uraufführung 1913 war Büchners Woyzeck in unzähligen Varianten auf der Bühne und sogar auf der Kinoleinwand zu sehen. Nicht zuletzt sein fragmentarischer Charakter und die vom Autor nicht festgelegte Szenenfolge reizen zu immer neuer Auseinandersetzung und provozieren eine sehr persönliche Lesart. Im Theater der Jungen Welt hat nun Intendant Jürgen Zielinski das Stück inszeniert.

Die zahlreichen Erniedrigungen, die Woyzeck (Martin Klemm) zu erleiden hat, nehmen in der Inszenierung am Theater der Jungen Welt Showcharakter an. Der als aalglatter Businessmann auftretende Doktor, leidenschaftlich von Sven Reese gespielt, stellt Woyzeck nicht nur wie bei Büchner in kleinem Kreis bloß, sondern tut dies in aller Öffentlichkeit. Dies wird durch die Anordnung des Publikums verstärkt, dass sich auf zwei Seiten der Bühne gegenüber sitzt. Skrupellos wirbt der Doktor mit seiner attraktiven, blonden Assistentin für das Produkt "Leckererbsen", während Woyzeck erheblich an den Nebenwirkungen der Erbsendiät leidet. Woyzeck wird zum Spielball des Doktors, er verkommt zum Objekt. Diese unheimliche Vermischung von Kränkung, Öffentlichkeit und Vermarktung erinnert deutlich an die Normalität des Boulevardfernsehens. Auch die bei Büchner vorgeführten Jahrmarkttiere werden bei Zielinski von Woyzeck verkörpert und somit erfährt dieser eine weitere Bloßstellung. Auf dem Karussell wird Woyzeck mit Affenmaske als "unterste Stufe vom menschlichen Geschlecht" ausgestellt.

Woyzecks unaufhörliche Kopfarbeit findet in dem Bühnenbild von Mathias Rümmler eine prägnante Entsprechung. Woyzeck ist mitten im bunten Treiben der Kirmes angesiedelt. Ein Karussell mit nur einem einzigen kleinen Pferd ist zwischen einer großen, farbenprächtigen Bude und einer schlichten, fast jämmerlich wirkenden Holzhütte platziert. Dieser konkret gestaltete Ort wird durch einen über der Bühne hängenden Kubus, der über eine Strickleiter erreichbar ist, kontrastiert. Der aus feinmaschigem, dünnem schwarzem Stoff bestehende Kubus ist je nach Lichtintensität blickdicht oder blickdurchlässig. Er bildet einen undefinierten Raum, der mal Kaserne, freies Feld, aber vor allen Dingen Woyzecks Realität, sein Hirnfieber und seine Isolation verkörpert.

Während Woyzeck, auf dessen T-Shirt die Aufschrift "Full-Service" zu lesen ist, weiterhin zur Schau gestellt wird, putzt und rasiert, bändelt seine Freundin Marie (Susanne Krämer) mit dem herausstaffierten Tambourmajor (Chris Lopatta) an. Raffiniert ist die von schneller elektronischer Musik beleitete Liebesszene zwischen beiden gestaltet, die in einem begierigen Verzehr eines Jahrmarktapfels kulminiert. Als Woyzeck durch den im Rollstuhl sitzenden Hauptmann (Reinhart Reimann) von dieser Affäre erfährt, beginnt das Fass endgültig überzulaufen. Marie wird durch Bemalung mit rotem Lippenstift getötet. Mit dem Schütteln einer Glocke versucht sich Woyzeck nun die anderen, jetzt allerdings maskierten Spieler vom Leib zu halten. Gerade so als wollte er einen bösen Zauber abwehren. In dieser Szene entfaltet Woyzeck eine äußerst starke Präsenz, die während der Vorstellung jedoch leider immer wieder etwas verblasst.

Am Ende darf jeder Spieler Woyzeck zu seinem gelungenen Mord gratulieren. Die Inszenierung führt vor, dass und auf welche Weise soziale Umstände Gewalt forcieren können und greift damit die aktuelle Diskussion um härtere Bestrafung von gewalttätigen Jugendlichen und um den Zusammenhang von prekären Arbeitsverhältnissen, Armut und Gewalt auf. Sie lässt jedoch offen, inwiefern Woyzeck Opfer oder Täter ist.

(Anica Klingler-Mandig)

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