Steffen Lehmann | Drucken27.05.2002 

Es ist vorbei

Ein Kommentar zum 31. Deutsches Turnfest in Leipzig

Vom 16. bis 19. Oktober 1813 fand bei Leipzig die sogenannte Völkerschlacht statt. Tausende Soldaten kampierten und kämpften in diesen Herbsttagen auf den Feldern um Leipzig. Am Ende siegten die Armeen von Preußen, Russland und Österreich gegen Napoleon. Das Ende der französischen Besatzung war gekommen. Nun, fast 190 Jahre später, wurde Leipzig erneut belagert. Diesmal waren es keine Soldaten, sondern 100.000 Teilnehmer am 31. Deutschen Turnfest. Am Freitag fielen die vielen Tausend von jungen und alten Turnern und notorischen Turnfestbesuchern wie ein Heuschreckenschwarm in die Stadt ein. An jeder Ecke tauchten plötzlich Trainingsanzüge auf. Nie allein. Immer in der Gruppe. Das Vereinsleben hat Konjunktur.

Ein besonderes Bonmot war das Aufeinandertreffen der Enkel von Turnvater Jahn mit den Gästen des ?Wave und Gotik Treffens?. Turnbeutel meets Tüll-Rock. Bisweilen hatten die Szenen etwas Bizarres. ?Mir san sehr verwundert. In de ganze Stadt sin lauder Schwarze mit umgedrehte Kreuze?, sagte eine Familie aus Heilbronn. In Heilbronn liest man vom Bösen wirklich nur in der Zeitung. Gott hab es selig, das Schwabenland. In schwarz gekleidete Menschen, die im Schatten ihr Make-up schützen und Kräfte vor dem Konzertmarathon sammeln wollten, mussten immer wieder als Foto-Objekte herhalten. Gab es so etwas nicht schon einmal früher auf Jahrmärkten, als Schaulustige sich an armen Geschöpfen ergötzen konnten?

Bis zum Freitag vor Pfingsten hatte man ja in der Zeitung davon gelesen: Das erste Turnfest nach der Wiedervereinigung im Osten Deutschlands würde in Leipzig stattfinden und welche Stadt wäre auch besser geeignet. Nun ist Bescheidenheit eine Tugend, die im Neuen Rathaus mithin sehr schwierig zu finden ist. Man trägt sich ja ernsthaft mit dem Gedanken, die Olympischen Spiele 2012 nach Leipzig zu holen. Ohne als Spielverderber gelten zu wollen: Es ist zu hoffen, dass dieser Kelch an Leipzig vorüber gehen möge. Denn das Turnfest hat gezeigt, dass Leipzigs Infrastruktur diese Menschenmassen nicht bewältigen kann. Überfüllte Verkehrsmittel und Warteschlangen vor den gastronomischen Rückzugsorten haben eine deutliche Sprache gesprochen. Bei 100.000 Besuchern mag es ja gerade noch gut gegangen sein. Aber diese Zahl potenziert sich bei Olympia noch um ein Vielfaches.

Doch bei all dieser Glückseligkeit über tanzende und singender Turnfestteilnehmer, was haben die Leipziger gemacht? Viel hat man nicht von ihnen gesehen. Nicht in den überfüllten Kneipen, nicht in den Straßen. Man konnte den Eindruck gewinnen, sie hätten sich mit Nahrungsmittelvorräten in ihren Wohnungen eingebunkert. Gleichwohl beteuerte OBM Tiefensee, dass die Begeisterung der Leipziger für ihn die eigentliche Überraschung des Turnfests gewesen ist. Wie bitte?

Am Ende hat eine Gruppe aus dem Ruhrgebiet dem geplagten Autor aus dem Herzen gesprochen: "Die Leipziger sind bestimmt froh, wenn das alles vorbei ist." Ja.

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