Stefan Neumeier | Drucken05.11.2019 

Die Charta 77 aus tschechischer und Leipziger Sicht

Das Stadtgeschichtliche Museum zeigt noch bis 17. November eine Ausstellung zur tschechoslowakischen Protestbewegung der späten 70er-Jahre

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Ihren Ursprung hatte die Protestbewegung in der Künstlerszene. Musiker Paul Wilson und Literaturkritiker Jan Lopatká im Jahr 1976. (Foto: Helena Wilsonová, Archiv von Jan Lopatková)

Am Neujahrstag 1977 veröffentlichen in der Tschechoslowakei (ČSSR) mehr als zweihundert Menschen, darunter Kommunisten, Atheisten, Christen und Bürgerrechtler, eine Erklärung. Darin kritisieren sie die Verletzungen von Bürger- und Menschenrechten durch das kommunistische Regierung. Wenige Tage später erscheint die Erklärung in mehreren westlichen Zeitungen. In der ČSSR von den Massenmedien verschwiegen, wird diese Charta 77 dennoch innerhalb kürzester Zeit landesweit bekannt.

Mit der Entstehung und der Wirkungsgeschichte dieser Erklärung und der von ihr ausgehenden Bewegung beschäftigt sich derzeit eine kleine Ausstellung des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig im bekannten Winkel am Bildermuseum (Haus Böttchergäßchen). Genau genommen handelt es sich um drei Ausstellungen.

Ausstellungsteil der Tschechischen Nationalgalerie

Bereits beim ersten Durchgang fallen in der Mitte des großen Ausstellungsraums zahlreiche Gemälde und Fotografien tschechischer Künstler der Nachkriegszeit auf. An drei Wänden finden sich Exponate, die die Entstehungsgeschichte, die Solidaritätsbekundungen und die massiven Gegenreaktionen in der damaligen Tschechoslowakei illustrieren. Die Kunstwerke und Exponate gehören zu einer in Prag von Zuzana Brikcius kuratierten Ausstellung der Tschechischen Nationalgalerie, welche im Rahmen des Tschechischen Kulturjahres den Weg nach Leipzig gefunden hat.

An der vierten Wand steuert das Stadtgeschichtliche Museum aus seinen eigenen Beständen und in Zusammenarbeit mit dem Archiv Bürgerbewegung Leipzig zahlreiche Plakate und Berichte bei (und auch einige Objekte wie zum Beispiel einen Rucksack), die dem Besucher die Rezeption der Charta 77 in den damaligen beiden deutschen Staaten nahebringen.

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Haftfoto von Václav Havel, 1979 (Foto: Tschechisches Nationalarchiv)

Bei näherem Hinsehen stellt man fest, dass der tschechische Beitrag die Entstehung der Charta 77 anders verortet als der deutsche Teil. Zu Beginn der Ausstellung geht es um eine scheinbar unpolitische Hochzeit in der Prager Künstlerszene im Frühjahr 1976. Dennoch kam es im Umfeld zu Verhaftungen und Repressionen durch den tschechoslowakischen Staat, die in der Folgezeit zunahmen. Der künstlerische Untergrund politisierte sich und pochte längst nicht nur auf die Freiheit der Kunst, sondern auch auf die Wahrnehmung von Bürgerrechten. Nur wenige Monate später kam es zur Veröffentlichung der Charta 77.

Die Charta 77 verstand sich nicht als oppositionelle Bewegung, sondern forderte die Staatsorgane der ČSSR zum Dialog auf. Allerdings reagierten die Medien mit einer breit angelegten Kampagne voller Diffamierungen, der Staat mit Verhören, Verhaftungen und Ausbürgerungen. Bereits Ende Januar 1977 erschien eine „Anticharta“, die von der Kommunistischen Partei der ČSSR initiiert und von mehr als 2000 Personen unterzeichnet wurde, die sich zur Fortentwicklung des Sozialismus bekannten. Diese Bürgerrechtsbewegung wurde in der ČSSR bis zuletzt bekämpft, selbst als die Ära Gorbatschow mit ihrer neuen Offenheit bereits begonnen hatte. Noch im März 1989 fragte die Parteizeitung Rudé Právo, wer eigentlich Václav Havel sei.

Kaum wesentlich Erhellendes

In der Mitte des Ausstellungsraums sind Gemälde und Fotografien tschechoslowakischer Künstler ausgestellt, die zum damaligen Untergrund gerechnet werden. Kurzbiographien begleiten die Bilder. Die Namen dieser Künstler dürften heute nur noch Experten bekannt sein.

Wesentlich Erhellendes zur Geschichte der Charta 77 liefert dieser Ausstellungsteil nicht. Der tschechische Beitrag in der Ausstellung ist stark auf Einzelpersonen fokussiert, die mit Lebenslauf und politischer Wirkung porträtiert werden. Es wird kaum versucht, die damaligen Ereignisse in größere Zusammenhänge einzuordnen. Ein kleines Bonbon für Latein-Liebhaber bilden die an den Stellwänden eingestreuten, in lateinischer Sprache verfassten Gedichte von Eugen Brikcius, denen freilich deutsche Übersetzungen beigegeben werden.

Der Beitrag an der vierten Wand, von Museumsdirektor Anselm Hartinger liebevoll „Deutsches Eck“ genannt, beginnt bereits mit einer politischen Deutung der Charta 77 als Proklamation von Bürgerrechtlern. Die Entstehung im künstlerischen Untergrund wird weitgehend ausgeblendet.

Die Charta 77 nimmt starken Bezug auf die Schlussakte von Helsinki, die 1975 von der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) verfasst wurde und bis zum Ende der Ost-West-Teilung weitreichende Bedeutung erlangte. In der KSZE kamen seit 1972 regelmäßig 35 Staaten Europas sowie Kanada und die USA zusammen, um sich über ihr Verhältnis untereinander und ihre kulturelle und wirtschaftliche Zusammenarbeit zu beraten.

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Ondřej Kohout, Macbeth in Bohemia, 1978 (Foto: Ondřej Kohout)

In dieser Schlussakte gewährten die Unterzeichnerstaaten, darunter die ČSSR und die DDR, den Bürgern zahlreiche Menschen- und Grundrechte, darunter das Recht auf freie Meinungsäußerung und auf Bildung sowie die Freiheit des religiösen Bekenntnisses.

Die Charta 77 verglich diese Rechte mit der Realität in der CSSR. Der tschechoslowakische Staat bedrohte seine Bürger, sobald sie sich unliebsam äußerten. Aufmüpfigen Jugendlichen wurde das Studium verweigert. Christen wurden eingesperrt.

Zu den Erstunterzeichnern der Charta 77 gehörten der Schriftsteller und spätere Staatspräsident Václav Havel und der Philosoph Jan Patočka, der im März 1977 nach einem überlangen Polizeiverhör zusammengebrach und starb. Im Laufe der Monate wuchs die Gruppe der Unterzeichner unaufhörlich an, so dass man nun von einer Bürgerrechtsbewegung Charta 77 zu sprechen begann und ihre Entstehung im künstlerischen Untergrund nahezu völlig verdrängte.

Die Charta 77 entwickelte sich in den Folgejahren weiter, wurde Teil der Friedensbewegung und bezog Mitte der 1980er-Jahre Position gegen das Wettrüsten und für eine friedliche Überwindung der West-Ost-Teilung.

Der deutsche Beitrag in der Ausstellung dokumentiert auch die Wirkungsgeschichte in der damaligen DDR. Künstler und Bürgerrechtler solidarisierten sich mit den tschechoslowakischen Mitgliedern der Charta 77 und bestanden gegenüber den Staatsorganen der DDR ebenfalls auf Gewährung der Bürgerrechte. Auch in der DDR galt es als Provokation, sich auf die Schlussakte von Helsinki zu beziehen.

Darüber hinaus sind auch Dokumente ausgestellt, die sich nicht unmittelbar auf die Bürgerrechtsbewegung in der ČSSR beziehen, sondern auf das Anwachsen der Oppositionsbewegung in der DDR bis in die späten 1980er, genauer gesagt: bis etwa April 1989. Der Rucksack, der das Ende des Rundgangs markiert, wurde auf Montagsdemonstrationen noch vor September 1989 getragen.

Noch heute ein Politikum

Während in Deutschland die Charta 77 weitgehend nur noch als historisches Ereignis begriffen wird, das neben anderem zur Wende 1989 geführt hat, stellt die Bewegung in Tschechien und der Slowakei, den Nachfolgestaaten der ČSSR, zusammen mit der Anticharta auch heute noch ein umstrittenes Politikum dar.

In der Ausstellung wird deutlich, wie politische Ereignisse Deutungen erfahren, die sich zwar nicht gegenseitig ausschließen, aber doch recht unterschiedliche Färbungen bekommen können. Zeichnet der tschechische Beitrag die Entstehung der Charta 77 aus dem unpolitischen Untergrund der Prager Künstlerszene nach und hält an dieser Sichtweise auch noch in den politischen Weiterungen im Laufe der Folgejahre fest, so betont der Beitrag aus Leipzig wesentlich grundsätzlicher die politische Repression, die in der Charta 77 angeprangert wurde.

Die detail- und namensreiche Ausstellung verlangt vom Besucher gewisse Grundkenntnisse der europäischen Zeitgeschichte der 1970er-Jahre. Eine kleine Pointe bietet sich, wenn man nach dem Text der Charta 77 sucht. Der tschechische Originaltext ist schnell gefunden. Im Gästebuch der Ausstellung wird indes lästernd gefragt, ob es eine „lesbare“ Fassung der Charta 77 gebe. Man mag sich müßig streiten, ob Tschechisch eine lesbare Sprache ist. Jedenfalls läuft man bereits beim Betreten der Ausstellung an einer künstlerisch gestalteten, gekürzten, deutschen Übersetzung vorbei, die sich in einer kleinen Vitrine auf dem Weg befindet. Im Leipziger Ausstellungsteil ist außerdem eine vollständige deutsche Übersetzung zu finden – zwar als FAZ-Artikel, aber dafür ... gut zu lesen!

Charta 77 Story – Kunst und Protestbewegung

Ausstellung

Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Haus Böttchergäßchen

11. September bis 17. November 2019

Website des Stadtgeschichtlichen Museums

Katalog

Zu dieser Ausstellung ist kein eigener Katalog erstellt worden. Auf einem Lesetisch wird hierfür der von Zuzana Brikcius herausgegebene Katalog „Charta Story“ (tschechisch/englisch) der originalen Ausstellung der Nationalgalerie Prag zugänglich gemacht.


Begleitprogramm

Das Begleitprogramm schließt mit drei Veranstaltungen: am 10. November, 11.30 Uhr, mit einer Vorführung des Films „Občan Havel“ (2008) über Präsidentschaft und Privatleben Václav Havels; am 15. November, 17 Uhr, mit einer Führung durch die Ausstellung mit Zuzana Brikcius und der Finissage unter Beteiligung des bereits erwähnten Schriftstellers Eugen Brikcius.

Veranstaltungen zur Ausstellung

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