Babette Dieterich | Drucken06.05.2003 

Lernen, weil man es will

Ein Porträt der Freien Schule Leipzig Connewitz, entstanden nach einer Hospitanz am sonnigen 6. Mai 2003

Das Plüschtier geht von Kind zu Kind. Ein Frosch. Wer es in der Hand hält, kann etwas sagen. Wie es ihm geht, was ihm passt und was nicht. Mit diesem Morgenkreis beginnt jede Gruppe der Freien Schule Connewitz ihren Tag. Neben dem gemeinsamen Mittagessen und der wöchentlichen Schulversammlung ein wichtiges Ritual, das dem Schulalltag Struktur gibt. Sind vorhandene Konflikte ausgeräumt und Wünsche geäußert, kann der Unterricht beginnen.

Unterricht? Nicht so, wie man es von ?normalen? Schulen gewohnt ist. Nach dem intimen Morgenkreis im Nebenzimmer schwärmen die Kinder aus, setzen sich in kleinen Gruppen ins Klassenzimmer, holen ihr Schreib-, Mal-, Rechen- oder Geheimheft aus der Schublade und arbeiten an dem, worauf sie Lust haben. Oder sie gehen erst einmal eine Runde Fußball spielen. Manche Kinder haben einen großen Bewegungsdrang, doch wenn sie sich richtig ausgetobt haben, tippen sie der Lehrerin auf die Schulter und wollen plötzlich rechnen. Und dann kann es passieren, sie verstehen innerhalb einer motivierten halben Stunde mehr Zusammenhänge als in drei Wochen Frontalunterricht.

Ein Computer steht in jedem Klassenzimmer, sofort sitzen zwei Mädchen davor und tippen Buchstaben: ?Es war einmal eine Bine die Hieß Sandra?. Hier werden keine Diktate geschrieben, sondern Geschichten gesponnen, die häufig die Ängste, Erlebnisse und Fantasien der Kinder widerspiegeln und ihnen helfen, diese zu verarbeiten. Vom ersten Schultag an haben die Kinder auf einer Anlauttabelle alle wesentlichen Laute zur Verfügung. Sie lernen zuerst schreiben, indem sie die Laute hören, suchen und zu Wörtern zusammensetzen. ?Lesen durch Schreiben? nennt sich diese Methode. Grammatik und Rechtschreibung spielen dabei zunächst eine untergeordnete Rolle, jedes Kind lernt individuell in seinem Tempo den Umgang mit den Buchstaben.

Beim Rechnen greift die Freie Schule neben Rechenspielen auf Lernmaterial der Montessori-Pädagogik zurück. Zum Addieren und Subtrahieren werden Holzwürfel benutzt, die Zahlen sind nicht abstrakt sondern gegenständlich. Auch das Multiplizieren und Dividieren wird auf dem sogenannten Perlenbrett anschaulich: 10x10 Vertiefungen sind auf einem Brett im Quadrat angeordnet. In diese legt man Perlen, und schon kann jedes Kind das 1x1 be-greifen.

Doch Unterricht findet nicht nur im Klassenzimmer statt. An einem Tisch im Flur spielt der Englischlehrer mit den Kindern Karten und unterhält sich mit ihnen, auf Englisch natürlich. In der Werkstatt arbeiten drei Mädchen mit Holz. Eine sägt und hämmert ein Puppenbett zurecht, die beiden anderen schnitzen sich Speere. Die typischen Geschlechterkategorien scheinen hier zeitweise aus den Angeln gehoben. Im Bandkeller kann man Musik machen, es gibt ein Bewegungszimmer zum Toben, ausgelegt mit alten Matratzen. Außerdem Angebote in Töpfern, Nähen und Basteln. Bei sommerlichen Temperaturen lockt der schöne Garten mit einem Teich, Kräuterbeeten und Spielwiese.

Das klingt alles nach Idylle, nach einer besseren (Schul-)Welt und Flucht vor dem Alltag. Aber auch danach, dass Lernen Spaß machen darf, dass Fehler Wege zur Lösung darstellen und nicht mit Rotstift bestraft werden müssen. Alle Lehrer, mit denen ich an der Freien Schule sprach, sehen ihre Arbeit selbstkritisch und hinterfragen ihr Tun. Für sie ist ihr Lehren auch gleichzeitig Lernen. Die Freie Schule ist Mitglied im Bundesverband Freier Alternativschulen und bietet ihrem Lehrpersonal Fortbildungen und Begegnungen z.B. mit Freinet-Lehrern und anderen Formen der Reformpädagogik an. Die eigenen Methoden sind in einem Fluss und werden immer wieder erweitert und angereichert.

Doch wo liegen die Probleme in diesem etwas anderen Schulalltag? Kinder, die eher antriebslos sind, müssen eben doch vom Lehrer motiviert werden. Die völlige Freiheit der Möglichkeiten kann jemanden auch überfordern. Oder der Lehrer setzt für einige Jungs, die vom Spielen nicht genug bekommen können, bestimmt Zeiten zum Schreiben fest, etwas Struktur für wenigstens eine halbe Stunde. Schwierigkeiten gibt es auch für Kinder, die die ersten vier Schuljahre die Freie Schule besucht haben und danach die Schule wechseln. Das tun im übrigen 50 % der Schüler. Der Anpassungsprozess an das ?normale? Schulsystem kann zwei Wochen bis ein halbes Jahr dauern, dabei zeigen die meisten Kinder ein Defizit in Grammatik und Rechtschreibung. Sie machen dieses aber wett, weil sie selbständiger arbeiten können, kommunikativer sind, redegewandter, kritischer und vor allem im Bereich Sachkunde sehr viel lebendiges Wissen besitzen.

Die Herkunft der Kinder zeigt, die Freie Schule Leipzig ist nicht nur etwas für alternative, antiautoritäre Elternhäuser. Wagenburgkinder sind genauso dabei, wie Kinder aus Akademikerfamilien, Söhne von Immobilienmaklern und Töchter von Musikern. Doch wer sein Kind auf die Freie Schule schickt, sollte bereit sein, sich selbst auf einen Entwicklungsprozess einzulassen. Es kann durchaus sein, dass das Kind auch zuhause mehr Mitsprache und Demokratie einfordert. Das Leistungsniveau des Kindes ist wesentlich von seiner Motivation, seinem Tempo und seinen Interessen abhängig, nicht vom Lehrplan. Darum erwartet die Freie Schule von den Eltern, dass sie keinerlei Druck gegen das Kind ausüben und ihm seine Zeit lassen, die es braucht. Das ist nicht leicht in einer Gesellschaft, die leistungsorientiert ist und Erfolge sehen will. Aber es ist vielleicht eine große Chance zu einem eigenständigen, neugierigen Lernen und zur Entfaltung einer individuellen Persönlichkeit.(Babette Dieterich)

Mehr Informationen gibt es unter: www.Freie-Schule-Leipzig.de

Die Freie Schule Leipzig arbeitet an drei verschiedenen Orten:Der Lindenhof in Connewitz arbeitet als Grundschule mit Kindern im Alter von 6-11 Jahren. Dort ist mein Bericht entstanden.Die Auguste im Osten Leipzigs arbeitet als Grundschule mit einem Vorschulanteil mit Kindern im Alter von 5-11 Jahren.Die Lützowstraße in Gohlis arbeitet als Sekundarstufe mit Kindern und Jugendlichen von Klasse 5 bis Klasse 10.

Dank an Uta, Anja, Hendrik und alle Pädagogen der Freien Schule, die meine Fragen beantwortet haben.
Dank an die neugierige Sally, Emilia und all die anderen Mädchen und Jungen, die mir Löcher in den Bauch gefragt haben.

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