Steffen Kühn | Drucken17.04.2002 

Ein weiterer Akt im Trauerspiel um die Aufgabe des Uniriesen am Augustusplatz

Der Neubau der geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Universität Leipzig vis á vis der alten Universitätsbibliothek im Musikerviertel

Getreu dem Motto Glaube keinem Gutachten, welches du nicht selbst in Auftrag gegeben hast präsentierte die sächsische Staatsregierung unter Führung des Kultusministers Meyer Mitte der 90er Jahre ihren durch Expertisen abgesicherten Plan, die geisteswissenschaftlichen Fakultäten nicht im saniertem Uniriesen, sondern in einem Neubau unterzubringen. Der Verkauf des maroden Riesen + Neubau würde die öffentliche Hand weniger als die Sanierung des Wahrzeichens der ostdeutschen Universität belasten. So das (gewollte) politische Ziel.

Der beim Bekanntwerden dieser Umtriebe einsetzende Protest der Leipziger Bevölkerung kam zu spät - die Tinte unter den Verträgen war im juristisch Sinne bereits irreversibel getrocknet. Andernorts in Sachsen wird die Ruine der Frauenkirche um des Wahrzeichens willens mit beträchtlichen Mitteln wiederaufgebaut. Letztendlich alles politische Entscheidungen. Soviel zum ersten Akt.

Der zweite Akt wurde bestimmt durch einen europaweiten Wettbewerb mit akzeptablem Ergebnis für ein funktionales Fakultätsgebäude. Über eine alternative Nutzungen des Grundstücks, auf dem schließlich das Leipziger Gewandhaus gestanden hatte, z.B. für die MDR Klangkörper oder für Erweiterungen der Musikhochschule oder der HGB wurde öffentlich nicht diskutiert.

Jetzt im Jahre 2002 spielt der dritte Akt und macht das Ganze zu einem Trauerspiel. Kurz vor Fertigstellung des Neubaus wird bekannt, daß aufgrund von finanziellen Engpässen Planungsänderungen vorgenommen wurden. Das Entwurfskonzept des gegliederten Gebäude-Blocks respektierte die gründerzeitliche Architektur des Areals. Nun wurde gerade an den empfindlichsten Stellen, den Gebäudeecken, der ursprüngliche Entwurf aufgegeben. Für die Schließung der Atrien an den Gebäudeecken fehlt das Geld. Straßenräume werden stattdessen aufgeweitet, die klare Stadtstruktur an dieser Stelle zerstört. Wie um die Wunde noch zu dekorieren, werden die Ecken mit Stahlprofilen eingerahmt. Der für sechsstellige Summen durchgeführte Wettbewerb und das Votum der Fachpreisrichter ist so ad absurdum geführt.

Sieht so ein typischer Planungsverlauf für ein öffentliches Gebäude in unserer demokratischen Gesellschaft aus? Ich fürchte, ?Ja?.

In den durch Vorschriften und Rituale undurchsichtigen Entscheidungsvorgängen wurde der Weg des geringsten Widerstandes beschritten, Entscheidungen stets nur im kurzfristigem Kontext (Haushaltsjahr) getroffen. Verantwortlichkeiten sind nicht mehr erkennbar, wodurch auch der Anreiz für persönliches Engagement verloren geht. Sehr schade, daß sich die in Leipzig erfolgreiche Standortpolitik nicht auf die Qualität der neu gebauten Umwelt auswirkt. Oder gibt es da gar einen Zusammenhang? Sollte es tatsächlich nicht möglich sein, Business und Qualität ernstzunehmend unter einen Hut zu bekommen?

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