Steffen Kühn | Drucken01.02.2003 

Paulinerkirche und kein Ende

Kommentar anlässlich der Podiumsdiskussion im Hauptfoyer des Gewandhauses zum Thema „Paulinerkirche”

"Das Ding muß her?" überschrieb die FAZ dieser Tage Ihren Beitrag zur Entscheidung der sächsischen Landesregierung, den Wiederaufbau der Paulinerkirche am Augustusplatz in Leipzig zu unterstützen. Da hatte es Walter Ulbricht 1968 leichter: nach seinem ?Das Ding muß weg? ließen einige Zentner Dynamit seine brutalen Vorstellungen in wenigen Minuten Wirklichkeit werden.

Nach dem Rücktritt der Universitätsleitung, des Rektors Volker Bigl und seiner drei Prorektoren, als Protest gegen den Affront aus Dresden ? den Aufbau der Paulinerkirche gegen den Willen der Hochschule und der Stadt Leipzig zu unterstützen ? schlagen die Wellen hoch. Kaum zu glauben, welche unheimliche Polarisierung dieses in unser Demokratie so eigentlich nicht vorhersehbare Ereignis auslöst.

Der christdemokratische Parteifreund Mayer freute sich in ?Bild?, Genossen OB Tiefensee gezeigt zu haben, wie Machtpolitik funktioniert und wer ganz oben sitzt. Exrektor Cornelius Weiss spricht im MDR?Rundfunk gar von einer katholischen Landnahme am zentralsten Punkt der Stadt, im Herzen der Universität. 10 Mio Euro hatte die katholische Kirche kurzfristig einem Wiederaufbau zugesagt.

Die Studenten sind natürlich gegen die Beschlüsse von oben, doch auf konkrete Nachfrage ist dem Sprecher des Studentenrates dann doch nicht genau zu entlocken, aus welchen Gründen er eine Kopie der Paulinerkirche ablehnt. Nach zwei Stunden Diskussion geleitet von zwei charmanten, braungebrannten Moderatoren ist man nicht schlauer als zuvor. Jeder ist seiner bekannte Rolle treu geblieben: der Vertreter der Staatsregierung in unbestimmten Verklausulierungen, Exrektor Bigl im eisernen Beharren auf moralischer Integrität, der Baudezernent der Stadt in lavierender Stellungslosigkeit, der Paulinerverein in penetranten Wiederholung der Forderung, die Kirche originalgetreu wieder zu errichten.

Herr Bigl, sichtbar angeekelt, mußte wohl am Ende doch hinnehmen, daß in unserer auf Konsens getrimmten Gesellschaft auch noch der letzte ?Störer? und ?Nörgler? gehört und eingebunden werden muß. Wie anders ist es zu erklären, daß nach mehreren Jahren Diskussion und dem Ergebnis eines Architekturwettbewerbes ohne die Kopie der Kirche plötzlich wieder alles in Frage gestellt wird. Die ernüchternde Erkenntnis, daß wer am lautesten (Paulinerverein) und prominentesten (Herr Blobel) schreit, seine Ziele entgegen der zuvor durchgeführten demokratischen Willensbildung erreichen kann, bestimmt den Nachhauseweg.

Unmöglich, an dieser Stelle alle Hintergründe und Fakten zu präsentieren. Der wohl markanteste, weil ideologisch nicht belastete Grund, der gegen einen Wiederaufbau spricht, ist die Funktion der Erinnerung, der Aufarbeitung der Vergangenheit, die mit dem Bau verbunden ist. Wie sollte eine bloße Kopie bzw. das Herstellen des Zustandes vor dem Verlust die zeitgeschichtlichen Dimensionen und die im speziellen Fall vergangene Zeit verarbeiten und kompensieren?

Man darf gespannt sein, wie sich die Beteiligten aus der selbstgegrabenen Grube wieder befreien. Das Votum der Leipziger Bevölkerung war an diesem Nachmittag eindeutig gegen die sich neuerdings großer Beliebtheit erfreuende Wiederaufbaumentalität.

Podiumsdiskussion im Hauptfoyer des Gewandhauses zum Thema "Paulinerkirche"

31.01.03


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