Max Bornefeld-Ettmann | Drucken03.05.2004 

Es war der erste Mai, der Liebe Zeit

Prag am 1. Mai 2004

Prag über das Wochenende vom ersten Mai zu besuchen, bietet sich immer an. Am ersten legt man an der Statue von Karel Hynek Mácha ein Blumengebinde nieder, womit man erstens den Frühling begrüßt und zweitens das Gedicht Máj (Der Mai) in Erinnerung ruft, daß Mácha 1836 über nicht erwiderte Liebe geschrieben hat. Später schließt man sich der Parade an, die am Jan Palach-Platz ihren Ausgangspunkt hat und am Karolinum endet. Anschließend begibt man sich nach Strelecký ostrov, der Insel der guten Schützen, einer zentral gelegenen Moldau-Insel. Dort sind Bühnen aufgebaut und es geht ziemlich crowdy zu.

Durch das nahegelegene Regierungsviertel mit den vielen Botschaften und der Prager Burg, dem Hradschin, mit dem Präsidentenpalast hallen die Konzerte von der Insel wider. Die Mischung aus The Who und den Toten Hosen knattert allerdings wie eine marokkanische Combo im Verein mit dem magischen Drachen. Dieses Festival heißt Majáles und wird seit Anfang des 19. Jahrhunderts begangen - freilich nicht in der heutigen Form. Die Nationalsozialisten, die Prag von 1939 bis 1945 okkupiert hatten, untersagten diese Feierlichkeit. Erst während des Prager Frühlings Mitte der 1960er Jahre wurde es wieder aufgenommen und 1965 wurde Allen Ginsburg von der Prager Bevölkerung zum König des Mai gewählt. Eine Einreiseerlaubnis hatte Ginsburg dank seiner oppositionellen Haltung zur amerikanischen Regierungspolitik bekommen. Allerdings stieß seine antiautoritäre Haltung auch bei den Kommunisten nicht auf Gegenliebe und so war diese Monarchie nur von kurzer Dauer. Seit 1997 wird Majáles in oben beschriebener Form gefeiert - ohne Königswahl.

An diesem ersten Mai war Prag mal wieder ausgebucht. Nicht nur Majáles wurde begangen - viel wichtiger war die Eishockey-Weltmeisterschaft. Jede Kneipe und jedes Café hielt eine Leinwand oder mehrere Fernseher bereit und auf Tafeln stand draußen, welche Spiele zu zelebrieren waren. Am Touristenstrom über Straßen und Plätze konnte man den Grad der Wichtigkeit des aktuellen Spiels ablesen. Schon bei der Ankunft in Prag hatten Deutschland! Deutschland!-Rufe vernommen werden müssen - in der Metro konnte man diese inhaltsschwere Parole des öfteren vernehmen. Aber es folgte kein Nachsatz.

An diesem ersten Mai fand noch etwas Anderes statt, nämlich der EU-Beitritt der Tschechischen Republik. Am Freitag waren darum auf dem Staromestské námestí, dem Altstädter Ring, zwei Bühnen und mehrere Tribünen aufgebaut. Wer dachte, die Prager Bevölkerung würde wie Neujahr auf dem Hradschin zusammenkommen, um wogend einem Feuerwerk über der Stadt zu folgen, der hatte falsch gedacht. Am Hradschin standen aufgereiht die Karossen der Botschafter der alten und neuen EU-Länder mit lustigen staatstragenden Fähnchen versehen. Die jungen tschechischen Wehrpflichtigen der Palastwache waren in ihren farbenfrohen Uniformen etwas vereinsamt. Immerhin ging es auf dem Staromestské námestí abends sehr ausgelassen zu. Der Spaß war eindeutig nicht touristischer Natur, da das Entertainment in tschechischer Sprache stattfand. Der Platz war voll, die Stimmung gut und am nächsten Tag war erstens die Tschechische Republik Mitglied in der mit Skepsis betrachteten EU und zweitens - von den Feierlichkeiten keine Spur. Bühnen und Tribünen, Unrat, Menschenmassen - alles nicht mehr zu sehen. Tschechische Rationalität.

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