Jörn Seidel | Drucken17.02.2005 

Schlüsselübergabe

Endlich gehört die Schaubühne Lindenfels - ein 129 Jahre alter Vergnügungstempel - sich wieder selbst, indem sie sich kauft

Im September letzten Jahres feierte sie ihr zehnjähriges Bestehen. Doch erst seit Februar 2005 kann die Schaubühne Lindenfels wieder von sich behaupten, dass sie selbst ihr Eigen ist. Am 15. Februar überreichte nun Insolvenzverwalter Friedbert Striewe in feierlicher Zeremonie den Schaubühnengründern René Reinhardt und Anka Baier symbolisch für den Erwerb des Gebäudes einen überdimensionalen Schlüssel. Somit haben sie geschafft, was lange Zeit unsicher war: die Schaubühne vor der Schließung zu retten. Zu verdanken ist dies neben den Förderern nicht zuletzt auch dem so genannten Schaubühnen-Taler - den fuffzig Cent, die bei jedem Eintritt mit zu entrichten sind - und dem Verkauf der Schaubühnen-Aktie. Die neue Unternehmensform ist von nun an eine "gemeinnützige Aktiengesellschaft" (gAG), und damit ist auch endlich klar, wem die Schaubühne eigentlich gehört: seinen Gesellschaftern. All den Freunden, Besuchern und Wohlgesinnten, die zum Preis von 24 Euro eine Aktie erstanden haben. Damit setzt die Schaubühne nicht zuletzt ein Zeichen für die Perspektive von Kultureinrichtungen in Zeiten knapper öffentlicher Haushalte. 800 Aktien vom ersten Tausend wurden schon gezeichnet. Wer Interesse hat, selbst Aktionär zu werden, sollte sich also beeilen. Infos dazu gibt es unter jahrtausendfeld.de/bau.

Auf bewegte Zeiten schaut das wichtigste Kulturzentrum im Westen Leipzigs schon lange zurück. Gegründet 1876 als "Schloss Lindenfels" diente es einstmals als Ballhaus und Varieté, wurde 1900 erweitert und 1913 zum Kino umgebaut. In den fünfziger Jahren wurde das Gebäude architektonisch völlig entstellt. Als dann 1987 die Heizungsanlage kaputtging, wurde das Kino geschlossen. Noch 1990 nistete sich einige Monate eine Videothek in das Foyer ein, bevor das teilweise denkmalsgeschützte Gebäude sodann dem Leerstand anheim fiel. Endlich erfolgte 1993 die Anmietung des Hauses durch die Theater- und Filmemacher Anka Baier, René Reinhardt und Holger Mandel und die Gründung des Vereins für Internationale Theatererkundungen e.V. Vorwiegend in mühsamer Eigenleistung wurde die Substanz des Gründerzeit- und Jugendstil-Gebäudes freigelegt und wiederhergestellt, bis die Schaubühne Lindenfels dann am 15. September 1994 in ihrer heutigen Form feierlich eröffnet wurde.

Die Schaubühnen-Volksaktie scheint eine Zukunftsaktie zu sein. Im letzten Jahr kamen 49.000 Zuschauer in die Veranstaltungen - 12.000 mehr als im Vorjahr, schwärmte Reinhardt bei der Übergabe, und gab gleich einen Vergleich: im Schauspiel Leipzig seien es 100.000 pro Jahr. Dabei profiliert sich die Schaubühne nicht nur durch ein beachtliches Theater-, sondern auch Tanz-, Musik- und Literaturprogramm. Das Kino unter Leiter Michael Ludwig erhielt gar im letzten Jahr mehrere Kinoprogrammpreise - von der Mitteldeutschen Medienförderung und der Kulturstaatsministerin.

Man darf also vermuten, dass der Kurs der Aktie steigend ist, wenn auch das Motiv von Thomas Moecker bewusst mit einer Doppeldeutigkeit spielt: Sonnenaufgang oder -untergang. Zumindest bewahrheitet sich auf dem Motiv nicht jenes norddeutsche Sprichwort, das behauptet, die Möwen würden auf dem Rücken fliegen, um nicht das Elend am Boden zu sehen.

Schaubühne Lindenfels Leipzig
15. Februar 2005
Bild: Schaubühnen-Aktie

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