Steffen Lehmann | Drucken07.11.2002 

Sollen Visionen Wirklichkeit werden?

Ein Kommentar zur Leipziger Olympiakandidatur

In Leipzig grassiert ein Fieber. Seine Symptome sind leicht zu erkennen. Blaue Aufkleber mit verschachtelten Zahlen kleben auf vielen Autos, großflächige Plakate haben Häuserwände in der Innenstadt erobert, Umfragen melden beeindruckende Zahlen. Der Name der Krankheit? Olympia-2012-Fieber.

Als am Sonnabend vergangener Woche Ministerpräsident Milbradt, Oberbürgermeister Tiefensee und Graf Landsberg-Velen, Vorsitzender der Evaluierungskommission des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) vor die Presse traten, war ein vorläufiger Höhepunkt der Leipziger Olympiakandidatur erreicht. Gerade rechtzeitig zum Besuch der Kommission vermeldete das Leipziger Institut für Marktforschung 80 Prozent der Leipziger Bevölkerung stehen hinter der Olympiakandidatur der Stadt. In einer bundesweiten Umfrage haben sich sogar 47 Prozent der Befragten für Leipzig als deutscher Kandidat für die Bewerbung ausgesprochen.

Mit diesen Zahlen im Rücken, aber auch mit "Herzklopfen" (Georg Milbradt) wurden die Damen und Herren der Evaluierungskommission empfangen. Kaum überraschend äußerten sie sich sehr lobend über die Leipziger Bewerbung. Genauso, wie sie es schon in den vier anderen Bewerberstädten in die Gästebücher geschrieben hatten. Trotzdem wich auf Abschlusspressekonferenz Graf Landsberg-Velen etwas von den vorgestanzten Antworten ab. Die Gastfreundschaft der Stadt, die Begeisterung der Bevölkerung und die vorbehaltlose Unterstützung der Politik hätten ihn sehr überrascht, sagte der NOK-Vizepräsident. Das waren Worte, so ganz nach dem Geschmack von OBM Tiefensee. In einem Anflug von Übermut kündigte er sogleich an, Leipzig werde gewinnen. Nur gut, dass das andere Leute zu entscheiden haben.

Doch warum sollen eigentlich Olympische Spiele in Leipzig stattfinden? Nur um zu zeigen, dass Leipzig kommt? Aber diesmal soll es die gesamte Welt erfahren? In einer Broschüre findet man die Begründung. Hier, so steht geschrieben, werden die olympischen Ideale von Völkerverständigung und Frieden förmlich greifbar werden. Leipzigs Rolle im Herbst 1989 in allen Ehren, aber solche Verdienste haben bei der Vergabe der Olympischen Spiele in den vergangenen Jahren kaum eine Rolle gespielt. Die hehren olympischen Ideale lassen sich mittlerweile jedem beliebigen Ort der Welt überstülpen. Oder hätte sonst Peking den Zuschlag für die Sommerspiele 2008 bekommen? Das gleiche Peking, wo im Jahre 1989 Hunderte von Studenten auf dem Tiananmen-Platz umgebracht worden sind.

In der Ausstellung "Olympische Visionen auf dem Weg zur Realität" wird das Konzept der Leipziger Bewerbung präsentiert. Mit schönen Animationen wird dem Betrachter gezeigt, in welcher Umgebung die Wettbewerbe im Jahre 2012 stattfinden sollen. Da eröffnen sich erstaunliche Visionen. Das hat Charme, sieht schön aus, und vermag den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Sicherlich, von den Sportstätten kann Leipzig mit den beteiligten Städten die Spiele ausrichten. Doch auch hier wird nicht ganz klar, warum die Olympischen Spiele ausgerechnet hier stattfinden sollen. Auch wenn das Internationale Olympische Komitee (IOC) unter seinem neuen Präsidenten Jacques Rogge einen Erneuerungsprozess und dem Gigantismus vergangener Spiele abschwören will, die Mitglieder sind doch noch immer die alten. Will man es einem Mitglied aus Kuweit, Hongkong oder Liechtenstein verdenken, wenn es lieber nach New York statt nach Leipzig will? Times Square statt Augustusplatz, Broadway statt Petersstraße?
Gesetzt dem Fall, Leipzig wird der deutsche Kandidat und bekommt wirklich den Zuschlag, dann dürfte das größte Problem werden, das Verkehrsproblem und die Tausenden Besucher irgendwie in den Griff zu bekommen. In besagter Broschüre werden als Referenzen zwar das Turnfest im vergangenen Jahr und der Evangelische Kirchtag angeführt. Das mag sein, aber diese Gäste werden sich nicht tagelang in Schulen einquartieren lassen. Im Vergleich zu den prognostizierten Besucherzahlen, exklusive Sportler und Journalisten, dürfte das der Kollaps für die Stadt bedeuten. Insofern hat die Bewerbung vielleicht etwas Gutes. Von den notwendigen Investitionen in den Nahverkehr werden auch die Leipziger profitieren. Auch nach den Spielen.

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