Marcus Erb-Szymanski | Drucken27.02.2003 

Paulinerkirche?

Im Gespräch mit Universitätsmusikdirektor Wolfgang Unger über Sinn und Zweck eines Wiederaufbaus der Leipziger Universitätskirche

Im Streit um den Wiederaufbau der Paulinerkirche war zu beobachten, wie oft sich Menschen zu Wort melden, die, selbst wenn sie Entscheidungsgewalt besitzen, im Grunde kein rechtes Verhältnis zu diesem historischen Bauwerk und seiner für Leipzig ungemein wichtigen Geschichte bekunden können. Umso erfreulicher war es, nun Universitätsmusikdirektor Wolfgang Unger, dessen Arbeit einen engen Bezug zur Universitätskirche St. Pauli und ihrer langen Geschichte hat, für ein Gespräch gewinnen zu können.

Herr Unger, ist es übertrieben, zu sagen, dass ihr Arbeitsplatz als Universitätsmusikdirektor im Grunde die Paulinerkirche ist?

Als Universitätsmusikdirektor obliegt mir die Leitung des Leipziger Universitätschores, der 1926 von Prof. Friedrich Rabenschlag als ?Madrigalkreis Leipziger Studenten? gegründet wurde. Der Chor ist früher in seiner Aufgabenstellung immer mit der Universitätskirche verbunden gewesen. Sei es durch Konzerte, die dort stattgefunden haben oder durch die musikalisch-liturgische Gestaltung der Gottesdienste. Noch heute gehört zu meinen Aufgaben neben der Leitung des Chores die Organisation und Durchführung aller Universitätsmusiken und eine umfangreiche Lehrtätigkeit. Nach der Wende gehören da nun auch wieder die Universitäts-Gottesdienste dazu. Das große Problem dabei ist natürlich, dass wir sozusagen überall nur Mieter sind, ob in Gewandhaus oder Thomaskirche, in der Nikolai- oder Peterskirche, wir sind überall nur Gäste. Der Chor hat in der Universitätskirche Konzerte gesungen, Proben abgehalten. Nach der Sprengung der Kirche sind alle Möglichkeiten, mit dem Chor zu proben, zu konzertieren, nur Interimslösungen gewesen und das bis heute.

Hat man bei der Konzeption des Neubaus mit ihnen gesprochen, damit dieser den Anforderungen und Voraussetzungen für Ihre Arbeit gerecht wird?
Auf mich zugekommen ist niemand, aber ich habe versucht, meine Vorstellungen in schriftlicher und verbaler Form an viele wichtige Stellen zu bringen. Die konkrete Vorgabe für den Architekturwettbewerb hab ich dann freilich nicht zu Gesicht bekommen, so dass ich nicht sagen kann, inwieweit meine Überlegungen berücksichtigt worden sind.

Der Universitätschor, zumal wenn man seine Vorgänger, wie z.B. den Männergesangsverein "Paulus" mit betrachtet, hat im Verlauf seiner langen Tradition ganz unterschiedliche Aufgaben erfüllt. Wie sieht es prinzipiell mit seiner religiösen Funktion aus?

Zu DDR Zeiten, etwa ab Ende der 50er Jahre, gab es die direkte Untersagung, den Universitätschor für kirchliche Aufgaben heranzuziehen. Das war in den Jahren vor der Gründung der DDR anders. Die Universitätskirche St. Pauli war seit jeher, fast seit Übergabe an die Universität im 16. Jahrhundert, ein Ort, an dem Gottesdienste abgehalten wurden. Und dazu gehörte natürlich auch Musik. Eine Zeitlang übernahm diese Aufgabe sogar der Thomaskantor, später zu Bachs Zeiten wurde Görner als Universitätsmusikdirektor damit betraut. Was ich sagen will ist, dass in dieser Kirche über die Jahrhunderte bedeutsame "Kirchenmusiken", teils aus liturgischen, teils aus rein akademischen Anlässen heraus entstanden sind.

Die Kirche war auch Begräbnisstätte für viele wichtige Würdenträger der Universität, eine sehr große Anzahl von Epitaphien ist noch erhalten. Wir wissen, dass Bach hier einige seiner Werke uraufgeführt hat, so seine Trauerode und die Motette Der Geist hilft unser Schwachheit auf. Das waren z. B. Begräbnismusiken, die Ode für die Fürstin Christiane Eberhardine (Gemahlin August des Starken), die Motette für Johann Heinrich Ernesti, den mit Bach befreundeten Thomasschuldirektor. Wir wissen, dass 1847 Felix Mendelssohn Bartholdy in der Paulinerkirche aufgebahrt worden ist, damit sich die Leipziger von ihm verabschieden konnten.

Was nun den Chor betrifft, so singen wir heute regelmäßig im Universitätsgottesdienst in der Nikolaikirche und in den Universitätsverspern, in der Thomaskirche, quasi am Paulineraltar, der jetzt in der Thomaskirche steht. Als dritte Veranstaltung dieser Art gehört noch der Orgelpunkt 12 dazu, der regelmäßig in der Peterskirche stattfindet an der kleinen Orgel, die man aus der Universitätskirche noch retten konnte.

Wie wichtig ist die Konfession? Die Katholische Kirche hat ja ein gewisses Interesse bekundet, eine wiedererrichtete Universitätskirche für ihre Zwecke zu nutzen.

Interessanterweise war ja in der Paulinerkirche, nachdem 1943 durch die Zerbombung von Leipzig die Probsteikirche zerstört worden war, die katholische Probsteigemeinde bis 1968 zu Gast. Ich würde sagen, es ist eine wunderbare Herausforderung, hier in Leipzig unter diesem Gesichtspunkt für beide Konfessionen und natürlich für die Universität und die Stadt ein ökumenisches Zeichen zu setzen, das europa- oder sogar weltweit beachtet wird. Denn die Welt wird bei einem Wiederaufbau der Paulinerkirche auf Leipzig schauen. Alle reden von Ökumene, aber so etwas mit dem Aufbau einer Kirche zu verbinden, wäre natürlich ein schönes Signal, das sowohl für die Kirche als auch für die Universität und nicht zuletzt natürlich für Leipzig und den Freistaat Sachsen spräche.

Ursprünglich ist die Paulinerkirche eine Dominikaner-Klosterkirche gewesen ist. Erst nach der Reformation, in deren Zuge das Kloster in den Besitz der Universität und damit des Landes überging, wurde die Kirche durch Luther im 16. Jahrhundert protestantisch geweiht. Sie war damit deutschlandweit die erste Universitätskirche. Wäre sie 1968 noch in kirchlicher Trägerschaft gewesen und nicht in staatlichen bzw. universitären Besitz übergegangen, hätte die SED-Regierung wahrscheinlich nie gewagt, sie zu sprengen. Aber das kann man dem alten Luther wohl nicht zum Vorwurf machen.

Von den Menschen in Leipzig, die die Sprengung der Paulinerkirche selbst miterlebt haben, haben die meisten diesen Willkürakt niemals verwunden. Welche Bedeutung hatte für Sie die Paulinerkirche und würden Sie einen Wiederaufbau befürworten?

Mein Vater war Pfarrer und allein schon von meiner Herkunft als ehemaligem Kruzianer bedeutet eine Kirche für mich möglicherweise mehr als für andere. Und gerade auch die Kirchenmusik hat dadurch für mich eine immense Bedeutung. Aber unabhängig davon war die Universitätskirche stets ein kultureller Hort in Leipzig, ein kulturelles Zentrum. Ich denke an die Orgelkonzerte Prof. Köblers. Ich denke an die große Scheibe-Mende-Orgel. Sie war eine Zeitlang die größte Orgel Sachsens, auf ihr hat noch Bach selbst gespielt. Bei der Sprengung war sie nicht mehr zu retten und allein das ist schon ein unglaublicher Akt der Barbarei.

Ich würde es besonders auch für den Chor und die Belange der Musik begrüßen, wenn sich, sofern ein Wiederaufbau der Kirche (ggf. auch ein Nachbau) im Rahmen des Möglichen liegt, Universitätsleitung, Stadt, Land, die universitäre Kustodie, der Studentenrat, die evangelische und katholische Studentengemeinde, die theologische Fakultät, die Universitätsmusik und der Paulinerverein aufgrund der neuen Situation vorurteilsfrei zusammensetzen würden. Eine Kombination von Sakralraum und Aula ist ja ohnehin geplant. Nun könnte man überlegen, ob und wie sich auch das äußere Erscheinungsbild wiederherstellen lässt.

Nun ist aber die Universitätsleitung der Meinung, eine Kirche stünde den Anforderungen einer modernen Universität im Wege. Was bekanntlich das gleiche Argument ist, mit dem Ulbricht damals die Sprengung begründet hat?

Da die Universitätskirche schon immer auch als Aula genutzt worden ist, halte ich es auf jeden Fall für denkbar und möglich, dass man einen solchen Raum, der innen durchaus auch moderne Züge besitzen und den heutigen Anforderungen gerecht werden muss, so gestalten kann, dass er allen Erfordernissen Genüge leistet. Natürlich braucht die Universität ihre funktional bestimmten Gebäude und die soll und wird sie auch erhalten. Aber vielleicht sollte man auch in diesem Zusammenhang nicht immer nur von einer Kirche sprechen. Es geht hier nicht nur um die Gestaltung eines sakralen Raumes. Gerade im Innenbereich sind Veränderungen und Erneuerungen notwendig, die der multiplen Funktionalität gerecht werden. So dass man durchaus neue Ideen für innen entwickeln könnte und muss. Es werden viele Neuerungen nötig sein, die das innere Erscheinungsbild der alten Universitätskirche verändern. Entscheidend ist doch allein, dass wir nun die Chance haben, eine Lösung zu finden, die Universität, Stadt und Land gemeinsam tragen können. Es besteht jetzt einfach die Notwendigkeit, dass man die ganze Problematik neu angeht und neu bespricht.

Zudem gab es, soviel ich weiß, keinerlei Gespräche mit Vertretern des Wiederaufbaus, so dass diejenigen, die sich für deren Belange einsetzten, keine Chance hatten, dass ihre Ideen vor der Ausschreibung des Architekturwettberwerbs überhaupt nur angehört wurden. Es gab und gibt auch in den Reihen des Paulinervereins etliche, die durchaus kompromissbereit wären. Aber ein Diskurs hat offensichtlich nie stattgefunden.

Es ist richtig, dass ein Wiederaufbau schon in den Wettbewerbsbedingungen für die Neugestaltung des Augustusplatzes nicht vorgesehen war. So braucht man sich nicht wundern, wenn hinterher der favorisierte Entwurf von einer Mehrheit Leipziger Bürger abgelehnt wird. Daher gab es ja auch nur einen zweiten Platz. Natürlich ist es jetzt einfacher, auf der Grundlage diese zweiten Platzes weiterzuarbeiten. Aber der ganze Zwist ist nur deshalb entstanden, weil die Möglichkeit, die Originalität wiederherzustellen, überhaupt nicht beachtet worden ist. Und was mich jetzt sehr stört, ist, wenn bei Demonstrationen, wie denen, die ein Teil der Studenten organisiert hat, deutlich wird, wie wenig die jungen Menschen über die historischen Hintergründe informiert sind. Man kann und darf 1968 und 2003 überhaupt nicht vergleichen. 1968 sind Menschen verfolgt, verhört und eingesperrt worden, weil sie sich gegen die Sprengung geäußert haben. Es gehört auch heute noch zu unseren wichtigen Aufgaben, die historischen Hintergründe um die Sprengung immer wieder neu zu vermitteln, das Geschichtsbild zu schärfen.

Universität und Stadt fühlen sich von der Landesregierung hintergangen, weil diese entgegen einstigen Abmachungen versucht, eine Option für den Wiederaufbau offen zu halten. Wenn andererseits die Landesregierung der Universität eine alternative Fläche angeboten hat, für den Fall, dass die Paulinerkirche wiederaufgebaut werden sollte, scheint es doch weniger um funktionale Bedenken zu gehen als vielmehr um verletztes Ehrgefühl und Statussymbole.

Natürlich hat es starke Verletzungen gegeben, aber das wird nie ausbleiben, wenn man miteinander ringt. Es kommt jetzt darauf an, wie man damit umgeht, wie man sich weiter auseinandersetzt. Jetzt sollte und muss man sich wieder an einen Tisch setzen .

Interessanterweise hat die sächsische Landesregierung zum Jahre 1909, dem 500-jährigen Jubiläum der Alma mater, der Universität und der Stadt Leipzig die Roßbachschen Fassaden der Paulinerkirche und des Augusteums geschenkt. Nun meldet sich die Landesregierung zum 600-jährigen Jubiläum wieder zu Wort, wobei man diesmal über die Art und Weise mit Recht erzürnt sein kann. Dennoch: Umso wichtiger ist es, dass man im Zuge einer Neubebauung des Platzes, die alte städtebauliche und architektonische Konstruktion in Erinnerung ruft. Ich bin nicht der Meinung, dass man Stein auf Stein wiederaufbauen sollte, aber Gedächtnis und Gesicht der Universität müssen bewahrt werden. Das Gedächtnis im Sinne einer ordentlichen Präsentation der Kunstschätze, die zu 80 Prozent noch vorhanden sind. Und das Gesicht der Universität ist nun einmal das über Jahrhunderte gewachsene Ensemble der Fassaden von Universitätskirche und Augusteum. Auch das hat etwas mit Ehrgefühl und Statussymbolen zu tun.

Nachtrag:

Am 5. Februar wandten sich der Fakultätsrat der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig, der Beirat für den Universitätsgottesdienst und die Vertreter der Universitätsmusik an die Universitätsleitung mit der Bitte, ein Gesprächsforum einzuberufen, um alle Optionen zur Neubebauung des Campus am Augustusplatz im Interesse der Universität und der Stadt neu zu prüfen, konstruktiv zu besprechen und ergebnisoffen zu beraten. Dabei sollten Vertreter aller Institutionen beteiligt werden, die von der Sache betroffen und mit ihr befasst sind, insbesondere also die Universität Leipzig, die Staatsregierung, die Stadt Leipzig, das Landeskirchenamt der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, das Bischöfliche Ordinariat der Römisch-Katholischen Kirche Dresden, der Paulinerverein, der Studentenrat, die Theologische Fakultät, die Universitätsmusik, die Kustodie der Universität, der Beirat für den Universitätsgottesdienst, die Studentengemeinden.

27.02.2003

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