| Drucken27.01.2005 

„25 Grad im Winter”, ein Film von Stéphane Vuillet (Maike Schmidt)

25 Grad im Winter
(25 degrés en hiver)
Belgien / Frankreich 2004, 90 min.
Regie: Stéphane Vuillet
Darsteller: Jacques Gamblin, Ingeborga Dapkunaite, Raphaélle Molinier, Carmen Maura
Kinostart: 27. Januar 2005

Bilder: ArsenalLiebenswerter Loser

Zuallererst die Frage: Was macht eigentlich einen typischen Loser aus? Ich meine, so einen richtigen Verlierer wie er im Buche steht? Vielleicht Folgendes?

Seine Frau hat ihn und die gemeinsame Tochter in Brüssel zurückgelassen, um in New York Karriere zu machen. Er arbeitet bei seinem cholerischen Bruder als Kurier für dessen Reisebüro, wo er eigentlich schon mit kleinen Aufgaben, wie dem Ausliefern eines Business-Class-Tickets, reichlich überfordert ist. Er versteckt sich gerne mal unter dem Bett, wenn der Vermieter, dem er drei Monatsmieten schuldig ist, an der Tür klingelt; verwettet dann aber alles, was er hat, auf die Lieblingsfußballmannschaft, weil er von ihrem Sieg geträumt hat. Kurz: der typische Verlierer ist immer einen Moment zu spät dran, immer mit einem winzigen Funken zu wenig Glück versehen, aber mit einem extrem toleranten Schutzengel ausgestattet, einem enorm großen Batzen Ideale - meist romantischer Natur - und unangemessenen Hoffnungsvorstellungen, die in keiner seiner Lebenssituation auch nur im geringsten zu passen scheinen. Der typische Loser kann unter Umständen Miguel heißen und genau das alles in den ersten Morgenstunden eines merkwürdig warmen Tages im Winter erleben. So beginnt Stéphane Vuillets erster Langspielfilm 25 Grad im Winter.

Wir stürzen also hinein in dieses Leben an einem Morgen, an dem so gar nichts funktionieren möchte. Auf dem Weg zum Flughafen, ca. eine halbe Stunde zu spät und vor sich einen Unfall erspähend, trifft unser Loser auf Elena, einem ukrainischen Flüchtling, die sich vor der Abschiebung in seinem Auto verstecken kann und vehement auf ein Mitnehmen besteht. Wie es sich für einen typischen Verlierer gehört, hat Miguel das Herz am rechten Fleck (und nicht wirklich eine Ahnung, wie er sich gegen so viel weiblich-tränenreiche Verzweiflung erwehren soll) und hilft der jungen Frau, auch wenn das noch mehr Probleme bedeutet - und Probleme hat er ja nun wahrlich schon mehr als genug. Mehr stolpernd als bewusst arrangiert findet sich Miguel deshalb schon bald mit seiner Tochter, seiner extrem anstrengenden Mutter (wunderbar: Carmen Maura) und einer verzweifelten Frau in seinem Auto wieder, nun auf der gemeinsamen Suche nach ihrem Mann, für den sie die Heimat hinter sich gelassen und einen beschwerlichen Weg gen Westen auf sich genommen hat. Es wird nicht nur eine Suche für sie, sondern auch für Miguel, der einsehen muss, dass, auch wenn der Realität ins Auge schauen weh tut, dies mehr als befreiend sein kann; es einfach der bessere Weg ist, erst den großen Problemen eine Lösung zu bieten, als sich immer mehr neue kleinere zu schaffen, mit dessen Lösung man sich dann abstrampeln muss und das eigene Leben hochwertig verkompliziert.

Eine Mischung aus Roadmovie, Liebesgeschichte und Selbstfindungstrip wird einem hier geboten, und auch wenn vieles schon sehr bekannt vorkommt, von guten Geschichten kann man doch irgendwie nie genug bekommen, oder? Gerade auch dann nicht, wenn sie mit viel Liebe zu ihren Figuren erzählt werden und einem so locker-leicht entgegenwehen, wie es dieser Film zu vermag. Der Titel ist dann Programm, denn es ist Winter und es wird einem recht warm. Gut: es ist eine voraussehbare kleine Geschichte, aber wie im Film so gilt auch für das Betrachten: der Weg ist das Ziel. Und so ganz pointenlos will er uns dann auch nicht zurücklassen; diese liegen zwar eher versteckt, aber sind trotzdem wirkungsvoll platziert. Was übrig bleibt, ist die Freude am Schauen auf ein kleines Leben, welches nicht spektakulär, sondern unruhig verzwickt daherkommt.

Eine einfache Lösung gibt es daher auch nicht, nur den gut gemeinten Rat, doch mal auf seine Träume zu hören und sie ein Schritt weit in die Realität einzuführen, denn das kann manchmal zu wunderschönen Ergebnisse führen, wie an diesem Film bewiesen ist. Ich rate daher bei angehendem Stimmungstief ob der dunklen Jahreszeit: ganz schnell ins Kino gehen und ein bisschen Wärme tanken. (Maike Schmidt)

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