| Drucken16.03.2003 

„All or Nothing”, der neue Film von Mike Leigh (Diana Kluge)

Regie/Drehbuch: Mike Leigh
GB/F 2002 OmU / 128 min
D: Timothy Spall (Phil), Lesley Manville (Penny), Alison Garland (Rachel), James Corden (Rory), Ruth Sheen (Maureen)
Aufführungsort: nato 16.-18.3.2003
All or Nothing

Gemeinsam leben und doch einsam sein, Mike Leighs neuer Film ist ein für ihn typischer Film. Wieder begibt er sich in die trostlos grauen Wohnsilos von London und beobachtet das alltägliche Überleben seiner Protagonisten. Im Mittelpunkt steht der Taxifahrer Phil mit seiner schmalen, unscheinbaren Frau Penny und seinen übergewichtigen Kindern Rory und Rachel. Ihr tägliches Familienleben ist bestimmt durch Monotonie, Einsamkeit und Stille. Sie haben sich nichts mehr zu sagen und Penny entlässt ihren Frust an Phil und Rory. Leigh verdeutlicht diese gegenseitige Entfremdung und verbalen Verletzungen durch das gemeinsame Ritual des Abendessens. Da sitzen alle vier mit gesenktem Blick, still vor sich hinkauend. Rory schaut beim Essen lieber fern als in die Gesichter seiner Eltern, Rachel sagt nichts und Phils Versuche, eine Unterhaltung zu beginnen, werden durch Pennys zynische Bemerkungen im Keim erstickt.

Doch Phils Familie ist nicht die einzige, die sich nichts mehr zu sagen hat. Da ist Maureen, die Arbeitskollegin von Penny, die ihre halbwüchsige Tochter Donna allein aufzieht. Auch sie leben in dem grauen Wohnsilo mit den viel zu kleinen und engen Zimmern. Auch ihre Gespräche enden im Streit oder sind durchzogen von verletzenden Bemerkungen. Dennoch scheint Maureen zufriedener mit ihrem Leben als Penny, die manchmal nachts auf dem Balkon sitzt und vor sich hinstarrt. Maureens Tochter Donna versucht die fehlende Liebe durch flüchtigen Männerbeziehungen zu kompensieren. Dabei hat sie meist das Talent, Verlierer auszusuchen, die nicht gut für sie sind. Die dritte Familie, bei der der tägliche Überlebenskampf die Liebe aufgefressen hat, ist jene von Phils Arbeitskollegen Ron. Da gibt es seine alkoholkranke Frau Carol, die ihren Hochzeitstag als den glücklichsten ihres Lebens bezeichnet und seine aufmüpfige Tochter Samantha, die sich an Donnas Freund heranmacht, nur um Donna zu kränken.

Erst der Herzinfarkt von Rory lässt die emotionalen Verkrustungen der Familien aufbrechen. Phil findet das erste Mal Worte für sein tägliche Ehemartyrium. Er fühlt sich von Penny wie "ein Stück Scheiße" behandelt ohne Respekt und Liebe. Der Drehbuchautor und Regisseur Leigh lässt langsam und behutsam die erneute Annäherung zu. Ergreifend dieser kurze Augenblick der Wahrheit, wenn Penny zärtlich Phils Hand küsst. Auch Maureen und Donna wird eine zweite Chance gewährt. Doch Rachel, Ron und Carol können ihrem emotionalen Gefängnis nicht entfliehen.

Leighs Filme lassen einen nicht so schnell los und auch dieser wirkt lange nach. Es ist ein langsamer, mit kargen Bildern durchzogener Film. Leighs Protagonisten sind nicht schön, sie sind unzufrieden mit ihrem Leben und haben doch nur dieses eine. Vor allem das unendlich traurige und gedemütigte Gesicht von Phil wird oft von der Kamera eingefangen. Es gibt keine kunstvoll in Szene gesetzten Augenblicke, die Kamera ist nah und schnörkellos an den Figuren dran, begleitet sie und zwingt den Zuschauer ebenfalls zu einer Nähe, die manchmal anstrengt. Hinzu kommt ein melancholische Musikstück, dass der Trostlosigkeit eine Stimme verleiht. Ein wunderbar einfacher Film über das alltägliche Leben!

(Diana Kluge)

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