Fabian Stiepert | Drucken15.02.2015 

Bittersüßer Vogel Jugend

„Als wir träumten“ ist Andreas Dresens bislang schwächster Film. Sehenswert ist die Verfilmung von Clemens Meyers Leipzig-Roman trotzdem allemal

Einfach machen: Mit „Als wir träumten“ zeigt Andreas Dresen der vorsichtigen „Generation Y“, wie es anders geht. (Foto: Peter Hartwig/Rommel Film)

Vergessen Sie das, was sie bislang über Andreas Dresen gehört haben. Wenn Sie seine Filme kennen, werfen Sie die Eindrücke über den Haufen, die Sie in Wolke 9, Halt auf freier Strecke oder Sommer vorm Balkon gewonnen haben. Dresens Verfilmung von Clemens Meyers Roman „Als wir träumten“ ist so ganz anders als all seine anderen Filme voll von Alltagspoesie und halbdokumentarischem Realismus, für die der Regisseur bislang stand. In Als wir träumten, der im Wettbewerb der Berlinale seine Premiere gefeiert hat, geht es laut, ungehobelt und rebellisch zu. Es wird sehr viel geraucht, noch viel mehr getrunken und jede Menge demoliert.

Clemens Meyers laute und zeitweise sehr schnelle Geschichte folgt Dani (Merlin Rose), Rico (Julius Nitschkoff), Mark (Joel Basman), Pitbull (schauspielerisch mit Abstand am besten: Marcel Heupermann) und Paul (Frederic Haselon), deren Kindheit und Jugend den Niedergang der DDR und die trostlosen Jahre der Nachwende kreuzen. Die fünf Halbstarken ziehen durch die Leipziger Straßen, knacken Autos und träumen von einem gemeinsamen Technoclub, den sie auch zeitweise im Nirgendwo des Leipziger Umlandes betreiben. Leider versauen sie damit dem fiesen Kehlmann (Gerdy Zint) das Geschäft. Die Ereignisse überschlagen sich. Aus anfänglichen Raufereien wird ernsthafte Gewalt und auch härtere Drogen finden Eingang ins Leben der Clique.

Keine Frage, Meyers Stoff einer grau gefärbten, nicht ganz so dekadenten „jeunesse dorée“ hat Wucht und darf sich Pathos allemal erlauben. Auch Wolfgang Kohlhaases Drehbuchumsetzung ist erstaunlich gut gelungen, wenn man bedenkt, dass Kohlhaase mit über 80 aus einer ganz anderen Generation als Meyer und seine Anti-Helden stammt. Zudem hat Kohlhaase das Drehbuch mit vielen guten Ideen gespickt, die man sich sogar in einer Hollywood- Produktion vorstellen könnte. So sorgt das flackernde Stroboskop-Licht in einer der Discoszenen dermaßen für Nägelkauer-Spannung, dass man glatt in die Knie gehen möchte. Dass Werdegang und Schicksal einiger Jungs aus der Bande im episodisch angelegten Drehbuch dafür angedeutet bis rätselhaft bleiben ist da schon fast gänzlich verzeihbar.

Über einige massive Fehlbesetzungen im Cast ist dagegen nicht hinweg zu sehen. So schafft es Merlin Rose in seiner Hauptrolle als Dani, kaum den Film wirklich zu tragen. Obwohl Rose über gutes Aussehen und Charisma verfügt (er erinnert sogar ein bisschen an Nerd-Darsteller Michael Cera aus Superbad und Juno), schafft er es selten, Szenen wirklich zu dominieren und sein Schauspiel über verträumtes und sehnsuchtsvolles Gucken hinaus wachsen zu lassen. Man nimmt ihm somit schlichtweg nicht ab, dass er so ein böser rebellischer Bube ist, der für kürzere Zeit zu Abschreckungszwecken in den Jugendarrest muss. Trotzdem ist Roses potenzielles Können erkennbar. Mit Anfang 20 sind die wenigsten schon Meister der Schauspielkunst.

Trotz wenig Screentime ist Sternchen (schauspielerisch erschreckend schlecht: Ruby O. Fee) das größte Ärgernis in diesem sehr untypischen Dresen-Film. So hat Sternchen anscheinend keine andere Aufgabe als der hübsch anzusehende Wanderpokal für alle Jungs zu sein, egal ob in Danis Freundeskreis oder bei den Nazi-Schergen rund um Bösewicht Kehlmann. Es mag zugegebenermaßen der Dramatik des Films den winzigen Funken einer unerwiderten Liebe hinzugefügt haben, dass Dani, ganz egal, wie er es versucht, niemals wirklich an Sternchen herankommen wird. Sie aber als mittlerweile von den Drogen angefixte Stripperin in einem schäbigen Nachtclub enden zu lassen, erscheint dann fast schon als ein Affront, für den man nicht mal eine Feministin vom harten Kern zu sein braucht, um sich darüber empören zu können. Eine in dieser Form klischeeisierte Frauenfigur hat in einem eigentlich gut durchdachten deutschen Arthouse-Film nichts zu suchen. Kohlhaase hätte sie aus seinem sonst so einfallsreichen Drehbuch vielleicht lieber ganz streichen sollen.

Aber bei aller negativen Kritik, die man anbringen kann, ist Als wir träumten ein sehenswerter Film, für den man guten Gewissens das Kinoticket lösen kann. Selten wurde der Möglichkeits(t)raum der Jugend so gekonnt eingefangen. Dresen liebt seine Figuren genauso wie auch in seinen anderen Filmen. Er schafft es, all die Aggression und Verunsicherung seiner Helden in Bildern einzufangen, die die Poesie und Melancholie hinter dieser rauen Fassade niemals verneinen. Damit steht er der Vorlage von Clemens Meyer, die dies literarisch schafft, ästhetisch in nichts nach.

Als wir träumten könnte somit der ideale Film sein, um der starren, spießigen „Generation Y“ von heute mal ein wenig vor den Kopf zu stoßen. Statt der ewigen Grübelei einfach machen wie Dani und Konsorten mit ihrem Technoclub. Anstatt seine Unzufriedenheit leise vor sich her zu schieben durch die Straßen ziehen, Krach machen und seine Grenzen austesten. Denn nur wer aktiv wird, kann die finale Frage dieses Films („Wo soll´s denn hingehen“) für sich beantworten.

Als wir träumten

Deutschland 2014, 117 Minuten

Regie: Andreas Dresen; Darsteller: Merlin Rose, Julius Nitschkoff, Joel Basman, Marcel Heupermann, Frederic Haselon, Ruby O. Fee

Kinostart: 26. Februar 2015


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