Stefanie Mehlhorn | Drucken28.10.2014 

In sieben Tagen schuf Gott die Welt,
in sieben Tagen schafft der Mensch das Chaos

„Am Sonntag bist du tot“ von John Michael McDonagh ist Krimi, Komödie und Tragödie

Der Seelsorger und seine Schäfchen: Lavelle (links, Brendan Gleeson) kämpft auch im Schlachthaus gegen menschliche Abgründe. (Fotos: Ascot Elite)

Nach ihrem Erfolgsfilm The Guard ist Am Sonntag bist du tot die zweite Zusammenarbeit von Regisseur McDonagh und Brendan Gleeson, der auch in diesem Film die Hauptrolle übernimmt. Jedoch überrascht dieser zweite Film mit einigen anderen Facetten. Am Sonntag bist du tot wird zu einem Meisterwerk, weil er den schwarzen Humor des Vorgängers übertrifft und um die philosophische Note einer intellektuellen Tragödie erweitert.

Dabei handelt es sich nicht bloß um eine sarkastische Dorfkomödie, sondern entwickelt sich zu einem dichten spannenden Krimi, der den Kreuzweg eines katholischen Pfarrers zeigt. Hier findet sich bereits im Originaltitel des Filmes Calvary eine klare Anspielung darauf, handelt es sich doch dabei um die englische Bezeichnung für Golgatha, den Ort von Jesu Kreuzigung. Dem Zuschauer eröffnet sich eine Parabel dörflicher Idylle mit biblischen Bezügen. Postkartengleiche Landschaften Irlands, eingefangen in langen, ruhigen Kameraeinstellungen, treffen auf beißende Satire und dunkelste Gesellschaftskritik. Angelehnt ist das Drama lose an das „Tagebuch eines Landpfarrers“ von Robert Bresson.

„When I was seven years old I was raped by a priest“, schmettert es Pfarrer Lavelle in der sonntäglichen Beichte entgegen. Was soll er so einer Ansage entgegnen? Wie soll ein Einzelner das Versagen eines ganzen Apparates auf- und abfangen? Denn wie man mittlerweile weiß, handelte es sich bei den Missbrauchsfällen nicht um tragische Einzelschicksale. Sie beschreiben ein institutionelles Problem, mit dem sich die katholische Kirche belastete. Und Irland ist ein katholisches Land. „On Sunday I will kill you“, sagt die Stimme hinter dem Gitter. In sieben Tagen wird er Lavelle töten, weil er gut ist, weil er unschuldig ist und die Tötung eines Unschuldigen viel wirkungsvoller sei. Dies würde ein Zeichen setzen. Doch was macht man in einer Woche, in sieben Tagen? Gott schuf in dieser Zeit bekanntlich die Welt, der Mensch schafft das Chaos.

Der katholische Pfarrer führt ein recht irdisches Leben, sogar mit Frau und Kind.

Eine Woche bleibt Lavelle seine Angelegenheiten zu regeln, sich um sein Haus und Hof, seine Gemeinde und seinen Mörder zu kümmern und mit allem ins Reine zu kommen. Tag für Tag läuft die Zeit nun ab für den eher unkonventionellen Pfarrer, dessen immer verdrießlich blickende, suizidale Tochter den Konflikt zwischen sich und ihrem Vater zu lösen versucht. Er führte vor seinem Leben als katholischer Pfarrer ein recht irdisches, mit Frau und Tochter, Gelüsten und Lastern ― der Alkohol ist ihm, neben seiner unglücklichen Tochter noch geblieben.

Eindrucksvoll führt Regisseur McDonagh den Zuschauer in eine ganz eigene dörfliche Idylle ein, geprägt durch überzeichnete Charaktere ― mehr menschliche Karikaturen, welche sich besser metaphorisch verstehen, und lässt so das Chaos langsam vor dessen Augen entstehen.

Der Zuschauer begleitet den Pfarrer durch das Dorf und begegnet dabei mit ungeahnter Wucht menschlichen Abgründen und purem Zynismus. Individuen, denen Glauben und Reue vollkommen fremd zu sein scheinen. Ein alternder Schriftsteller, ein von seiner Familie verlassener und mit Geld um sich schmeißender Investment-Banker, eine sexsüchtige, Koks und Gewalt nicht abgeneigte Frau, ein junger Mörder, ein herzloser, abgestumpfter Arzt. Zwischen all dem bewegt sich Hauptdarsteller Gleeson mit beeindruckender Präsenz, wirkt seine Rolle, die zwischen Märchenonkel und Mafia-Boss zu schwanken scheint, nie festgefahren. Dies wirkt wie ein gelungener Schachzug McDonaghs, setzt er doch all diesen Stereotypen einen untypischen, mehr als menschlichen Pfarrer entgegen.

Dabei erinnern die Dialoge und Szenen des Pfarrers mit seiner Gemeinde eher an Duelle. An ewige Zweikämpfe, die Lavelle mit Gottvertrauen zu gewinnen versucht und doch immer kläglich an einer sich selbst enttäuschenden Moderne scheitert. Empfindet das gesamte Dorf seine Anwesenheit doch als pure Provokation. Denn auch wenn er unkonventionell arbeitet, klebt an ihm doch immer die Geschichte seiner Kirche.

Bestechend ist dieser eher untypische Krimi vor allem auch deswegen, weil der Zuschauer nicht ausschließlich auf das Ziel, die Enttarnung des Mörders und die mögliche Ermordung des Pfarrers hinfiebert ― gibt Lavelle doch schon zu Beginn des Films deutlich zu verstehen, dass er bereits eine Vermutung hat, wer sein Mörder sein wird. Doch obwohl es um sein eigenes Überleben und eine Straftat geht, sieht er sich durch das Beichtgeheimnis gebunden. Es geht also weder darum, einen Schuldigen zu finden, noch, die Flucht zu ergreifen. Der Zuschauer sieht sich einer Geschichte gegenüber, die ihn berührt, schockiert und auch etwas ungläubig zurück lässt. Der Film endet in absoluter Stille, die die Macht besitzt, noch einige Zeit nachzuhallen.

Am Sonntag bist du tot

Irland/Großbritannien 2014, 100 Minuten

Regie: John Michael McDonagh; Darsteller: Brendan Gleeson, Chris O´Dowd, Kelly Reilly, Aiden Gillen, Dylan Moran

Kinostart: 23. Oktober 2014


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