Benjamin Brückner | Drucken10.03.2011 

Wenn die Liebe fehlt

Größenwahnsinn statt Geborgenheit: Der Dokfilmer Andres Veiel beschäftigt sich in seinem Spielfilmdebüt „Wer wenn nicht wir“ mit einem Anfangskapitel der RAF

(Bild: Senator)

Terroranschläge in Deutschland sind keine Fiktion, sondern vielmehr Geschichte. Denn auf dem Boden der BRD wütete einst die linksradikale „Rote Armee Fraktion“. Ihre Mitglieder waren der Überzeugung, sich einem vermeintlich kurz bevorstehenden antiimperialistischen Krieg anzuschließen. Dass sie dabei in Wahrheit einen Krieg innerhalb ihrer eigenen Familien nach außen trugen, war ihnen wohl nicht bewusst. Genau diese Verquickung schildert Wer wenn nicht wir.

Darin wirken die Eltern der Protagonisten so statisch, als ob sie eingefroren wären. Sie sind die Generation, die den Faschismus zwar überlebte, nicht aber verarbeitet und sich damit auseinander gesetzt hat. Die zur Hälfte kommunistisch und zur anderen Hälfte demokratisch regiert werden. Letzteres wird von den Mitgliedern der RAF als imperialistischer Schachzug der US-Regierung gesehen. Insbesondere der zu dieser Zeit stattfindende Vietnamkrieg mit seinen Gräueln schürt den Hass und das Misstrauen gegenüber der amerikanischen Führung.

Hinzu kommt die schwer verständliche und nicht allzu weit zurückliegende Vergangenheit des Nationalsozialismus. So konfrontiert die Filmfigur Gudrun Ensslin ihren Vater, der als katholischer Pfarrer arbeitet, mit Vorwürfen der Bigotterie und des blinden Gehorsams gegenüber einem Menschen verachtenden System. Die junge Studentin trägt wie viele ihrer Altersgenossen ihren Zorn mit sich herum und lässt ihn ins Unermessliche wachsen. Bis hin zur Bereitschaft, ihr eigenes Kind für einen Guerillawahnsinn auf deutschem Boden zurück zu lassen.

In der Intensität, mit der Regisseur Andres Veiel die familiären Fallstricke und Konflikte beleuchtet, füllt Wer wenn nicht wir genau die Lücke, die der Baader Meinhof Komplex dem Zuschauer hinterlassen hat. Geschichtliche Großereignisse werden als weitgehend bekannt vorausgesetzt und die Entwicklung der RAF-Kernmitglieder, ihr Wandel von bürgerlich geprägten und politisch motivierten Veränderungswilligen hin zu skrupellosen und selbstgerechten Verbrechern, in den Fokus gerückt. Im Zentrum dieser Vereinigung zu Zeiten ihrer Gründung standen mitunter Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis) und Andreas Baader (Alexander Fehling). Indirekt war auch der Schriftsteller Bernward Vesper (August Diehl) beteiligt, dem Veiel hier besondere Aufmerksamkeit schenkt. Sie alle tragen ihre erfahrene Lieblosigkeit, ob als geschändetes Heimkind oder von der Familie unter Druck gesetzte Studentin, nach außen und vermischen emotional-persönliches Leiden mit wahrem politischem Engagement.

Der Film versetzt zurück in eine Zeit, in der man für den Wunsch eines Raucherverbotes in der Öffentlichkeit ausgelacht worden wäre. Im Film ist die omnipräsente Zigarette ein markantes Symbol für den Stress, unter dem das Deutschland der Nachkriegsjahrzehnte litt. Es gab kein offenes Ohr für die Menschen. Zweifelsohne kann die RAF für ihre Taten voll verantwortlich gemacht werden kann. Doch hat ein System, in dem friedliche Demonstrationen mit Schusswaffen und Schlagstöcken erstickt und Straftäter in psychisch zermürbende Isolationshaft gesteckt sowie undemokratisch regierende Schahs hofiert werden, nicht wenig Öl ins Feuer gegossen. Veiels Spielfilmdebüt Wer wenn nicht wir gibt in Kombination mit Der Baader Meinhof Komplex einen guten Einblick in eine solche Gesellschaft und ihre Ohnmacht im Versuch, zu verschweigen, statt zu vermitteln.

Wer wenn nicht wir

Deutschland 2011, 124 min

Regie: Andres Veiel, Darsteller: August Diehl, Lena Lauzemis, Alexander Fehling

Kinostart: 10. März 2011


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