Fabian Stiepert | Drucken21.11.2012 

Choreografierte Kulissenschieberei

Joe Wrights Verfilmung von „Anna Karenina“ ist eines der größten cineastischen Totalversagen dieses Jahres

„Anna Karenina“ wurde zum Großteil in einem alten Londoner Theater gedreht ― das hier zur pseudoironischen Kulisse verkommt (Fotos: Universal Pictures)

Seit seiner Verfilmung von Jane Austens Klassiker „Stolz und Vorurteil“ ist Joe Wright der Mann für die ganz pompösen Literaturverfilmungen. Nach „Abbitte“ von 2007 ist nun mit „Anna Karenina“ der nächste Schmöker dran, den Wright versucht hat ins knapp zweistündige Kinoformat zu pressen. Was ihm bei Austen und McEwan gelang, das vergeigt er bei Tolstois weit über 1.000 Seiten langer Vorlage gewaltig. Doch dazu gleich mehr.

Zuerst als Bildungslückenfüller die komplexe Handlung des Romans, den viele für den besten aller Zeiten halten: Im Zentrum der Geschichte stehen die Familien Oblonski, Schtscherbazkaja und Karenin. Anna (Keira Knightley) ist die Schwester von Fürst Oblonski (Matthew McFayden) und wurde in jungen Jahren mit dem Beamten Karenin (Jude Law) verheiratet. Relativ unglücklich in ihrer ereignislosen Ehe, stürzt sich Anna Karenina in eine leidenschaftliche Affäre mit dem Grafen Wronski (Aaron Taylor-Johnson), wird von ihm schwanger und ist im russischen Zarenreich nicht mehr gesellschaftsfähig. Trotz anfänglichen Selbstbewusstseins in dieser verfänglichen Lage kann Anna dem Druck nicht mehr stand halten. Ihr Sprung vor eine russische Eisenbahn ist wohl der bekannteste Suizid in der Geschichte der Literatur.

Warum ist der Film nun ― bei aller Liebe, die man für dieses Buch aufbringen kann ― so derartig misslungen? Das liegt wohl in erster Linie an den narzisstischen Kunstgriffen, die Wright sich ausgedacht hat, um die Geschichte in ihrer arg gestrafften Form zu präsentieren. Das Raumkonzept des Filmes ist dabei das erste (negativ) bemerkenswerte an diesem Film, denn er wurde nicht etwa in gewöhnlichen Studiokulissen oder aufwendigen Außendrehs produziert. Nein, Wright benutzt als Kulisse fast ausschließlich ein altehrwürdiges Theater, das die Locationscouts in der Nähe von London ausgekundschaftet haben. Bis auf wenige Außenszenen spielt nahezu der gesamte Film in diesen Theaterhallen und all seinen sich anbietenden Kulissen. Was auch immer Wright zu dieser Locationauswahl getrieben hat, man wünscht sich schon nach fünf Minuten, dass ihn jemand davon abgehalten hätte.

Alles andere als eine dralle Russin: Keira Knightley als Anna Karenina ist eine optische Fehlbesetzung

Mit dieser völlig sinnfreien und kokettierend pseudoironischen Kulisse wird der Film zu einem Mummenschanz, bei dem sich Tolstoi im Grabe umdrehen würde. Schließlich ist der Text der Vorlage in keinster Weise für eine Umsetzung im theatralen Raum ausgelegt, sondern ein lupenreines Beispiel russisch-realistischer Epik, das seinem ganz eigenen Tempo folgt und nicht die überdrehte Hektik benötigt, die Regisseur Wright seinem sich überchoregrafiert durch den Film tänzelnden Ensemble aufgenötigt hat.

Was den Film endgültig zur entnervenden Farce verkommen lässt, ist das völlige Overacting in vielen Szenen, das einerseits Wrights theatralisch-tänzerischer Choreografie geschuldet ist, aber gleichzeitig nie an Leichtfüßigkeit gewinnt. Vor allem McFaydens Darstellung eines derartig dauergutgelaunten Fürsten Oblonski, der den ganzen Film hindurch gefühlt nichts anderes tut als Schnepfen zu jagen, sich mit Essen voll zu stopfen und sich des Lebens zu freuen, ist derartig unglaubwürdig, dass man sich fragt, ob er sich am falschen Set verirrt hat. Über die Tatsache, dass Knightley nicht gerade dem Bild einer drallen Russin vom Format einer Anna Netrebko entspricht, braucht man auch nicht weiter zu diskutieren. Knightley ist und bleibt ohne Frage eine optische Fehlbesetzung par excellence.

Man kann an diesen 130 Minuten pseudointellektuellen Kostümkitsch kaum ein gutes Haar lassen. So wird sich für diesen Film auch kaum eine geeignete Zielgruppe finden lassen. Den Literaturliebhabern, die den Roman halb auswendig können, ist das Ganze höchstwahrscheinlich zu profillos und derartig auf künstliche Schauwerte ausgelegt, dass man am allzu holzschnittartigen Drehbuch schnell verzweifeln wird. Die Fraktion, die sich einen winterlich-weihnachtlichen Film erhofft, wird der Komplexität der auf weite Strecken eher emotionsfreien Handlung wenig abgewinnen können. Bei solchen Aussichten möchte man Wrights Machwerk wirklich jegliche Relevanz oder gar Notwendigkeit absprechen. Da bleibt man dann doch lieber zu Hause in der warmen Stube, als sich diesem russischen Kulissenwinter auszusetzen, der noch nicht einmal ansatzweise echt ist.

Anna Karenina

Großbritannien/Frankreich 2012, 130 Minuten

Regie: Joe Wright; Darsteller: Keira Knightley, Jude Law, Aaron Taylor-Johnson, Kelly Macdonald, Matthew Macfadyen, Domhnall Gleeson, Ruth Wilson

Kinostart: 6. Dezember 2012


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