Constanze Stutz | Drucken15.11.2012 

Hass in Pixeln

„Argo“ von Ben Affleck kümmert sich lieber um größtmögliche Authentizität als um die kritische Annäherung an die Rolle von Medien in Umbruchs- und Krisenzeiten

Ben Affleck als Tony Mendez (Fotos: Warner Bros. Entertainment)

Comic-Sequenzen, mediale Nachrichtenpixel und eine monotone Stimme aus dem Off erzählen im Sekundentakt die Geschichte eines Landes, die Geschichte einer Machtergreifung mit der Unterstützung fremder Staaten, einer folgenden Revolution. Hass in Pixeln auf dahin flimmernden Bildschirmen in den ersten zwei Minuten des Films Argo. Die vorweg geschobenen fünf heiligen Worte der Filmindustrie „Based on a true story“, die aus einem Film wahrhaftige Geschichte machen sollen, bestimmen die folgende Erzählung.

Auf dem Höhepunkt der iranischen Revolution stürmten radikalisierte Studierende am 4. November 1979 die amerikanische Botschaft in Teheran und nahmen 52 US-AmerikanerInnen, stellvertretend für ihre Regierung, als Geiseln. Sechs weiteren gelang ― unbemerkt ― die Flucht in die kanadische Botschaft. Als Staatsfeinde eines ganzen Landes harrten sie mehrere Monate unter Lebensgefahr in ihrem Versteck aus. Die CIA hielt zu diesem Zeitpunkt eine Flucht mit eingeschmuggelten Fahrrädern über die türkische Grenze für die aussichtsreichste Idee. Tony Mendez (Ben Affleck), ein auf Befreiungen unter schwierigen Bedingungen spezialisierter CIA-Agent, brachte dagegen eine gleichwohl kreativere Idee auf den Tisch des Verteidigungsministers: Die komplette Produktion eines Hollywoodfilms unter dem Namen „Argo“ soll in der nun islamischen Republik Iran fingiert und die sechs versteckten AmerikanerInnen als kanadische Filmschaffende aus dem Land geschmuggelt werden, ohne dass die Regierung Verdacht schöpft.

Der Regisseur und Hauptdarsteller Ben Affleck bringt mit Argo eine noch bis 1997 geheim gehaltene und in dieser Form einzigartige Erzählung der wahrlich verhängnisvollen Liebschaft zwischen Geheimdienst und Hollywood auf die Leinwand. Ganz im Sinne des Produzenten von Argo, „If you want to sell a lie, let the press sell it for you“, bleibt auch Affleck nah dran an den medialen Bedeutungsmaschinen. Kaum ein Raum, kaum eine Szene ohne den daneben flimmernden, nie enden wollenden Nachrichtenstrom. Geschichte, die am Fernseher gemacht wird.

Spielen in „Argo“ Geschichtsstunde (von links): John Goodman, Alan Arkin und Ben Affleck

Statt einer kritischen Annäherung an die Rolle von Medien in Umbruchs- und Krisenzeiten dienen diese jedoch eher der Legitimierung des omnipräsenten Anspruches auf Wahrhaftigkeit. Alles, von der Haarspange der versteckten Sekretärin bis hin zum Winkel des Erhängten auf dem Marktplatz hat, so die Botschaft, genau so stattgefunden, bleibt wahrhaftig und vor allem: authentisch.

Das legendäre Hollywoodzeichen ― vermodert und auseinander gefallen ― bleibt in Argo nichts anderes als die Kulisse für ein zu einfaches Szenario: Die Filmindustrie ist eine Farce, die CIA erst recht und dennoch gewinnen beide. Reminiszenzen wie diese erinnern nicht von ungefähr an die Ära des New Hollywoods, einer gesellschaftskritischen Strömung im Hollywood der 1970er Jahre. Nur sind sie leider auch nichts anderes als das: Zitate.

Von Geschichte als Montage aus unterschiedlichsten Medien, Meinungen und Momenten zu Beginn bleibt am Ende nur das Nebeneinanderstellen der geschichtsträchtigsten Fotografien und Filmbildern: die endgültige Verifizierung von „genau so war es damals, dies ist eine echte Geschichte“.

Argo ― klassisches Spannungskino mit einer Prise patriotischen Liberalismus, den man gerade noch so runter schlucken kann: Immerhin versteckt sich hier ja auch ein Anspruch auf Kritik und Auseinandersetzung. Nur leider wurde gerade dieses Gefühl in den vergangenen zwei Stunden ein wenig zu authentisch verkauft.

Argo

USA 2012, 120 Minuten

Regie: Ben Affleck; Darsteller: Ben Affleck, Bryan Cranston, Taylor Schilling, Kyle Chandler, John Goodman, Alan Arkin

Kinostart: 8. November 2012


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