Sarah Schramm | Drucken08.11.2013 

Happy End vor unberührter Natur

Nicolas Vanier erzählt in „Belle und Sebastian“ eine klassische „Hund und kleiner Junge“-Geschichte – ohne Kitsch und Pathos

Félix Bossuet spielt den Waisenjungen Sebastian, der in der Hündin Belle eine Freundin findet. (Fotos: Ascot Elite Filmverleih)

Schon oft wurde die Freundschaft von Mensch und Hund filmisch thematisiert. Man nehme beispielsweise Tim und Struppi oder Ein Hund namens Beethoven. Mit Belle und Sebastian kommt in diesem Winter ein weiterer Spielfilm dieser Konstellation in die Kinos. Er basiert auf der gleichnamigen Kinderserie und deren Buchvorlagen aus den 60er und 70er Jahren, verlagert die Handlung aber in ein französisches Gebirgsdorf zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. So tritt zur Geschichte der abenteuergeladenen Freundschaft zwischen dem Waisenjungen Sebastian und seiner tierischen Begleiterin, der Hündin Belle, eine neue Dimension hinzu: der Einzug des Krieges und das wagemutige Schleusen von Juden über einen Bergpass mit der Hilfe eines großherzigen Arztes.

Beide Handlungen kreuzen sich im Zerschmettern von Vorurteilen gegen das Unbekannte und vermeintlich Böse. Auf der einen Seite Belle, im Dorf „die Bestie“ genannt, welche verdächtigt wird, das Vieh der Bauern anzugreifen und in einer Treibjagd überwältigt werden soll. Auf der anderen Seite das von den Nazis zum Feindbild erklärte jüdische Volk, dessen Flucht in die Schweiz verhindert werden soll. Regisseur Nicolas Vanier verwebt beide Stränge gekonnt und ohne Wink mit dem Zaunpfahl.

Die Zeit des Nationalsozialismus wird aus Perspektive des kleinen Sebastian erlebt, welcher sich mit den Kindern der fliehenden Juden anfreundet und dessen dörfische Idylle durch plündernde Nazis zerstört wird, die sich nehmen, was ihnen nicht gehört. Gespielt wird die Hauptfigur vom 7-jährigen Félix Bossuet, der sich unter 2400 Bewerbern für die Besetzung der Rolle durchsetzte. In der Kinderserie wurde sein Part noch von Mehdi verkörpert, dem Sohn der Autorin der Buch-Vorlage Cécile Aubry. Fünfzig Jahre später ist Mehdi wieder dabei. In einer Nebenrolle als Dorfbewohner André wird er jedoch vom überragend gespielten Sebastian in den Schatten gestellt. Großartig sind dessen Mimik und seine ausdrucksstarken Augen, die den zu Beginn des Films traurigen aber mutigen Jungen nach der ersten Begegnung mit Belle zu einem selbstsicheren und tapferen kleinen Kämpfer stilisieren. Eine ähnlich starke Wirkung wie das Leuchten in Sebastians Manga-Augen hinterlässt die Natur, welche ihrer Besetzung als zweite Hauptrolle mehr als gerecht wird.

Gezeigt wird sie in ihrer Unberührtheit und großen Schönheit. Alle vier Jahreszeiten durchläuft der Film und lässt jede einzelne in dem ihr eigenen Licht erstrahlen. Am imposantesten sind wohl die unendlich wirkenden, schneebedeckten und hell strahlenden Berge des Film-Schauplatzes, der Haute-Maurienne in den französischen Alpen. Diese imposanten Aufnahmen verdeutlichen den Einfluss des Dokumentarfilms auf den Regisseur. Vanier ist passionierter Abenteuerreisender und liebt die Natur. Großartig fängt er Farbe und Materie ein, ohne jedoch die Geschichte um Belle, Sebastian und den Krieg zu vernachlässigen. Im Einklang miteinander sind Natur und Story, entwickeln sich die Charaktere mit den Jahreszeiten. Auf diese Weise erhält Belle und Sebastian auch eine ethnologische Dimension, die sich für Natur, Tier und Volk interessiert und ihr Zusammenspiel zeigt. Über die gewaltigen Bilder wird dabei mehr transportiert als über Sprache.

Belle und Sebastian pointiert all das, was man sich von einer klassischen „Hund und kleiner Junge“-Geschichte verspricht: eine unerschütterliche Freundschaft mit vielen Herausforderungen, Spannung durch ungeahnte Tücken, mutige Charaktere, Vertrauen und gegenseitige Aufopferung. All das wird sehr wohl bewegend, doch ohne Kitsch, Pathos oder Belehrung serviert. Dafür mit Happy End.

Belle und Sebastian

Frankreich 2013, 94 Minuten

Regie: Nicolas Vanier; Darsteller: Félix Bossuet, Tchéky Karyo, Margaux Chatelier

Kinostart: 19. Dezember 2013


Kommentar hinzufügen

 
Fügen Sie hier Ihren Kommentar ein:
 
 
 

* Pflichtfeld

 

Tipps

Peer Gynt

Am 28. Dezember um 19.30 Uhr kommt es am Schauspiel Leipzig zur Wiederaufnahme von Henrik Ibsens "Peer Gynt" in der Inszenierung von Philipp Preuss.

Weihnachtsmotette

Die Weihnachtsmotette mit dem Thomanerchor in der Thomaskirche, am Sonntag, 24. Dezember, beginnt um 13.30 Uhr. Der Eintritt kostet 2 Euro und ist am Kircheneingang zu bezahlen.

EXTRAS

Out of Leipzig

Berichte aus der Hauptstadt und dem Rest der Welt

Friedrich-Rochlitz-Preis

Rückblick auf den Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2015. Das nächste Mal findet der Schreibwettbewerb 2017 statt.

Lyrik & Prosa

Gedichte und Erzählungen im Leipzig-Almanach

Jugend-Almanach

Die Extra-Rubrik für junge Autorinnen und Autoren

Mitglied werden

Der Leipzig-Almanach braucht Ihre Unterstützung, damit er auch weiterhin nicht kommerziell bleibt. Werden Sie Vereinsmitglied! Als Dankeschön erhalten Sie einen Kinogutschein.

Newsletter

 

Registrieren Sie sich für den Newsletter des Leipzig-Almanach