Stephanie Göbel | Drucken15.01.2012 

Ammenmärchen aus Argentinien

Die zauberhafte Komödie „Chinese zum Mitnehmen“ erzählt mit Tragikomik und schwarzem Humor von einem kauzigen Eisenwarenhändler und einem hilfesuchenden Chinesen

Bild: Ascot Elite

Der Film katapultiert die Zuschauer mitten in eine märchenhafte Welt, nicht voller Feen und Elfen, vielmehr in eine, in der Kühe vom Himmel fallen, Nägel penibel genau nachgezählt werden und jeden Tag eine Lieferung sämtlicher Zeitungen aus aller Welt eintrifft. In der Tag für Tag das Licht um Punkt 22 Uhr ausgemacht wird, kleine Glastiere via Internet für den Geburtstag der längst verstorbenen Mutter bestellt und in einer verstaubten Vitrine in einer schrullig-schönen Wohnung aufgebaut werden. Der Campingstuhl und eine ordentlich zurechtgemachte Vesper werden am Straßenrand ausgepackt, um Flugzeuge beim Starten und Landen zu beobachten. Und ein komisch anmutender, selten lächelnder, menschenscheuer Argentinier widmet sich seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Finden, Ausschneiden und Einkleben von skurrilen Zeitungsnachrichten, mit einer solchen Freude und Hingabe, dass ihm die Sympathien der Zuschauer gewiss sind. Der Originaltitel des Films verweist auf die spanische Redewendung „UnCuentoChino“, zu Deutsch „Ammenmärchen“ und „Lügengeschichte“ – und tatsächlich hat man manchmal das Gefühl, dass einem ein Bär aufgebunden wird.

In dieses kleinkarierte und routinierte Einsiedlerleben von Roberto (Ricardo Darín) tritt unerwartet und unerwünscht der Chinese Jun (Ignacio Huang). Jun emigriert nach Argentinien auf der Suche nach dem noch lebenden Teil seiner Verwandtschaft. Ausgeraubt und der Sprache nicht mächtig, fällt er dem eigenbrötlerischen Roberto vor die Füße. Dieser nimmt sich widerwillig seiner an, jedoch nur mit der Absicht, ihn zu der genannten Adresse zu bringen. Doch jetzt fangen die Probleme erst an. Weder die Polizei, mit welcher Roberto sich anlegt, noch die Botschaft wollen Jun aufnehmen. Dann das große Aufatmen – der Onkel ist gefunden. Am nächsten Tag steht eine chinesische Großfamilie vor Robertos Haus, doch sie entpuppen sich als die Falschen. Es scheint, als sei Juns gesuchter Onkel verschollen und das Glück nicht auf Robertos Seite. Das spießige Leben von Roberto gerät dadurch gewaltig ins Wanken und seine Nerven werden auf eine harte Probe gestellt. Zu allem Überfluss tritt nun auch noch Mari (Muriel Santa Ana), eine aufgeschlossene, selbstbewusste und kecke Frau in Robertos Leben. Diese „Doppelbelastung“ bringt Roberto an den Rand des Wahnsinns. Untermalt ist dieses Schauspiel mit einer passenden schrullig-schönen Instrumentalmusik.

Der Film hat die Fähigkeit, die Zuschauer mitzureißen und versetzt diese in eine schmunzelnde Stimmung. Das Lächeln steht einem förmlich ins Gesicht geschrieben und nicht ohne Grund kann der Film von Sebastián Borensztein, in der Hauptrolle besetzt mit dem argentinischen Superstar Ricardo Darín (In ihren Augen, 2009) bereits eine knappe Million Zuschauer seit seinem Start im März in Argentinien, verzeichnen. Der Film überzeugt nicht nur das Publikum, sondern punktet auch auf sämtlichen Festivals. Beim internationalen Filmfestival in Rom gewann er zugleich den Preis als bester Film, wie auch in der Kategorie „Publikumsliebling“. Weitere Nominierungen stehen aus und mit Sicherheit wird der Film auch dort überzeugen können.

Chinese zum Mitnehmen

Regie: Sebastián Borensztein

Kinostart: 5. Januar 2012


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