| Drucken28.02.2007 

Clash of Cultures: „Junebug” (Tobias Prüwer)

Junebug
Regie: Phil Morrison
Buch: Angus MacLachlan
Mit: Embeth Davidtz, Alessandro Nivola, Amy Adams, Ben McKenzi, Celia Weston, Scott Wilson & Frank Hoyt Taylor
USA 2005 - 106 min.
Arsenal Filmverleih
Kinostart: 1. März 2007
www.sonyclassics.com/junebug
Clash of Cultures: Junebug...daß ein Mensch für einen anderen ein völliges Rätsel sein kann. Das erfährt man, wenn man in ein fremdes Land mit gänzlich fremden Traditionen kommt; und zwar auch dann, wenn man die Sprache des Landes beherrscht. Man versteht die Menschen nicht.
Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen

Was schreibt man über einen Film, der bereits bei etlichen Festivals gefeiert worden ist und zahlreiche Nominierungen und Preise erwarb? Nun, zunächst, dass es höchst erfreulich ist, ihn endlich auch in hiesigen (Programm-)Kinos zu Gesicht zu bekommen.Junebug erzählt vom Aufeinandertreffen zweier amerikanischer Lebenswelten. Die in Chicago ansässige Galeristin für autodidaktische Künstler Madeleine (Embeth Davidtz) und der Geschäftsmann George (Alessandro Nivola) haben sich nach kurzem tet-a-tet vermählt und kosten ihr Glück aus. Bei einer Reise ins provinzielle North Carolina versuchen sie, die Bilder des verschrobenen Kauzes David Ward (Frank Hoyt Taylor) für Madeleins Galerie zu gewinnen. Zwischen den Verhandlungen nutzen sie die Gelegenheit, Georges Familie zu besuchen, die im nahe gelegenen Ort Pfafftown wohnt und Madeleine noch nicht zu Gesicht bekommen hat. Das gegenseitige Kennenlernen erweist sich als komplizierte Konstellation. Die Kosmopolitin Madeleine - in Japan und Afrika aufgewachsen, bevor sie nach Chicago kam - trifft auf eine konservative, im evangelikalen Glauben fest verwurzelte Provinzfamilie; in der Urbanität geschulte Toleranz auf die Ablehnung des Unbekannten. Dabei steht George zunächst zwischen den Stühlen, während Madeleine sich um Verständigung bemüht und größtenteils auf Ablehnung stößt. Mutter Peg (Celia Weston) findet sie zu dünn und zu wenig praktisch veranlagt - geht ihr doch die Begabung für Kochen und Hausarbeiten ab -, Bruder Johnny (Ben McKenzi) ist auf George und dessen Erfolg eifersüchtig, tütet er selbst doch Geschirr ein und scheitert beim Nachholen des Schulabschlusses bereits an den Abenteuern des Huckleberry Finn. Vater Eugene (Scott Wilson) zeigt immerhin leise Sympathien, doch einzig Johnnys schwangere Verlobte Ashley (Amy Adams) nimmt Madeleine mit offenen Armen auf. Mit einer Mischung aus Naivität und Neugier lebt Ashley in ihrer kleinen Welt, verklärt die Idee der Familie noch als romantische Idylle, wobei ihr die Realitäten im Haus ganz anders vorgelebt werden. Johnny ist abweisend und kalt, und doch hat sie Hoffnung, dass er sie einst wieder so lieben wird wie zu High School-Tagen. Vielleicht hilft ja die anstehende Geburt des Kindes, Junebug?

In der Tragikomödie wird in lakonischer Poesie jener kulturelle Riss veranschaulicht, der sich durch Amerika zieht, und die Eigentümlichkeit dieser ländlichen, im Bibelgürtel gelegenen Welt erfahrbar. Bei Babyparty und Kirchenzusammenkünften zeigt sich so ein Leben, in dem einzig die ewige Abfolge von Gemeinschaftspicknicks sinnstiftend wirkt. Dabei zeigen sich neben dem Aufeinandertreffen von Galeristinnenavantgarde - Madeleine über Davids Bilder: "Ich mag die Hundköpfe, Computer,... Hoden." - und ruralem Faible fürs Kunsthandwerk auch die vielen kleinen Bruchstellen innerhalb der Gemeinschaft, die mehr Gewohnheit als Gemeinsinn zusammenhält. Interessant ist, dass man bei dieser Heimkehr des Südstaatlers George über diesen im Film am Wenigsten erfährt. Denn während Madeleine sich zu integrieren sucht, übt er sich weitestgehend in Zurückgezogenheit, schläft oder fährt tanken. Dabei müsste er als Verbindung dieser zwei Welten eigentlich die zentrale Figur sein. Doch statt den Mittelpunkt gibt er die Leerstelle. Durch sein fast permanentes Fehlen bleibt er fremd, auch für Madeleine, weil sie von seiner Familie Dinge über ihn erfährt, die er ihr verschwieg. Gerade durch seine Absenz aber wird verdeutlicht, wie unvermittelt der Bruch zwischen diesen Lebenswelten daliegt.

Im Verzicht auf die versöhnende Geste liegt die Wahrhaftigkeit des Films. Junebug spinnt die Zuschauenden in beschreibender Fiktion in eine Geschichte ein, aus deren exzentrischer Schönheit ein Entrinnen kaum möglich scheint.(Tobias Prüwer)

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