Ilona Schaal | Drucken26.10.2011 

Indisches Familienalbum

Abseits von Räucherstäbchen, Goa und Bollywood: Ein Streifzug durch das Indienprogramm der 54. Dokwoche

„Bounded-Boundless – Journeys With Ram and Kabir“ (Bilder: DOK Leipzig)

„Ein Land ohne Dokumentarfilme ist wie eine Familie ohne Fotoalbum“, zitiert die Kuratorin des Indienprogramms Rada Šešič den chilenischen Filmemacher Patricio Guzman in einer ihrer Anmoderationen. Ein solches Album mit Hilfe von 14 Filmen beim diesjährigen Dokfestival anzulegen, erscheint aufgrund der Tatsache, dass es sich bei Indien um eine „Familie“ mit mehr als einer Milliarde „Mitglieder“ handelt, die auf einer Fläche fast so groß wie Europa leben, zunächst doch recht hoch gegriffen. Und doch schafft es die Sonderreihe „Filmmakers as changemakers – The rhythms of India“ abseits von Räucherstäbchen, Goa und Bollywood einen kurzen Einblick zu gewähren in diesen Subkontinent mit seinen unterschiedlichsten Gebräuchen, Sprachen und Landschaften.

Da sind zunächst zwei Filme, die sich in unterschiedlicher Weise mit dem indischen Poeten und Mystiker Kabir beschäftigen. Während sich Rajula Shah in Word Within the Word dessen Texten auf spiritueller Ebene nähert, ist Bounded-Boundless – Journeys with Ram und Kabir von Shabnam Virmani eine eher persönliche Suche nach dem heutigen Verständnis und Umgang von und mit Kabir. Word Within the Word zeigt dem Zuschauer die Bilder, die er wohl auch erwartet hat: Alte weiß- (oder auch mal orange-)bärtige Männer sitzen im Kreis, einer spielt die Zitar, ein anderer die Tabla. Frauen in Saris, die Mais ernten, erzählen sich gegenseitig Geschichten der indischen Mythologie. Darunter befinden sich die Dichtungen Kabirs. Die damit verwobenen Erzählungen und Situationen des Alltags wirken teilweise verwirrend, zusammenhangslos, doch der respektvolle Umgang mit eben jenen lässt dies zumindest teilweise vergessen: Der Film lässt viel Raum für persönliche Geschichten, Gedanken, Zeit zu überlegen, neu zu beginnen.

„Von Bollywood wage ich nicht einmal zu träumen“

Im Gegensatz dazu ist Bounded-Boundless ein wenig leichter und ironischer: Die Regisseurin begibt sich auf eine Reise, die über verschiedenste Regionen und Städte des Landes ins benachbarte Pakistan führt, um Antworten auf die Fragen der Bedeutung, der Herkunft (der Film zeigt allein fünf verschiedene Varianten des Mythos), der Religion Kabirs zu finden. Im Gespräch mit Sufi-Sängern – einer davon behauptet, er sei der Einzige, der die Texte wirklich durchdrungen habe; da lässt sich ein Schmunzeln häufig nicht verbergen – kommen weitere Themen hervor: Die Spannungen zwischen Muslimen und Hindus, zwischen Indien und Pakistan beispielsweise. Am Ende bleibt dennoch ein positiver Eindruck. Das ist sicherlich der Tatsache zu verdanken, dass es die Regisseurin schafft, die Leidenschaft und Hingabe der Sänger zu vermitteln, die Botschaft des Sufi deutlich zu machen – „4 letters: love“ – und damit den Bogen schlägt zu der durchaus hoffnungsvollen Aussage, dass die Musik Grenzen überwinden und Religion verbinden kann.

Songlines beschäftigt sich unter der Regie von Vasudha Joshi mit einer Musikrichtung, die manch einer nicht direkt mit Indien in Verbindung bringen würde: dem Blues beziehungsweise Folk. Auch die Umgebung, dies wird schnell deutlich, ist eine andere als bei den vorangegangenen Filmen: Der Protagonist trägt ein Band-T-Shirt, er hat einen langen Pferdeschwanz, spricht gebrochenes Englisch, in der Wohnung stehen überall verteilt leere Bierflaschen herum; wir sind in Kolkatta, einer Millionenstadt im Bundesstaat Westbengalen. Die Stärke des Films liegt in den außergewöhnlichen Kameraperspektiven, die eine dichte Nähe zu den auftretenden Personen zulässt. So ganz schlau wird man jedoch aus dem Sprach(en)gewirr, den Musikern, ihren Liedern und ihren Beziehungen zum Folk/Blues nicht, was wohl nicht nur auf Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten zurückzuführen ist.

„At The Stairs“

Ähnlich verhält es sich mit Out Of Thin Air: Berichtet wird über die Ladakh Vision Group, eine Film-Laiengruppe, deren anfängliche Low-Budget-Produktionen mittlerweile zu Kassenschlagern in der Höhenregion Ladakh avancierten. Die Regisseure Shabani Hassanwalia und Samreen Farooqui schaffen es zwar, persönliche Momente der filmbegeisterten Schauspieler, Kameramänner, Techniker, Cutter, etc. auf die Leinwand zu bringen, der Bezug zur Natur und zur Kultur dieses auf 3.000 Höhenmeter gelegenen Ortes wird angedeutet, bleibt jedoch sehr oberflächlich. Der Film legt sich thematisch nicht fest und wird dabei beiden Seiten – der Filmindustrie auf der einen, den klimatischen, geographischen Gegebenheiten auf der anderen – nicht gerecht. Zwei Dinge bleiben am Ende jedoch offensichtlich: Die Übermacht Bollywoods – „Von Bollywood wage ich nicht einmal zu träumen“, wie eine der jungen Schauspielerinnen sagt – und die Begeisterung der Menschen in Ladakh für das Kino. „Just make the people cry – and it’s a big hit.“ Zum Weinen hat’s bei Out Of Thin Air nicht gereicht, zum Lachen jedoch leider genauso wenig.

Warten auf den Tod

Einen ganz anderen Blick auf Indien zeigt uns Rajesh S. Jala mit At The Stairs, der laut des preisgekrönten Regisseurs zufällig während der Dreharbeiten zu seinem vorhergehenden Film Children Of The Pyre, 2008 bei DOK Leipzig zu sehen, entstanden ist. Schon die erste Szene – ein alter Körper quält sich eine lange Steintreppe hinauf – nimmt den Zuschauer gefangen und mit in die Welt dreier Witwen, die entweder freiwillig oder von gesellschaftlichen Konventionen gedrängt, in Varanasi wortwörtlich auf ihren Tod warten. Der Lonely Planet Indien beschreibt Varansai als einen „der blendend buntesten, unerbittlich chaotischen und gnadenlos irrationalsten Orte der Welt“. Dieses Chaos und Paradoxe wird erstaunlicherweise genau in Jalas Unaufdringlichkeit und Ruhe deutlich: Er schafft es, eine Nähe zu diesen Frauen aufzubauen, deren innere Schönheit dadurch ebenso greifbar wird wie die Energie und Spiritualität des Ortes mit seinen verwinkelten Gassen, Treppen, den Ghats am Ganges. Ein sicherlich authentisches Bild über die Traurigkeit und das Sich-Abfinden, welches das Leben der Witwen beherrscht, und ein schönes Zeugnis darüber, wie ein Regisseur in einer solch angenehmen Weise teilnehmen konnte am Leben dieser Frauen und am Rhythmus dieser einzigartien Stadt.

Q und seine Freundin in „Love in India“

In for motion zeigt eine andere Facette des Landes: Die Wirtschaftsmacht Indien mit ihrer immer schneller wachsenden IT-Branche mit mehr als sieben Millionen Arbeitsplätzen. Die Reise führt dabei in die Hauptstädte des Booms – Bangalore, Hyderabad, Mumbai, Gurgaon – und versucht sowohl die Veränderungen in diesen Städten zu beschreiben als auch geschichtlich nachzuvollziehen, wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte. Ein spannendes Thema, schade nur, dass der Regisseur Anirban Datta sich häufig verirrt in all den interessanten Geschichten, die damit verbunden sind: Sprache, Ausweitung der Städte und damit das Sterben der Landwirtschaft, soziale Netzwerke, Emmigration. Ein fokusierterer Blick wäre hilfreich gewesen. So wird zwar ein weites Feld aufgemacht, jedoch häufig nur an der Oberfläche gekratzt.

Über Romantik, Liebe und Sex

Mit der indischen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts beschäftigt sich auch der Regisseur Q in Love in India. Was zunächst als eine persönliche Liebesgeschichte beginnt, wird zu einer Erkundung über verbreitete Ansichten über Romantik, Liebe und Sex. Ausgehend von der Frage, wie es möglich sei, dass in dem Land, das einst das Kamasutra – die „Verse des Verlangens“ – hervorbrachte, heute keine Kuss- beziehungsweise Sexszenen auf der Leinwand gezeigt werden dürfen, erzählt der Film viele Geschichten, die leider größtenteils nur kurz aufgegriffen und dann nicht weiterverfolgt werden und nimmt verschiedenste Blickwinkel und Ansichten auf: Sehr offene Gespräche entstehen mit Q’s Freunden aus einem Mittelklasseumfeld in Kolkatta, aber auch Dorfbewohner, Sufi-Sänger, Professoren kommen zu Wort und decken den Wunsch nach einer offeneren, toleranteren Gesellschaft auf.

Auf eine wortwörtliche Reise in die Vergangenheit begibt sich Lalit Vachani in The Salt Stories, in dem er sich auf die Route Mahatma Gandhis bei seinem Salzmarsch von 1930, der das Monopol der Briten auf Salz brechen sollte, begibt. Ausgangspunkt für den Film war das regelrechte Blutbad, das sich aufgrund der Spannungen zwischen der muslimischen und der hinduistischen Bevölkerung 2002 im Bundesstaat Gujarat ereignete. Ironischerweise genau in dem Bundesstaat, in dem Gandhi geboren wurde und 70 Jahre zuvor sein friedlicher Protest begann. Von diesem Frieden ist nicht mehr viel übrig geblieben: Anscheinend nur wenige Leute vertreten die Ideen Gandhis heute noch. Da wird gegen andere Konfessionen gewettert, manche erinnern sich nicht einmal daran, dass der Salzmarsch auch durch diese Dörfer verlaufen ist. Das alles ist sehr feinfühlig dokumentiert, mit authentischem Material, das auch den Produktionsprozess offenlegt und mit dem Sinn für die richtigen Fragen im richtigen Moment.

„Oranges and Mangoes“

Eben diese Fragen hat auch Ashvin Kumar in Inshallah, Football gestellt. Er schafft es, die auftretenden Personen die Kamera tatsächlich vergessen zu machen, sodass diese Gefühle zulassen und über ihr Innerstes berichten. Darüber hinaus wird eine Geschichte erzählt, nicht nur über die Bürokratie und Visa-Politik Indiens, die Spannungen, die in Kashmir immer noch herrschen, die Präsenz der verschiedenen Kampfgruppen, sondern auch über 16-jährige Jungs, die von Mädchen träumen, Fußball spielen und die Welt bereisen möchten – die aber häufig daran gehindert werden. Das Ganze geschieht in sehr eindringlichen Bildern, mit unaufdringlicher Musik und mit unglaublichem Respekt gegenüber den Menschen.

Darüber hinaus gab es noch weitere, hier nicht besprochene Filme in der Sonderreihe; zu nennen sei noch Manipur Song von Pankaj Butalia, dessen Film Moksha bereits 1993 mit der Silbernen Taube ausgezeichnet wurde. Alle versuchen, ein authentisches Bild dieses Landes zu vermitteln, das die Zuschauer in Indien anregen soll, Engagement zu ergreifen und dem Festivalpublikum im Gesamtzusammenhang sicherlich zu einem differenzierteren Blickwinkel verholfen hat – über die konkreten Inhalte hinausgehend – über Familienstrukturen, politische Gegebenheiten, die verschiedensten Sprachen, den Verkehr und nicht zuletzt auch die wunderbaren Landschaften Indiens. Dazu hat der eine Film mehr beigetragen, der andere weniger, der eine war verständlich, der andere zu verworren, und natürlich gibt es noch viele Leerstellen – das Leben in den Städten wurde beispielsweise nur spärlich aufgegriffen –, die gefüllt werden sollten.

Aber worum geht es denn bei einem Familienalbum? Nicht darum, eine ganze Generation, die ganze Verwandtschaft, ein ganzes Leben nachzubauen. Sondern darum, die schönsten, spannendsten, traurigsten, bewegendsten Momente herauszugreifen.

54. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm

17. bis 23. Oktober 2011

www.dok-leipzig.de

The Stitches Speak, Indien 2010, 12 min., R: Nina Sabnani

Word Within The Word, Indien 2008, 74 min., R: Rajula Shah

Bounded-Boundless – Journeys With Ram And Kabir, Indien 2009, 103 min., R: Shabnam Virmani

Out Of Thin Air, Indien 2009, 50 min., R: Shabani Hassanwalia, Samreen Farooqui

At The Stairs, Indien 2011, 30 min., R: Rajesh S. Jala

.in For Motion, Indien 2008, 59 min., R: Anirban Datta

Love In India, Deutschland, Indien, Finnland 2009, 91min., R: Q

The Salt Stories, Indien 2008, 84 min., R: Lalit Vachani

Oranges And Mangoes, Indien 2011, 28 min., R: Priyanka Chhabra

Inshallah, Football, Indien, Großbritannien 2010, 83 min., R: Ashvin Kumar

Vertical City, Indien 2010, 34 min., R: Avijit Mukul Kishore

Manipur Song, Indien 2009, 60 min., R: Pankaj Butalia

A Pestering Journey, Indien 2010, 66 min., R: K. R. Manjoy


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