Tobias Prüwer | Drucken | Kommentare (2)27.09.2008 

Das letzte Wort

Ein Kostümfilm kämpft um Deutungshoheit: „Der Baader Meinhof Komplex”

Moritz Bleibtreu, Johanna Wokalek (Fotos: Verleih)

...ist auch der Glaube irrig, die "RAF" habe, weil sie dem Morden ein Ende setzt, generell zu existieren aufgehört. In Wahrheit lebt die Terror-Truppe in den umfangreichen "Sicherheitsgesetzen" weiter, die hierzulande Bürgerrechte einschränken und Menschen in Gefahr bringen, aufgrund fragwürdiger Umstände in die Mühlen der Justiz zu geraten.
Gerhard Wisnewski, Wolfgang Landgräber & Ekkehard Sieker: Das RAF-Phantom


Wieder ein Schlussstrichstreifen: Das Gespann Bernd Eichinger und Uli Edel hat sich daran gemacht, die Genese der Roten Armee Fraktion (RAF) zu erklären, mit ihrem Mythos zu brechen und vorzuführen, wie man sie zu sehen hat.

Den historisch einigermaßen Gebildeten hat Der Baader Meinhof Komplex bezüglich der Ereignisse nichts zu sagen. Er besteht aus der recht losen chronologischen Aneinanderreihung von Bekanntem: Einsetzend beim Schahbesuch am 2. Juni 1967, dessen prügelnden Claqueuren, Polizeiknüppelgewitter und dem bis heute ungeklärten Tod Benno Ohnesorgs, protestieren die APO und Dutschke durchs Bild, brennen Kaufhäuser, Springerfahrzeuge, verübt die RAF Banküberfälle, Anschläge, folgen Verhaftungen, Hungerstreiks, weitere Anschläge, Gerichtsprozesse. Der dichte Rapport kulminiert im so genannten "Deutschen Herbst" 1977: Palästinensische Terroristen entführen die Passagiermaschine Landshut. Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe werden tot in ihren Zellen im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim aufgefunden. Als Reaktion wird der von der RAF entführte Hanns Martin Schleyer ermordet. Wer sein Wissen diesbezüglich aufbessern möchte, kann etwa zu Stefan Austs gleichnamigem, als Filmvorlage dienendem Band greifen, das passend zum Filmstart als erweiterte Neuauflage erschienen ist. Denn dem Medium Buch kann der Film nichts entgegensetzen, außer der naiven Überzeugung, durch einen flotten Leinwandgalopp Geschichte erklärbar und verständlich zu machen. Der Komplexität wie Vielschichtigkeit der historischen Ereignisse wird er keinesfalls gerecht. Das Vorhaben hätte sicherlich noch schlimmer geraten können als das vorliegende Produkt. Aber auch das hat es in sich.

Dass man solch ein Projekt, an dem sich schon etliche Filme bisweilen auch überzeugender versucht haben, ganz besonders inszenieren muss, liegt auf der Hand. Deshalb geben sich die Filmemacher ganz geschichtsbeflissen. So weit möglich, wurde an Originalschauplätzen gedreht, die Kulissen en detail nach Originalbildern arrangiert, sprich: der Film optisch ganz auf Reenactment getrimmt. Bei der Besetzung wurde schön dick aufgetragen: Baader (kann wieder nur er selbst sein: Moritz Bleibtreu), Meinhof (In einem anderen Leben: Martina Gedeck) & Co. werden von für den deutschen Film durchaus als Stars geltenden Mimen gegeben. (Spötter meinten: "Alle, die gerade frei hatten.") So prominent garniert, hat man schließlich schon einmal den Boulevard auf seiner Seite. Ansonsten wurde bei der Pressearbeit hübsch gemauert, um im Vorfeld ja viel Wind zu machen: Filmkritiker durften den Film erst wenige Tage vor Kinostart sehen oder hätten im Vorfeld ein Papier zu unterzeichnen gehabt, das der Deutsche Journalistenverband als "Knebelvertrag" bezeichnete. Überraschend feierte dann DER SPIEGEL (8. September) den Film in einer Titelgeschichte noch weit vor dem Kinostart (25. September) als diskursverschiebendes Bildwerk ab - und wer konnte ihm zu dieser Zeit widersprechen? Kurz vor der Premiere (16. September), die auch noch vor den offiziellen Pressevorführungen - in Leipzig zum Beispiel am 23. September - stattfand, jubelten etliche TV-Formate, zeigten die ewig gleichen Szenen und enthielten sich jedes kritischen Kommentars. Man fragt sich, ob die Verantwortlichen den Film bis dato überhaupt gesehen hatten oder sich mit dem Trailer abspeisen ließen? Bei ihrer großen, wie immer belanglosen Sonntagstalkrunde (21. September) konstatierte Anne Will immerhin, dass sie vom Verleih Constantin Film nur mit ein paar Szenenhäppchen abgespeist worden war. Warum man dann eine Diskussion ohne fehlende Grundlage überhaupt anzettelt, bleibt das Geheimnis der ARD. Kurzum: Die PR-Strategie ging auf, die Neugier beim Publikum war geweckt, der angeblich mythoszersetzende Film wurde im Vorfeld reichlich raunend als Skandalon inszeniert.

Vielfach wurde gemutmaßt, auch dieser Film werde die RAF-Protagonisten zu sehr in den Fokus rücken, von den Antagonisten und den Opfern nicht sprechen. Das stimmt, aber in einem gewendeten Sinn, der das eigentliche Politikum der Produktion markiert: Während die RAF-Mitglieder - wenn sie nicht gerade ballern, dann schreien sie sich an oder erscheinen anderweitig hysterisch überzeichnet - pathologisiert werden, rückt die auch rechtsbeugende Staatsmacht, die mitunter brutal den Status Quo sichert, nur kurz in den Blick. Hier treten lediglich brave Beamte auf, die mit allen Kräften die Demokratie verteidigen. Einzig nach der Verhaftung von Holger Meins wird von ihrer Seite Gewalt gezeigt: Sie prügeln auf den Gefangenen ein und rufen die Namen ermordeter Kollegen. Das kann man ja fast verstehen, schließlich handelt es sich um Individuen, die in diesem Moment nicht den Staat repräsentieren. Den vertritt dafür im Film die strahlende Figur des Horst Herold (Aus dem Bunker zurück: Bruno Gans): Der BKA-Präsident erscheint als der Überhumanist, der in verständiger Art über die Motive der RAF spricht und sich langfristige politische Veränderungen wünscht, damit Terrorismus weltweit die Wurzeln verliert. Hier sprechen wohl Eichinger/Edel von einem apokalyptischen Standpunkt aus. Darüber hinaus ist Herold aber auch ein gewiefter Stratege, der zum Beispiel die Rasterfahndung ersann. Im Presseheft liest sich das so: Er "revolutioniert die Fahndungsmethoden durch den Einsatz modernster Technik." Kein Wort wird darüber verloren, welche Einschnitte in die Bürgerrechte (informelle Selbstbestimmung, Unschuldsvermutung) dies bedeutete, und welchen späteren Repressionsmechanismen Vorschub geleistet wurde. Und dass Austs Recherchen zufolge die Behörden über die Selbstmordabsichten von Baader, Ensslin und Raspe zumindest informiert gewesen sein müssten, findet auch keinerlei Erwähnung. Ebenfalls kein Thema ist die zumindest teilweise stattgefundene Abhörung der Gespräche der Gefangen mit ihren Anwälten. Das passt dann wohl genauso wenig ins politisch korrekte Geschichtsbild wie der Schmiss von Hanns Martin Schleyer (Bernd Stegemann). Der wurde nämlich trotz all der peniblen Detailversessenheit schlicht vergessen. Vielleicht hätte die markige Wunde zu sehr auf Schleyers nicht ganz so reine Biografie im "Dritten Reich" verwiesen. An Zufall jedenfalls mag man da nicht glauben.

Die Macher des Baader Meinhof Komplex haben weder eine historische Wahrheit im Sinn, sonst hätten sie nicht das völlig inadäquate Medium Spielfilm gewählt, noch ein Begreifen. Es geht um Deutungshoheit. Das Produkt ist wieder ein Spiel mit der Zeitgeschichte, das einen Hochglanzstreifen zum Resultat hat, der nun das allgemeine Geschichtsbild prägen wird. Der RAF wird jeglicher politischer Anspruch - über den zu diskutieren sich wenigstens lohnen würde - genommen. Ihre Protagonisten werden zu junge Wilden stilisiert, die modisch gekleidet um sich rumballern: Rebels without a cause. Gleichzeitig werden die staatlichen Repressionen dieser bleiernen Zeit plump ausgeblendet. Dieser Kostümfilm will, und da ist dem SPIEGEL eindeutig zu widersprechen, keinesfalls "die Debatte über den deutschen Terrorismus verändern", sondern beenden. "Hört auf, sie so zu sehen, wie sie nicht waren", ist der letzte gesprochene Satz im Film. Paraphrasieren ließe sich der Imperativ, den Edel/Eichinger dem kollektiven Gedächtnis einbrennen wollen, so: "Ihr habt sie so zu sehen! Und basta."

...Falsch ist ... die Behauptung ..., die "wehrhafte Demokratie" habe dem "Terrorismus" widerstanden, was wohl bedeuten soll, es sei der "RAF" nicht gelungen, den Staat zu verändern. Das Gegenteil ist der Fall. Die "RAF" hat die gewaltigste Systemveränderung der Nachkriegszeit in Szene gesetzt ... - nur eben nicht in der von ihr angeblich angestrebten Richtung. Die "RAF" wollte einen anderen Staat, und sie hat ihn bekommen. Auch dies ist ein Grund, sich kritisch mit ihr zu befassen.
Wisnewski, Landgräber & Sieker

Der Baader Meinhof Komplex

R: Uli Edel
B: Uli Edel & Bernd Eichinger nach Stefan Aust
Mit: Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Johanna Wokalek, Bruno Ganz, Simon Licht, Alexandra Maria Lara u.a.
DE 2008 - 150 min.

Kinostart: 23. September 2008


Kommentare lesen und hinzufügen (2)

M.W. schrieb am 12.04.2010 um 21:39 Uhr:

11. Oktober 2008

Ein gelungener Text, Glückwunsch! Die filmische "Jetzt ist Schluss damit!"-Rhetorik nimmt er gekonnt auseinander. Eine Frage habe ich allerdings - Tobias, du schreibst "[...] rückt die auch rechtsbeugende Staatsmacht, die mitunter brutal den Status Quo sichert, nur kurz in den Blick."
Generell ist das zuzustimmen, wenn man den Fokus auf "brutal" legt - aber was inwiefern sichert der Staat hier den Status Quo? Weil er Mörder bekämpft? Oder willst du auf mehr hinaus?

Tobias Prüwer (Chefredakteur) antwortete am 12.04.2010 um 21:42 Uhr:
30. Oktober 2008

Lieber M.W.,

vielen Dank für das Lob. Zu Deiner Frage: Ja, eigentlich lag das Gewicht des Satzes auf dem "brutal", aber Du hast recht, hinter der erwähnten Sicherung des Status Quo kann man mehr herauslesen. Natürlich hat der Staat das selbstgegebene Recht, sein Gewaltmonopol zu verteidigen und Mörder zu verfolgen. Das tat er aber, wie im Text angesprochen, mit weitgehenden Repressionen gegen alle kritischen Stimmen und mit der Rasterfahndung auch über diese hinaus. Die Wahrung des Status Quo besteht dann in erster Linie nicht im Schutz der Menschen vor Verbrechen, sondern in der Stabilisation des systemischen Machtgefüges und dessen Apparats. In meiner Formulierung sollte die Fragwürdigkeit dessen immerhin anklingen, gerade in der Hinsicht, dass dieses Thema im Film nicht erwähnt wird. Das hätte natürlich dem Willen zum Schlußstrich nicht entsprochen. Und wenn wir heute mit der vermeintlich notwendig binären Entscheidung zwischen Freiheit oder Sicherheit - z.B. im Kontext von Videoüberwachung, Datensicherung, Bundestrojaner oder Bundeswehr im Innern – konfrontiert werden, dann geht es selbstredend nur um das Gemeinwohl (was auch immer das konkret heißen mag). Schließlich hat sich ja wie der Film zeigt, die so genannte "junge Demokratie" als "wehrhaft" erwiesen.

Viele Grüße,

Tobias

M.W. schrieb am 12.04.2010 um 21:43 Uhr:

11. Oktober 2008

Korrigiert:

Ein gelungener Text, Glückwunsch! Die filmische "Jetzt ist Schluss damit!"-Rhetorik nimmt er gekonnt auseinander. Eine Frage habe ich allerdings - Tobias, du schreibst "[...] rückt die auch rechtsbeugende Staatsmacht, die mitunter brutal den Status Quo sichert, nur kurz in den Blick."
Generell ist da zuzustimmen, wenn man den Fokus auf "brutal" legt - aber inwiefern sichert der Staat hier den Status Quo? Weil er Mörder bekämpft? Oder willst du auf mehr hinaus?

 
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