Verena Lutter | Drucken22.04.2011 

Mit Liebe für das Abseitige

Das Luru-Kino auf dem Spinnereigelände zeigt Filme über Außenseiter, Nerds und Zombies. Ein Porträt

Todernster Kinomacher: Michael Ludwig (Fotos: Verena Lutter)

Es ist Freitag kurz nach 11 Uhr. Zu früh für die erste Vorstellung im Luru-Kino, aber nicht zu früh für die Arbeit im Infobüro der Leipziger Baumwollspinnerei. Michael Ludwig sitzt an einem der beiden Computerbildschirme hinter dem Tresen. Er trägt einen braunen Pullover, schwarze Hosen und schwarze Lederschuhe. Wir haben eine Stunde Zeit, dann wird die angekündigte Besuchergruppe mit Journalisten aus München eintreffen, um an einer Führung über das Gelände teilzunehmen.

Wie kam es dazu, dass er und sein Partner Christoph Ruckhäberle sich im Oktober 2009 dazu entschlossen, ein Kino auf dem Spinnereigelände zu eröffnen? „Wir hatten uns aus wirtschaftlichen Gründen von der Schaubühne Lindenfels getrennt, wollten aber ganz schnell wieder Kino machen“, sagt Michael Ludwig, der seitdem tagsüber Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für die Spinnerei macht und abends Filme im Luru zeigt. Die Trennung von der Schaubühne war damals durch sämtliche Leipziger Medien gegangen. Von einem Rauswurf durch den alten und neuen künstlerischen Leiter René Reinhardt war die Rede gewesen.

„Ich habe blauäugig einen unverschämten Mietvertrag mit der Schaubühne Lindenfels gAG unterschrieben“, stellt Ludwig klar. Aber eigentlich will er das Thema hier nicht weiter breittreten. Einen Vergleich zwischen dem Programm im Luru-Kino und Reinhardts Kinoprogramm zieht er trotzdem. „Unser Programm ist lustvoller, nicht ganz so didaktisch“, sagt er nachdenklich. Um dann mit einem spitzbübischen Grinsen hinzuzufügen: „Unseres ist sexy.“

Gut, dass es dran steht

Seine Filmfiguren kann Michael Ludwig damit nicht gemeint haben. Oft sind es Außenseiter, die im Luru zu Leinwandhelden werden. Wie etwa der geistig zurückgebliebene Berliner Schauspieler und Straßenmusikant Bruno Schleinstein aus dem Dokumentarfilm Bruno S. – Die Fremde ist der Tod. Oder der in Liebesdingen unbeholfene Held aus Die Liebe und Viktor. Außerdem scheinen Ludwig und Ruckhäberle eine Vorliebe für streitbare Regisseure zu haben. Wenzel Storch, dessen Filme von der Zeit als einer besser als der andere“ und von der B.Z. als „schweineschlecht“ bezeichnet werden, ist nicht erst seit den „Wenzel-Storch-Festspielen“ im April Stammgast im Luru-Kino. Im Foyer hängen sogar eingerahmte Zeichnungen des Regisseurs.

Diese Liebe für das Abseitige setzt sich in der Luru-Reihe „Horror-Doppel mit Donis“ fort. Hier darf Ralf Donis, selbsternannter „DJ, Showmaster, Horror-Fan und (Kultur-)Mädchen für alles“ (Facebook) aus dem Leipziger Tanzcafé Ilses Erika regelmäßig seiner Leidenschaft für Horror-Thriller und -Komödien frönen. Wobei er gerne Klassiker wie Cannibal Girls (1973), Der Tod trägt schwarzes Leder (1974) oder The Hills Have Eyes (1977) ins Programm hebt.

„Komödien funktionieren bei uns am besten“, sagt Michael Ludwig. Bei Die Liebe und Viktor beispielsweise war der Saal regelmäßig rammelvoll ― was bei einem Kino, zu dessen Vorführungen manchmal nur zehn Personen kommen, schon etwas Besonderes ist. Ludwigs Facebook-Kommentar Ende März zu einem Foto einer ausverkauften Vorstellung: „Ist in echt so.“

Eingang zum Luru - in Anlehnung an „Fahrstuhl zum Schafott“

Ruckhäberle und sein Partner können aber auch mehr als „Lustig-Kino“, wie es Ludwig ausdrückt. Seit Anfang April läuft im Luru das filmische Porträt So weit so groß – die Natur des Otto Modersohn über jenen Maler, der als Mitbegründer der Künstlerkolonie Worpswede bekannt wurde. Auch der Psychothriller Black Swan war schon im Programm. Und Ende April soll das mexikanische Filmdrama Biutiful mit Javier Bardem folgen.

Das Changieren zwischen so unterschiedlichen Filmen, von subtil bis brachial, hat wohl auch damit zu tun, dass das Luru-Kino („Lu“ steht für Ludwig, und „ru“ für Ruckhäberle) von zwei Personen geführt wird. Der eine, Christoph Ruckhäberle, wurde 1972 im oberbayerischen Pfaffenhofen an der Ilm geboren, studierte Ende der 1990er-Jahre an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig Malerei, presst seit einigen Jahren für seinen Lubok-Verlag Kunst zwischen Buchdeckel und gehört seit langem zu den Protagonisten der „Neuen Leipziger Schule“. Der andere, Michael Ludwig, Jahrgang 1969, stammt aus dem 5400-Einwohner-Ort Dahme im Süden Brandenburgs, studierte in Leipzig ab 1989 erst Biologie, dann bis 2000 Kommunikations- und Medienwissenschaft, und macht seitdem Programmkino. Erst für die Schauburg (2000 bis 2003), dann für die Schaubühne (2003 bis 2009), und jetzt für das Luru-Kino.

Parkett und Loge mit Kuschelbänken und Popcornständern (Foto: Uwe Walter / Luru)

Die Arbeitsteilung zwischen den Luru-Partnern fasst Ludwig überspitzt so zusammen: „Christoph gibt das Geld, ich verschleudere es.“ Wobei er betont, dass weder er noch sein Partner vom Kino-Machen leben können. „Wir machen das Kino nur für uns und die wenigen Leute, die Avantgarde sind wie wir.“ Da ist es wieder, das spitzbübische Grinsen.

12.30 Uhr. Die Zeit fürs Interview ist längst überschritten und die Besuchergruppe schon lange auf dem Spinnereigelände unterwegs. Die Führung hatte Michael Ludwig kurzerhand an seine Kollegin abgegeben. Sein Luru-Kino, es ist wohl doch mehr als nur ein Hobby.

Luru-Kino in der Spinnerei

Spinnereistr. 7, 04179 Leipzig, Tel.: 0341/8799165

www.luru-kino.de

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