| Drucken07.03.2007 

Dekonstruktion bürgerlicher Fassade: „Das wahre Leben” im Kino (Florian Fromm)

Das wahre Leben
Regie: Alain Gsponer
Buch: Alex Buresch & Matthias Pacht
Mit: Katja Riemann, Ulrich Noethen, Hannah Herzsprung
Deutschland 2006 - 103 min.
Verleih: Zorro
Kinostart: 8. März 2007
www.zorrofilm.de/dl/fl/dwl/das_wahre_leben_01.html
American Beauty auf Deutsch

Anständige deutsche Bürgerlichkeit: Familienvater Roland Spatz (Ulrich Noethen) geht seiner gut bezahlten Büroarbeit nach, während er vom Tagesablauf seiner Frau (Katja Riemann) und seiner zwei Söhne weitgehend ausgeschlossen ist. Charles (Volker Bruch), der Ältere der beiden Brüder leistet seinen Wehrdienst ab. Der 15-jährige Linus (Josef Mattes) findet derweil Gefallen daran, aus chemischen Stoffen explosive Gemische herzustellen. So manche Gartenanlage der Nachbarschaft fällt seinen selbst gebastelten Bomben zum Opfer. Derweil bastelt Mama Spatz an ihrer Selbstverwirklichung und organisiert Ausstellungen in ihrer eigenen kleinen Galerie.

Das perfekte Familienglück, bis Vater Roland plötzlich ohne Job da steht. Nun beginnt die Fassade zu bröckeln. Unausgelastet, weil ständig zu Hause, beginnt er sich plötzlich für das Leben seiner Liebsten zu interessieren. Ihm erschließt sich ein unbekannter Mikrokosmos, der so einige Überraschungen für ihn parat hält.

Es ist die tragisch-komische Dekonstruktion einer deutschen Familienfassade. Die deutsche Version von American Beauty. Die Wahrheiten, die sich in den Gemäuern jener Menschen verbergen, deren Glück von Außen so perfekt scheint. Kevin Spaceys Befreiungsversuch aus den Ketten der Spießbürgerlichkeit erheiterte 1999 das Kinopublikum und wurde gar als bester Film mit dem Oscar ausgezeichnet. Die melancholischen, die bewegenden Momente gehörten schon in American Beauty den Heranwachsenden und so sind es auch in Das wahre Leben die Jüngsten, die dem Publikum diese Augenblicke schenken. Linus versteht die Scheinwelt der Eltern nicht. Er versteht auch das merkwürdige Spiel der Nachbarstochter (Hannah Herzsprung) nicht, in die er sich verliebt. Diese wiederum versteckt ihr angekratztes Selbstbewusstsein und ihren Schmerz hinter einer Maske der Stärke, welche für alle ersichtlich ist; Florina ist im Selbstbelügen noch nicht so überzeugend wie die Erwachsenen. Der Putz ihrer persönlichen Fassade ist noch nicht getrocknet, zu viel Kraft steckt in diesem Mädchen, um den bitteren Geschmack des Lebens einfach zu schlucken und so zu tun als ob nichts wäre. Hannah Herzsprung spielt diese Rolle beängstigend gut.

Obendrein war es ein gelungener Schachzug, ausgerechnet Katja Riemann und Ulrich Noethen als Ehepaar Spatz zu besetzten. Die beiden standen schon als Eltern der wohl berühmtesten Hexe Deutschlands vor der Kamera - Bibi Blocksberg. Die kleine Hexe in allen Ehren, aber was muss das für ein Spaß für einen Schauspieler sein, aus der Bilderbuchehe eines Kinderfilmes auszubrechen und eben diese zu demaskieren. Es mag sein, dass Riemann und Noethen in Theater und Film ihre Rollenvielfalt schon häufig unter Beweis gestellt haben. Aber mal ehrlich, die Namen schreien nach deutscher Familienunterhaltung, die keinem weh tut. Der Kinoabend am Dienstag mit gut gelaunten Freunden oder der Familientag am Sonntagnachmittag mit den Kindern, Katja und Uli holen euch ab. Ein "schöner" Film. Danach mit einem Lächeln einschlafen. So schlimm ist die Welt doch gar nicht.

Um so mehr erstaunt die Bissigkeit dieses Films. Wann immer man sich einem herzhaften Lachen hingibt, bleibt es einem in der nächsten Szene im Halse stecken. Zynisch, makaber, provokant aber trotz allem sehr unterhaltsam. Es macht einfach Spaß dabei zuzusehen, wie das Chaos mit jeder Minute größer wird. Alles steuert auf ein großes Finale zu. Wie beschreibt es der 15-jährige Linus so treffend: "Das ist das Geheimnis der Chemie. Die Einzelteile für sich sind nichts, aber wenn man sie richtig kombiniert, dann passiert etwas." (Florian Fromm)

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