Moritz Arand | Drucken27.02.2012 

Moskauer Machtspiele

„Die Vierte Macht“: Dennis Gansels Film über einen deutschen Szenejournalisten in Russland erweist sich als erschreckend aktuell, zeigt aber wenig Tiefe

Bilder: Verleih

Paul Jensen steigt aus. Ein Journalist, von Frau und Kind verlassen, flüchtet aus Berlin in die russische Hauptstadt, um dort ein Boulevard-Magazin aufzuhübschen. Das Magazin wird im gleichen Verlag publiziert, in dem sein verstorbener Vater, ein vehementer Verfechter der kommunistischen Idee, gewirkt hatte. Doch ist dieser Ausstieg erst der eigentliche Eintritt.

Nachdem Paul Jensen (Moritz Bleibtreu) auf offener Straße Zeuge eines Mordes an einem berühmten Journalisten wird und diesen Vorfall, zuliebe der schönen Katja (Kasia Smutniak) – auch eine Liebesgeschichte fehlt hier nicht –, im „Partyteil“ des Magazins über Reiche und Schöne publiziert, gerät er, ohne es zu ahnen, in eine Spirale totalitärer Gewalt, die leider nicht nur Fiktion des Filmes ist. Jensen wird in ein Attentat auf die Metro verwickelt, kommt ins Gefängnis, wird entlassen, flieht erneut vor seinen Mördern und nähert sich immer mehr einer tödlichen Wahrheit.

Dennis Gansel hat nach Das Phantom mit Die vierte Macht erneut einen Film konspirativer Natur gedreht, der den ganzen verschwörungstheoretischen Rattenschwanz, den er hinter sich her schleppt, gar nicht nötig hat. Die reichlich konstruiert wirkende Geschichte (Paul trifft im Gefängnis ausgerechnet auf einen „Freund“ seines Vaters, der ihn auf eine geheimnisvolle Fährte führt) und die spektakulären Szenen tragen zwar zur Spannung bei, lenken aber von der Hauptsache ab, dass jenseits dieser Effekthascherei die schauerliche Realität des russischen Journalismus aufleuchtet.

Der Film gibt einen Einblick in den repressiven Charakter einer mafiös entarten Aristokratie. Jeder, der sich nur im Geringsten gegen die verbrecherischen Machenschaften der russischen Oligarchen auflehnt, läuft Gefahr in einem Gefängnis zu versauern, das Dostojewski nicht besser hätte beschreiben können. Oder man erwacht, wenn man Glück hat, mit gespaltetem Schädel aus dem Koma. Die weniger Glücklichen werden auf offener Straße erschossen oder verschwinden spurlos.

Das zumindest ist die heutige russische Realität. Und genau hierin schlummert das kritische Potenzial des Films, das er jedoch hoffnungslos vergeudet. Regisseur Gansel bewegt sich fortwährend in Gemeinplätzen und lässt den Zuschauer gegenüber den realen Missständen nur noch mehr abstumpfen. Daher sind Filme wie diese auch keine Bedrohung für die russischen Oligarchen, da sie im eigentlichen Sinne nichts kritisieren. Der Film bedient sich der üblichen Stereotypen actiongeladener Verschwörungsthriller: ein übermächtiger, scheinbar undurchschaubarer Apparat, eine Liebe, die keine Erfüllung findet, bildgewaltige Aufnahmen des russischen Nachtlebens und so weiter und so fort. Gansels Film interpretiert eine Welt – wer aber soll sie verändern?

Die eigentliche Stärke des Films liegt in der journalistischen Genese Pauls. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Titel der Films gerechtfertigt. Es ist die Geschichte einer Ver-Söhnung. Nicht nur mit dem Erbe seines Vaters, dass er antritt, sondern auch mit dem Auftrag, den er als wahrer Journalist zu erfüllen hat. Was zu Beginn als Flucht aus Berlin erscheint, wird zu einer Suche nach den eigenen Wurzeln. Paul, der sich im Verlauf der Handlung an das Erbe seines Vaters herantasten muss, zeigt sich am Ende des Films als das, was er von Berufswegen sein soll: als Journalist. Aus Klatsch und Tratsch über die Moskauer Upperclass wird ein Wille zur Wahrheit.

Die Vierte Macht zeigt in aufregender und fesselnder Weise den Krieg zwischen den Gewalten, bei der der journalistischen Macht die Rolle der Unterdrückten Freiheitskämpfer zukommt und die staatlichen Organe der zaristischen Übermacht nahekommen. Es ist ein überaus aktueller Film, der sich leider an Gemeinplätze verliert und durch sein resignatives Ende nur einen schemenhaften Standpunkt einnimmt. Jener Mut, den Paul im Verlauf der Handlung erlangt, hätte auch den Filmemachern gutgetan.

Die Vierte Macht

Deutschland 2012

Regie: Dennis Gansel; Darsteller: Moritz Bleibtreu, Kasia Smutniak, Max Riemelt

Kinostart: 8. März 2012


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