Rosa Raum | Drucken14.04.2013 

Anarchie im Filmformat

Eine Ballade über schräge Außenseiter: „Der Tag wird kommen“ handelt von zwei Brüdern, die in der Wüste einer Einkaufslandschaft den Aufstand proben

Punk is not dead: Benoît Poelvoorde und Albert Dupontel spielen in „Der Tag wird kommen“ ein Brüderpaar, das ein Gewerbegebiet aufmischt (Foto: Verleih)

Das Erste, was man sieht, ist die tätowierte Stirn von Benoît Poelvoorde. Die Kamera beobachtet den gealterten Punk Not, wie er durch die Straßen hin zur urbanen Einkaufsperipherie schlurft. Damit keiner sein selbst gewähltes Pseudonym und Motto vergisst, steht es auf seiner Stirn. Aha. So weit, so gut. Not besucht seine Eltern, die in dieser Einöde von aneinandergereihten Konsumtempeln ein Restaurant besitzen. Sieht man die Eltern, weiß man Bescheid.

Der zweite Sohn, Jean-Pierre, scheint der einzig Normale in der Familie zu sein, verkauft brav Matratzen, hat Frau und Kind und weiß, wie jeder gute Bürger, enorm viel über Plasmafernseher zu berichten. Doch noch am selben Tag implodiert Jean-Pierre: In einem amokartigen Faxen-Reigen kündigt er seinen „job de merde“, macht aus sich eine lebende Flambierkugel und begibt sich schließlich ― der Welt den Stinkefinger zeigend ― in die Obhut seines Punk-Bruders.

Der gepflegte Erzähl-Kino-Besucher, der noch keinen Film des Regie-Duos Kerven/Delépine gesehen hat (Mammuth, Louise Hires A Contract Killer), wird spätestens an dieser Stelle leicht die Stirn runzeln. Die Regisseure servieren ein anarchistisches Kammerspiel, das ― so wie die Nase von Not ― prall gefüllt ist mit Rotz und absurdem Humor.

Es gibt keine nervigen Vorschläge zum Bessermachen oder „Das hier ist Gesellschaftskritik“-Momente. Stattdessen heißt auch in der dramaturgischen Abteilung das Motto: Anarchie. Es wird munter vorgesprungen, ohne Rücksicht auf irgendeinen Storyverlauf. Es addieren sich Szenen ohne augenscheinlichen Zweck, dafür aber gespickt mit bitterbösem schwarzen Humor. Wer damit kein Problem hat, wird Spaß an dem gefühlt freien und ungehemmten Spiel der Schauspieler finden.

Der Nicht-Ort (Augé) Gewerbegebiet, der nahezu liebevoll und akribisch von der Kamera eingefangen wird, bildet optisch den perfekten Counterpart zu den zwei Cowboys auf ihrem lonesome Weg am Rande der Gesellschaft. Und fast jauchzt man vor Freude über dieses kleine gute Filmchen ohne große Botschaft. Und da steht sie denn doch am Ende des Films ganz groß auf der Leinwand: „We are NOT DEAD.“

Der Tag wird kommen

Frankreich 2012, 92 Minuten

Regie: Benoît Delépine, Gustave Kervern; Darsteller: Benoît Poelvoorde, Albert Dupontel, Brigitte Fontaine, Aresci Belkacem

Kinostart: 2. Mai 2013


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