| Drucken24.10.2004 

Deutsche Wettbewerbsfilme beim 47. Leipziger Dokfestival (Maike Schmidt)

47. Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm
19.-24. Oktober 2004
www.dokfestival-leipzig.de

Bilder: Dokfestival
1. Berlin Beirut
2. Wir leben im 21. Jahrhundert
Ein Überblick über den Deutschen Wettbewerb

Wie geht es eigentlich auf der Welt so zu? Wie leben die Menschen in Korea, in Polen, in den USA oder im kalten Finnland? Was essen sie, wie wird gefeiert, wie mit Krieg gelebt, wo gehen sie zur Schule, wie sterben sie? Für all diese Einsichten ist das Leipziger Festival seit jeher offen. Jedes Jahr hat man die Möglichkeit hier seinen Horizont um einige Bilder zu erweitern, Leben nachzuspüren, Menschen kennen zu lernen und ferne Länder zu betreten. Dieses Jahr nun rückte unser eigenes Land einmal ganz nah an uns ran. Ein eigener Wettbewerb zeigte, dass es auch hier in Deutschland viel zu sehen und zu erleben gibt, dass einem neu und manchmal auch fremd erscheint. Zwei Filme haben die Jury durch und durch überzeugt, der wunderschöne, poetische Film Berlin Beirut der jungen Regisseurin Myrna Maakaron und der wichtige, weil an ein Tabu rüttelnder Film Invisible- Illegal in Deutschland von Andreas Voigt. Daneben sollen aber auch die anderen Filme nicht gänzlich unerwähnt bleiben.
Ein breites Spektrum wurde geboten, welches zwischen Aufarbeitung und kuriosen Einblicken hin und her pendelte. Das einfache Leben und seine sich dem Menschen darbietenden Möglichkeiten konnten auf verschiedene Weise hier ein Forum finden. Wir leben im 21. Jahrhundert von Claudia Indenhock ist einer davon. Hier wird Leben neben einer gesellschaftlichen Perspektive gezeigt, junge Menschen, welche ins Berufsleben einsteigen und gleichzeitig ihren Hauptschulabschluss bekommen wollen, einen "normalen" Weg gehen sollen und es manchmal einfach nicht können. Auf eindringliche, aber auch humorvolle Weise erklären sich drei Jugendliche selbst, mit der Kraft der Bilder, die hier vielmehr wirken kann, als jedes gesprochene Wort - dazu sind sie oft auch gar nicht fähig. Dieser Film erhielt zwar keinen Preis, aber eine Lobende Erwähnung, welche durchaus gerechtfertigt war. Ein anderer Film wurde ebenfalls auf diese Weise geehrt, Am Arsch der Welt von Claus Striegel, auch bekannt unter dem Titel Die Siedler. Im Stil eines Westerns wird hier alternative Lebensweise dokumentiert, welche sich im provinziellen Mecklenburg- Vorpommern den Vorurteilen und Ängsten einer Dorfgemeinschaft stellen muss. Die Suche eines neuen Lebensmittelpunktes im Kreis der Familie trifft hier auf vermeintlich alte Bestandrechte der Alteingesessenen, welche erschreckend mittelalterliche Stereotypen aufzufahren verstehen. Dies ist aber auch Gesellschaft, der Film zeigt es ohne Kommentar, ohne den einzelnen bloßzustellen oder vorzuführen. Dies schafft der Mensch schon von ganz alleine. Zwei andere kleine Filme sollen nicht unerwähnt bleiben, denen aufgrund ihrer problematischen kurzen Form ein gefälliger Sendeplatz im Fernsehen oder gar im Kino vermutlich nicht gegeben werden kann; dem Festival bleibt somit seine wichtigste Funktion belassen. Mit Laib und Seele von Dieter Schumann, welcher einen Bäcker in die Pension begleitet und Die Zeit heilt alle Wunder von Cornelia Cornelsen, der das Wunder einer 50jährigen Ehe vorstellt. Beide zeigen Leben in seinem letzten Abschnitt, fragen nach dem was bleibt und was war. Nun hat der Mensch ja Zeit, nur wofür? Für die Liebe, fürs Ausschlafen? Hauptsache man bereut nichts, ist das Fazit. Kurz und knapp.
Der Blick ist auch mit den folgenden Filmen auf den Osten Deutschlands gerichtet. Mit Helbra von Mario Schneider und Hoyerswerda unsere Heimat von Heike Tamara Ludwig ist fast schon ein Schwerpunkt dieser Reihe auszumachen. Das kleine Leben interessierte hier, die Familie, welche um den Sohn und gegen die Drogen kämpft und das Portrait einer Stadt, welche langsam, aber sicher bald nicht mehr existieren wird. Sie beide stehen aber nicht für den Osten speziell, sondern sind übergreifender, allumfassender, überall auffindbar. Was bleibt, ist der Mensch, nicht der Ort. Der Deutsche Wettbewerb zeigte in seiner Filmauswahl eine menschliche Essenz, Heimat ist dort zu finden, wo die Menschen sind, die man liebt, denn ohne Menschen kann kein Platz ein Paradies werden. (Maike Schmidt)

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