Jörn Seidel | Drucken20.09.2004 

Die fetten Jahre der Filmkunst

Die 4. Filmmesse Leipzig zeigt „Die fetten Jahre sind vorbei” und Ken Loachs neuestes Werk

Film als Kunstform erlag schon immer dem Hohngelächter der Hochkultur. Dessen ungeachtet hat es immer anspruchsvolle Filmemacher und treue Anhänger gegeben, die sich nie vom populären Unterhaltungscharakter ihres Zelluloids verschrecken ließen. In den 50-er und 60-er Jahren begann man sich von Hollywood abzugrenzen und zeigte jene prätentiöseren Filme in besonderen Filmkunst-Kinos. Was heute Programmkino oder Kommunales Kino heißt, war schon damals in der Gilde, heute "AG Kino - Gilde Deutscher Filmkunsttheater", zusammengeschlossen. In diesem Jahr veranstaltete jener Verband zum 4. Mal den wichtigsten Branchentreff seiner Art: die Filmmesse Leipzig. Und längst erfährt auch Filmkunst überwältigende Popularität.

Die diesjährige Filmmesse hat einmal mehr ihre eigenen Rekorde übertroffen: 750 Fachbesucher aus der ganzen Republik, insgesamt über 60 Filme, davon die Hälfte als öffentliche Vorführungen mit über 3000 Zuschauern. Damit ist die Filmmesse ein wichtiger Faktor im Medienstandort Leipzig und unentbehrlich für den Austausch zwischen Verleihern und Kinobetreibern. Diese trafen sich in Diskussionsrunden und Seminaren zu Themen des digitalen Kinos, der Filmförderung, der Filmpiraterie im Internet und des Kinos als Ausbildungsplatz. Im Zentrum stand jedoch die Sichtung von Filmen, die erst in den kommenden Monaten anlaufen, und die Diskussion über deren Vermarktungsstrategien. Während die Verleiher interessiert sind, Kinos zu gewinnen, die ihre Filme zeigen, wollen die Kinobetreiber zunächst begutachten, welche Filme für ihr Programm geeignet sind und sodann erfahren, ob und wie in der Zusammenarbeit mit den Verleihern durch ein gutes Marketing mit einem gewissen Publikum gerechnet werden kann. Denn während sich Blockbuster-Kino so leicht wie Fast Food verkauft, bedürfen die Filme des Arthouse eher der sorgsamen Betreuung eines Biobauers.Omulaule - die DDR-Kinder von Namibia

Eines dieser zarten Pflänzchen ist der deutsche Beitrag Omulaule heißt schwarz, der bereits auf dem letztjährigen Dokfestival zu sehen war. Knapp ein Viertel der öffentlichen Filme auf der Messe waren Dokumentationen, wobei Omulaule weniger dem Trend zur Inszenierung folgt als auf klassische Weise ein ungewöhnliches Gesellschaftsthema aufgreift. In 66 Minuten erzählen die "DDR-Kinder von Namibia", wie sie in jungen Jahren Ende der 70er unfreiwillig als politische Flüchtlinge hierher kamen, um zur sozialistischen Elite für ihre Heimat ausgebildet zu werden. Märchenhaft und aberwitzig klingen die Anekdoten wie jene über die Ankunft, als sie im Flugzeug stapelweise dicke Klamotten anziehen sollten und keiner wusste warum, bis sie ausstiegen und es "eisig kalt" war - nie zuvor hätten sich die kleinen Afrikaner träumen lassen, was Schnee ist. Alles hätten sie mitgemacht: waren Jungpioniere, "also diese kommunistische Unterhaltung", erzählt einer breit grinsend. Als zehn Jahre später aber die Mauer fiel und auch Namibia unabhängig wurde, mussten die Jugendlichen zurück in ein Land, das ihnen doppelt fremd war: afrikanisch und kapitalistisch. Die drei jungen Filmemacherinnen, die Omulaule zunächst als ein Filmprojekt im Studium begannen, besuchten ihre Protagonisten mit der Digitalkamera an ihren Wohnorten in Namibia und Deutschland auf und betreiben damit nicht nur soeben erwachende Kulturgeschichte der DDR, sondern zeichnen individuelle, interessant unlineare Lebensläufe nach, was Omulaule zutiefst menschlich macht. Ein Film, der bei aller Problematik durchweg leicht und mit genüsslicher Situationskomik daherkommt. Am 30. September feiert Omulaule seinen offiziellen Kinostart in der Schaubühne Lindenfels.

Dem Lichtspielhaus wurde im Rahmen der Filmmesse nebenbei der mit 10.000 Euro dotierte Preis der Mitteldeutschen Medienförderung für das beste Kinojahresprogramm 2003 verliehen. Die entsprechende Party lieferten am selben Abend die Protagonisten von Status Yo!, die nach der Filmvorführung gleich eine Hip-Hop-Show zum Besten gaben - eine Kostprobe ihres nicht alltäglichen Marketingkonzepts. Status Yo! versteht sein Regisseur Till Hastreiter als Generation-Movie, in dem endlich einmal so gesprochen werde, wie es die Jugendlichen wirklich tun. Aus über einem Dutzend Episoden, die in einer schwierig zu organisierenden, bombastischen Hip-Hop-Party münden, entspinnt sich ein erfrischend junger Film, der von der Authentizität seiner zahlreichen Laiendarsteller lebt. Sie spielen vor allem sich selbst: starke Persönlichkeiten, die wie ausgefeilte Charaktere eines guten Drehbuchs fungieren - voller Wortwitz, frechem Charme und Selbstironie, was diesen Film auch für ein nicht mehr ganz junges Publikum sehenswert macht.

Die fetten Jahre sind vorbei - Daniel Brühl kommt

Ohne Show und viel Werbung kommt dagegen ein anderer Film aus, der schon jetzt ein Kassenerfolg zu werden verspricht: Die fetten Jahre sind vorbei von Hans Weingartner (Das weiße Rauschen). Seitdem Die fetten Jahre der erste deutsche Wettbewerbsfilm seit elf Jahren auf dem Festival in Cannes war, und dort wenn schon nicht zum Kritiker- wenigstens zum Publikumserfolg avancierte, ruhen auf ihm alle Hoffnungen des augenblicklich wiedererwachenden deutschen Kinos, das erneut mit Daniel Brühl (Good bye, Lenin!) aufwartet. Jan und sein Mitbewohner Peter brechen in Villen ein, wo sie statt zu stehlen nur für etwas "Unordnung" sorgen und den Besitzern subversive Nachrichten hinterlassen wie "Die fetten Jahre sind vorbei" und als "Die Erziehungsberechtigten" unterzeichnen. Als sich Jan in Peters Freundin verliebt und mit ihr einen ähnlichen Einbruch plant, schlittern die beiden in eine Entführung. Zusammen mit Peter, der ihnen helfen möchte, flüchten die vier in eine einsame Berghütte, wo es zur Konfrontation der Gedankenwelten zwischen den Jung-Revoluzzern und ihrer Geisel kommt, dem Topmanager Hardenberg. Dabei stellt sich heraus, dass Hardenberg als gealterter 68er selbst einst Joints rauchte und mit Rudi Dutschke verkehrte, und dass sein jetziger Konservatismus und egoistischer Reichtum eigentlich nur auf der lakonischen Weisheit beruht: "Wer unter 30 nicht links ist, hat kein Herz - wer über 30 ist und noch links, hat keinen Verstand." Gespickt mit pointierten Sprüchen und einem schwer romantischen Hauch von Subversion blickt Die fetten Jahre auf die zerkrümelten Überreste von Achtundsechzig. Weingartner, geboren 1970, entschärft die Diskursivität dieses Stoffes jedoch zugunsten gelungener Unterhaltung und großartiger Schauspielerei, die intim und spannend zugleich ist, auf die einfache Formel: "die besten Ideen überleben" - nicht jedoch ohne Zweifel an seiner eigenen Achtundsechzig-Vision zu äußern.

Deutsche Filme sind immer ein Kernstück des Filmmesse-Programms. Aber auch ausländische, zumal künstlerisch interessante, zieren das Gesamtbild deutscher Programmkinos. Freilich ist die Freude am größten, wenn Anspruch und finanzieller Erfolg zusammenfallen, was die Kinobetreiber jährlich durch ihre Wahl des Gilde-Filmpreises belohnen, der erstmals im Rahmen der Filmmesse vergeben wurde. Die silberne Auszeichnung ging an Dogville, die goldene an Lost in Translation. Der erstmals vergebene Preis für einen Dokumentarfilm ging an Die Geschichte vom weinenden Kamel. In der Kategorie Deutscher Film ging Silber an Hans-Christian Schmidts grandioses Episodenwerk Lichter. Den Goldenen Gilde-Filmpreis nahm Fatih Akin persönlich in Empfang für sein kraftvoll inszeniertes Drama Gegen die Wand, in dem sich zwischen Hamburger Kiez und türkischem Einwanderermilieu eine Liebe gegen die Restriktionen der Religionsausübung behaupten muss, wobei sich zugleich auch die Schönheit jener Kultur entfaltet.

Tango tanzen mit den Rashevskis oder einfach Just a Kiss?

Ein ähnliches Thema beleuchten zwei Filme, die auf der Filmmesse glanzvoll ihre erste deutsche Vorführung mit öffentlichem Publikum feierten: Sam Gabarskis Le Tango des Rashevski und Ken Loachs Just a Kiss. Der Tod der Großmutter Rosa Rashevski, die trotz ihres Hasses auf Rabbis in einem selbst gewählten jüdischen Grab beerdigt wird, setzt die vibrierendsten Impulse in ihrer jüdischen und teils säkularisierten Familie frei. Nina entdeckt neurotisch ihren Glauben wieder und Antoine konvertiert aus Liebe zu ihr gleich ganz, was beide allmählich auf eine ehrlichere Entdeckungsreise zum Judentum führt. Ric trägt dagegen mit seiner moslemischen Freundin den Nahost-Konflikt im Kleinen aus, und Isabelle muss sich von Onkel Dolfo als die nichtgläubige "Schickse" beschimpfen lassen, während Dolfo selbst an der ignoranten Orthodoxie seines Bruders, des israelischen Rabbis, verzweifelt. Elegant verweben sich die zahlreichen Episoden im langsamen Erzählfluss zu einem Tango auf vielen Hochzeiten: dem Liebestanz der Verliebten und dem mit den Religionen. Le Tango des Rashevski löst sich dabei auf angenehme Weise von der Thematik jener vielen Filme, die die jüdische Religiosität nur im geschlossenen (Familien-) Kreis reflektieren, und entwickelt dabei fernab von Zeigefingermoral eine Neugier für jegliche Lebensweisen. Ken Loach bringt seinen Gläubigen in Just a Kiss zunächst ebensoviel Sympathie entgegen. Als Casim, der Sohn pakistanischer Einwanderer, sich jedoch in Roisin, die irischstämmige Musiklehrerin seiner kleinen Schwester, verliebt, und ihre junge Liebe an der Intoleranz seiner moslemischen Eltern und ihrer katholischen Schulleitung zu zerbrechen droht, bekennt sich Loach zugunsten der Liebe zu einem radikalen Bruch mit den Traditionen. Während im Tango des Rashevski der Traum universeller Toleranz nur in den gehobeneren Kreisen gedeiht, zeichnet Just a Kiss ein womöglich realistischeres Bild der Probleme im einfachen Umfeld von Glasgow. Dabei erscheint das sozialkritische Anliegen von Just a Kiss in so wunderbarem Einklang mit der klassisch erzählten Liebesgeschichte und zwei bezaubernden Darstellern, dass es die Diskussion ganz vergessen lässt, ob Film nun Hochkultur ist oder einfach die himmlischste Unterhaltung auf Erden. Die Filmmesse 2005 wird sicher Antworten geben.

4. Filmmesse Leipzig

13. - 17. September 2004, Schaubühne Lindenfels, Passage-Kinos


Omulaule heißt schwarz
D 2003, 66 min
R: Beatrice Möller, Nicola Hens, Susanne Radelhof
Kinostart: 30.9.2004

Status Yo!
D/CH 2004, 120 min, R: Till Hastreiter
Kinostart: 4.11.2004


Die fetten Jahre sind vorbei
Au/D 2004, 127 min, R: Hans Weingartner
Kinostart: 25.11.2004


Le Tango des Rashevski
B/Lux/F 2003, 100 min, R: Sam Gabarski
Kinostart: 6.1.2005


Just a Kiss (Ae Fond Kiss)
GB 2003, 103 min, R: Ken Loach
Kinostart: 4.11.2004


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