Elisabeth Hauck | Drucken02.11.2017 

Ton-Text-Bild-Collagen

DOK Leipzig: „A Strange New Beauty“ und „Password: Fajara“ in einem Screening zu zeigen, ist eine gute Entscheidung. Zeigt es doch, wie unterschiedlich dokumentarische Videokunst sein kann.

Beim DOK Leipzig ist es üblich, zwei oder drei Filme zu einem Screening zusammenzufassen. Die gemeinsame Programmierung dieser Filme erschließt sich nicht immer, nicht immer haben die Filme einen Bezug zueinander. In dem Fall vom Langfilm A Strange New Beauty der Amerikanerin Shelly Silver und dem Kurzfilm Password: Fajara drängt sich die Verbindung zumindest auf inhaltlicher Ebene nicht gerade auf: Während A Strange New Beauty herrschaftliche Häuser zeigt, folgt Password: Fajara Geflüchteten in Calais. Erst nach und nach wird klar: Sowohl A Strange New Beauty als auch Password: Fajara bedienen sich ähnlichen handwerklichen Instrumenten. Das Verweben von Ton, Text und Bild erschafft in beiden Fällen Assoziationsketten, die aber völlig andere Ergebnisse hervorbringen.

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Shelly Silver verwebt in „A Strange Beauty“ Text und Bild, wobei sie zum Teil merkwürdige Assoziationsketten konstruiert. (Foto: Dok Leipzig 2017)

Shelly Silver ist eine renommierte Künstlerin und hat schon mehrfach mit ihren Arbeiten am DOK Leipzig teilgenommen. Dieses Jahr ist sie mit A Strange New Beauty im internationalen Wettbewerb zu sehen. Vor Beginn des Films verliest Shelly ein Statement: Hier solle eine Definition von Schönheit gefunden werden, um dann zu schauen, wohin sie führt. Aha, denkt man sich. In den nächsten 51 Minuten ergießen sich dann Stillleben von Prunkhäusern im Silicon Valley über die Leinwand. Dazu entwirft Shelly einen Klang- und Textteppich, der zwischen Verfremdung und Dekonstruktion umherpendelt. Hier soll sich gar kein Narrativ entfalten. Hier soll verstört, zerstört und aufgewühlt werden. Das geht dann so: Man sieht ein Katzenbild, dazu den Schriftzug „Pronouncement“. Ein Torgitter, was sich schließt – „We are only human“. Ein Kuscheltier mit der Aufschrift „I luv u“, dazu „I don’t want you“. Einige Assoziationsketten erschließen sich, doch die meisten lassen Ratlosigkeit und Unruhe aufsteigen. Und irgendwann fühlt es sich an, als wäre man in einem Gemeinplatz-Sammelsurium gefangen: „If you have children, you have hope for reinvention.“ – „Don’t be sad it’s over, be glad it happened.“ Der Gedanke an Klebezettel auf Spiegeln von vermeintlichen Karrierefrauen kommt auf. Das ist anstrengend und nervt auch ein bisschen – wie ein Lebensratgeberbuch.

Shellys Arbeiten sind oft als Installationen in Museen zu sehen. Sind sie dort vielleicht besser aufgehoben? Im Museum wäre nichts leichter als einfach weiter zu gehen. Manchmal ist es aber auch okay, sitzen zu bleiben, egal ob das Gezeigte gefällt oder nicht. So erschließt sich zwar keine Definition von Schönheit, aber ein interessantes Kinoerlebnis.

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In „Password: Fajara“ finden Form und Inhalt zu einem kunstvollen Ganzen. Séverine Sajous und Patricia Sánchez Mora begleiten darin Geflüchtete in Camps von Calais. (Foto: Dok Leipzig 2017)

Ganz anders der Kurzfilm von Séverine Sajous und Patricia Sánchez Mora. In Password: Fajara finden Form und Inhalt zu einem kunstvollen Ganzen. Alle Bilder wurden ausschließlich nachts gedreht. Grobkörnige Wellblechlandschaften und hoffnungsfrohe Gesichter – wir sind in Calais, wo Geflüchtete darauf warten, den Ärmelkanal zu überqueren und ein besseres Leben in Großbritannien zu beginnen. Auch hier werden Assoziationsketten gebildet, werden Definitionen aus Wörterbüchern verlesen. Fast nüchtern und doch nicht kühl. Dazwischen kommen Geflüchtete zu Wort. Wie ist es, im Camp von Calais zu leben? Die Bilder zeugen von bedrohlicher Dunkelheit, das Abseits der Illegalität wird visuell beschrieben. Irgendwo knallt etwas, Menschen schreien. Gelingt es vielleicht doch, jemandem überzusetzen? Dabei stützt sich das Regie-Duo nicht auf individuelle Geschichten, es geht um die Masse, aber nicht in ihrer Unpersönlichkeit. Dazu ein akkurater Schnitt- und Tonrhythmus. Die Regisseurinnen schaffen es eine objektive Darstellung der Zustände zu zeichnen und dennoch Zwischentöne zuzulassen, die ihre Haltung eindeutig zugunsten der Protagonisten ausschlagen lassen.

Password: Fajara überzeugt in jeder Hinsicht und ist ein kleines Meisterwerk. Die große Leinwand steht dem Film gut und es sei zu hoffen, dass er nicht irgendwo verstaubt, sondern von vielen gesehen wird.

A Strange New Beauty

USA 2017; 51 Minuten

Regie: Shelly Silver

DOK Leipzig 2017, Internationaler Wettbewerb langer Dokumentar- und Animationsfilm


Mot de passe: Fajara – Password: Fajara

Spanien, Frankreich 2017; 17 Minuten

Regie: Séverine Sajous & Patricia Sánchez Mora

DOK Leipzig 2017, Internationaler Wettbewerb kurzer Dokumentar- und Animationsfilm

Vorführungstermine, Katalogtext

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