Stephanie Göbel | Drucken06.11.2017 

Hommage an die Hoffnung

DOK Leipzig: „Advantage“ von Mohammad Kart nähert sich auf unkonventionelle und eindrucksvoll-sensible Art der Thematik Sucht. Dem Zuschauer ermöglicht sie einen lebendigen Zugang zu einer von der Gesellschaft oftmals tot geschwiegenen und angeprangerten Materie.

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„Advantage“ zeigt in ungeschönten Bildern die Bewohner eines Heims für Drogensüchtige. (Fotos: DOK Leipzig 2017)

Der Dokumentarfilm versteht sich nicht als Gesellschaftskritik. Ist man auf der Suche nach Schuldigen und Verantwortlichen oder hofft Institutionen und strukturelle Missstände an den Pranger gestellt zu sehen, so wird man hier nicht fündig. Vielmehr ist es eine Hommage an die Hoffnung und vereint auf liebevolle, fast zärtliche Art die Schönheit und den Schlund des Lebens, welche im Film verschwindend gering beieinander liegen.

Hossein stellt sich der schwierigen Aufgabe des Entzugs im House of Hope in Teheran. Sein Kopf wird kahl geschoren. Es folgt eine Dusche. Hosseins Kleidung wird gegen ein Hemd und eine leichte Hose eingetauscht. Zehn Tage ohne Handy. Keine Besuche in dieser Zeit - Kontakt zu den Familien besteht ohnehin kaum – und ein anschließender sechsmonatiger Aufenthalt. Regeln, die Hossein bei der Aufnahme akzeptiert. Die kommende Zeit wird Hossein mit circa 130 weiteren ehemaligen Drogenabhängigen verbringen. Der kalte Entzug wird abgeschottet in einem Matratzenlager durchgestanden.

Dem Zuschauer bieten sich windende, schwitzende, krampfende Körper dar, die sich allem entledigen, was in ihnen ist. Vor allem nachts, wie Hossein berichtet. Beeindruckend ist die Hilfsbereitschaft im Elend und der Umgang mit Körperlichkeit. Die Männer haben keine Berührungsängste und schrecken nicht davor zurück, ihr physisches Leid durch gegenseitige Massagen und Unterstützung beim Erbrechen zu lindern.

Bereits stabilere Bewohner machen sich des nachts auf in die äußeren Gebiete Teherans und kehren zurück an die Orte, an denen sie vor nicht allzu langer Zeit ein kümmerliches unwürdiges Dasein in Mitten von Schutt und Geröll fristeten. Dort werden Essensrationen an Drogenabhängige und Obdachlose verteilt, und erste medizinische Hilfe wird angeboten. Abgemagerte Körper, gezeichnet von der Obdachlosigkeit und dem jahrelangem Drogenkonsum, dominieren die Streifzüge und zeigen einen laut Regisseur kleinen, aber existenten Ausschnitt Teherans.

Ohne Mitleid, aber mit viel Empathie und Gefühl nähert man sich durch die Bilder den Einzelpersonen und ihren Schicksalen. Belanglosigkeiten, die gerade durch ihre Alltäglichkeit und Natürlichkeit brillieren, erzeugen ein Gefühl der Gemeinschaft.

Hoffnung gebende Anker, wie das triviale Fußballspiel, das gemeinschaftliche Tanzen oder aber das tägliche Gebet sind zentrale Bilder des Dokumentarfilms und begleiten den Zuschauer und die Bewohner des House of Hope auf ihrem Weg aus dem Sumpf der Drogenhölle.

Neben Reis und Fleisch werden hier Lebensweisheiten von Kindern aufgetischt. „Manche nehmen nach 20 Jahren wieder Drogen. Du musst stark sein, Papa. Wie ein Stein. Ein Berg“. Karts Dokumentarfilm bietet Raum und Platz für Wünsche und Träume. Allen gemein ist der Wunsch nach Liebe, einer Familie oder Kontakt zu der eigenen Familie. Einem Platz in der Gesellschaft und die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Viele erfahren eben dies im Entzug seit Langem zum ersten Mal wieder. „Ich hab das Gefühl, in einigen Herzen einen Platz zu haben“, so jedenfalls äußert sich Hossein nach seinem kalten Entzug.

Die zeremonielle Feier, die an den kalten Entzug anschließt, bekommt nicht zuletzt auf Grund der reinigenden Waschung mit kaltem Wasser einen rituellen Charakter. Umso ausgelassener und mit einer gewissen Selbstironie, die in einer Leichtigkeit mündet, wird die zurückliegende Zeit und das Bevorstehende betanzt und besungen. Einen emotionalen Zusammenbruch ruft die mögliche Schließung des Heims hervor. Angst, Unsicherheit und Verzweiflung treiben die Bewohner um. Doch dann kommt das große Ereignis, ein Fußballspiel. Eine Chance. Alle Energie und Motivation wird gebündelt und der Zusammenhalt abermals erprobt.

Ein Dokumentarfilm, der einen auf eine schweißtreibende Gefühlsreise in die authentische und ungeschönte Darstellung des Drogenkonsums und seiner Folgen mitnimmt. Und es dennoch schafft, die Schönheit des Lebens darzustellen.

Advantage

Iran 2016, 68 Minuten

Regie: Mohammad Kart

DOK Leipzig 2017, Internationales Programm langer Dokumentar- und Animationsfilm

Vorführungstermine, Katalogtext

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