Elisabeth Hauck | Drucken02.11.2018 

Ein Bild aus Wasserfarben

DOK Leipzig: Dank der Reihe „Spätlese“ ist der großartige Film „Aquarela“ von Victor Kossakovsky noch einmal auf der großen Leinwand zu sehen – wo er definitiv hingehört

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Das Eis schmilzt zu früh am Baikalsee. Kossakovsky zeigt die Macht des Wassers in eindrucksvollen Bildern (Foto: DOK Leipzig).

Die Reihe „Spätlese“ hat sich auf die Fahnen geschrieben „strahlkräftige Beiträge zu gesellschaftlichen und kinematografischen Diskursen“ zu zeigen. Dafür wurden nur vier Filme ausgewählt, neben Aquarela ist beispielsweise auch der diesjährige kontrovers diskutierte Berlinale-Gewinner Touch Me Not Teil der Reihe. Kossakovskys Aquarela lief dieses Jahr beim Filmfest in Venedig, außer Konkurrenz allerdings. Der Film ist auf jeden Fall Kinomaterial und gehört auf die große Leinwand. Leider hat das DOK ihm nur ein Screening gegönnt, das allerdings im größten Kino der Stadt. Trotzdem war der Regisseur nicht zufrieden. Denn Aquarela wurde in einem hochauflösenden Format gefilmt, mit 96 Bildern pro Sekunde. In Leipzig war er immerhin mit 48 Bildern zu sehen.

Dies vorangeschickt, lässt sich vielleicht erahnen, dass es hier nicht um einen klassischen Dokumentarfilm handelt. Kossakovsky filmt mit dem neuesten Equipment und begibt sich in waghalsige Situationen, um atemberaubende Bilder einzufangen. Gletscher, Wasserfälle, Stürme und Überflutungen sind zu sehen. Im Mittelpunkt des Films steht das Wasser in all seinen Formen. Doch es ist nicht das ruhig dahinfließende Flüsschen oder der idyllische Bergsee, die hier gezeigt werden. Nein, hier ist die pure Naturgewalt zu sehen, die sich aggressiv und pulsierend Bahn bricht.

Dabei erzeugt der Film gerade zu Beginn eine unglaublich spannungsgeladene Situation. Auf dem zugefrorenen Baikalsee machen sich Männer in orangenen Anzügen zu schaffen. Noch ist nicht klar, woran. Dabei brechen sie immer wieder ein, lachen aber, lachen sich gegenseitig aus. Man fühlt sich ein bisschen in einen Slapstick-Film versetzt. Plötzlich ändert sich die Stimmung jedoch. Ein Auto fährt auf dem Eis entlang, ganz klein im Hintergrund, gerade so zu erahnen. Dann bricht es ein … Die Kamera fliegt förmlich zum Ort des Geschehens, fängt emotionale Bilder ein. Von denen, die sich noch rechtzeitig aus dem Auto befreien konnten und von denen, die es nicht mehr geschafft haben. Auf die Frage, warum sie denn hier noch lang fahren, wo das Eis doch schon schmilzt, sagt der Fahrer apathisch, dass die Schmelze drei Wochen zu früh dran sei. Klimawandel zum Nachfühlen.

Danach folgt ein Feuerwerk aus Bild- und Klangmontagen, die einen unglaublichen Sog erzeugen. Welch unheimliche Geräusche einer Schmelze innewohnen, welch enigmatische Formen und Farben Wasserwirbel annehmen können! Augen und Ohren gehen einem förmlich über ob dieser immersiven Filmkunst. Dass es keine „Geschichte“ oder wirkliche Handlungselemente gibt, spielt kaum eine Rolle. Für einen Moment möchte man vielleicht gerne wissen, wer diese mutige Seglerin ist, die sich durch einen handfesten Sturm manövriert. Was treibt sie um, warum ist sie hier unterwegs? Doch da fliegt die Kamera schon weiter in neue audiovisuelle Erlebniswelten.

„Aquarela“ ist das portugiesische Wort für „Aquarell“: „ein mit Wasserfarben gemaltes Bild“. Genau das hat Kossakovsky vollbracht – ein filmisches Kunstwerk aus dem Element Wasser. Damit hat er vielleicht im Gegensatz zu Touch Me Not nicht unbedingt etwas zum gesellschaftlichen Diskurs beigetragen, aber definitiv zum kinematografischen.


Aquarela

Dänemark, Deutschland, UK 2018; 90 Minuten

Regie: Victor Kossakovsky

DOK Leipzig 2018, Spätlese

Vorführungstermine, Katalogtext

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