Veronika Pilch | Drucken02.11.2015 

Die zweite Bombe war noch schlimmer

DOK Leipzig: Andreas Maus arbeitet in seinem neuen Dokumentarfilm „Der Kuaför aus der Keupstraße“ das rechtsextrem motivierte Nadelbomben-Attentat 2004 in Köln auf

„Der Kuaför aus der Keupstraße“ wechselt bei der Rekonstruktion der Ereignisse zwischen dokumentarischem Material und inszeniertem, so wie diesem. (Foto: DOK Leipzig)

Andreas Maus leistet großartige filmische Arbeit. Seit seinem Debüt Ballada vergingen sechs Jahre, bis er wieder einen abendfüllenden Film fertig hatte. Der Kuaför aus der Keupstraße ist gegen jede Erwartung als Kontrast zu Ballada zu verstehen: Während sein erster Film einen süßlichen Abgesang auf den sowjetischen Wagen Lada hält, zeigt der zweite eindrücklich, welche Folgen das hasserfüllte Nadelbomben-Attentat des Nationalsozialistischen Untergrunds, kurz NSU, auf die betroffene Familie Yildirim hat.

Das, was Familie Yildirim passiert, ist unerhört! Die Terrorzelle NSU positioniert vor dem Friseurladen Yildirim in Köln ein Fahrrad mit einer Fahrradtasche. In dieser befinden sich etwa 700 Tischlernägel, die sich durch die Explosion in Geschosse verwandeln und alles in einer Reichweite von 250 Metern durchbohren. Der Anschlag verletzt 22 Personen. Das war der erste Bombenanschlag am 9. Juni 2004, „die zweite Bombe war noch schlimmer“, sagt eine der Protagonistinnen aus dem Dokumentarfilm. Gemeint ist damit die Bombe als Metapher für den Umgang der Polizei mit den Opfern, deren Sprengkraft viel schmerzhafter für alle Betroffenen ist als die erste tatsächliche: Die Opfer werden verdächtigt, müssen sich etlichen mehrstündigen Verhören unterziehen, und die Familie droht daran zu zerbrechen.

Der Ladenbesitzer Özcan Yildirim steht unter Generalverdacht, er soll angeblich in kriminelle Machenschaften verwickelt sein oder zumindest Kontakte zu Kriminellen pflegen, die in seinem Laden ein und aus gehen. Die polizeilichen Ermittlungen und der Rechtsstaat haben versagt: Die Videoüberwachung wird nicht ausgewertet, und ein rechtsradikaler Hintergrund wird vehement ausgeschlossen, dafür wird Familie Yildirim sieben lange Jahre diskriminiert, beschuldigt und verhört.

Die Verhöre sind teilweise protokolliert und werden in gespielten Szenen von Schauspielern dargestellt. Die nachgestellten Situationen der Verhöre bilden einen wichtigen Teil der gesamten Handlung, weil daraus hervorgeht, welchen dreisten Anschuldigungen sich Familie Yildirim unterziehen musste.

Sehr beeindruckend ist die formale Umgangsweise des Regisseurs: Er wechselt zwischen dokumentarischem und inszeniertem Material, und manchmal verschwimmen auch die Grenzen, indem er beispielsweise die Läden der Keupstraße in einem Keller rekonstruiert und die tatsächlichen Ladenbesitzer darin stehen.

Der Kuaför aus der Keupstraße

Deutschland 2015, 92 Minuten

Regie: Andreas Maus

DOK Leipzig 2015

Deutscher Wettbewerb

Filminfos auf www.dok-leipzig.de

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