Elisabeth Hauck | Drucken06.11.2018 

Kommentarloser Blick auf eine fragwürdige Subkultur

DOK Leipzig: „Lord of the Toys“, der Gewinner der Goldenen Taube im Deutschen Wettbewerb, sorgte beim Festival für eine handfeste Kontroverse – warum?

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Der YouTuber Max Herzberg agiert nicht nur dämlich, sondern reproduziert auch rechte Sprüche. (Foto: DOK Leipzig)

Am Freitagabend stand Lord of the Toys von Pablo Ben Yakov aus dem Deutschen Wettbewerb des DOK Leipzig zum dritten Mal im Programm. Spielort: die kleine Cinémathèque. Im Kino gab es kaum noch jemanden, der die Kontroverse der letzten Tage nicht im Hinterkopf hatte. Denn der Film hat im Vorfeld, aber auch nach der Premiere am Mittwoch große Diskussionen ausgelöst. Viele beschäftigten sich mit der Frage, ob so ein Film überhaupt beim Festival gezeigt werden sollte. Die Festivalleitung hat sich dazu dann auch mit einer Erklärung geäußert (Link). Andere wie das Aktionsnetzwerk „Leipzig nimmt Platz“ haben umfangreiche Pressemitteilungen herausgegeben (Link), im Netz haben sich heftige Debatten entsponnen. Vor Filmstart verliest die Cinémathèque eine Erklärung, dass man vertraglich an die Vorführung des Films gebunden sei, aber nicht einverstanden mit den gezeigten Inhalten. Ein Disclaimer warnt das Publikum vor rassistischen, sexistischen und antisemitischen Äußerungen im Film. Was ist da los?

Lord of the Toys ist ein Film mit mehreren Ebenen. Erstmal ist der Film ein Portrait von YouTubern und zeigt junge Influencer, die mit ihren Videos hunderttausende erreichen. Im Zentrum steht Max Herzberg aus Dresden, der fast 300.000 Follower hat. Mit 21 Jahren kann er davon mittlerweile leben. Aber was ist noch zu sehen?

In 95 Minuten begleitet die Kamera die Dresdner Clique um Max Herzberg im Alltag. Dieser besteht aus Sauforgien, das Erstellen von YouTube-Videos, einem Besuch beim Oktoberfest, vielleicht mal essen gehen mit der Freundin oder einfach nur Abhängen. Dem zuzusehen tut einfach nur weh. Warum? Weil der Protagonist Max Herzberg und seine Freunde unglaublich viel Müll erzählen. Sie wirken wie in der Pubertät stehen geblieben, sind unreflektiert und manchmal, ja manchmal einfach nur dumm. Aber dann kommen auch noch menschenverachtende Sprüche hinzu. Schon zu Beginn begleitet das Filmteam die Clique bei einem Saufabend daheim. Es geht darum, wer beim Saufkontest gewinnt. Als dann das Alkoholdelirium erreicht ist, sprüht Max seinen Kumpel mit Deo voll, freut sich dazu mit „Ich vergas dich“. Und so geht es munter weiter. Das ist schwer zu ertragen, der Film wird zu einer Tour de Force.

Auf der inhaltlichen Ebene stellt sich die Frage: Wissen diese Typen eigentlich, welchen Sprachduktus sie benutzen? Im Film ist dies nicht klar zu erkennen. So wird beispielsweise ständig der Spruch „Der Hausherr ist rechts“ benutzt. Max sagt dazu, es wäre egal was der Spruch bedeutet, Hauptsache, die Leute machen es nach. Das legt Beliebigkeit nahe. Liest man sich allerdings Kontext-Wissen an, scheinen Max und seine Freunde schon sehr gut zu wissen, was sie da eigentlich von sich geben. Und das berührt dann die formale Ebene. Die Kamera hält meist nur auf das Geschehen drauf, es gibt lediglich subtile Schnittsequenzen, die die vermeintlich tolle Welt der Clique brechen. Ansonsten hat man das Gefühl, dass die Gruppe sich im Film hemmungslos reproduzieren kann. Genau hier setzt auch die Kritik der meisten an. Kann man Leuten, die eindeutig rassistische und sexistische Sprüche von sich geben kommentarlos eine Bühne geben?

Prinzipiell ist an der Form des Films nichts auszusetzen. Auch andere Filme aus dem Festivalprogramm halten kommentarlos auf ein Geschehen drauf. Jeder kann sich eine eigene Meinung zum Gesehenen bilden. Im Fall von Lord of the Toys ist ziemlich schnell klar, dass die Protagonisten des Films wirklich dämlich sind. Das ist zumindest die Wirkung, die der Film erzeugt. Deswegen könnte man streiten, ob er nicht doch eine Haltung, eine Art Kommentar beinhaltet. Eben nur nicht mit der von vielen gewünschten Deutlichkeit.

Bei der Vorführung am Freitag (so wie wohl auch bei anderen Screenings) waren auch Fans des YouTubers anwesend. Zu erkennen an ihrem Gelächter, wenn die Gruppe mal wieder was besonders Dummes gemacht hat und dazu „Mulm“ brüllt. Die Fans sind noch einmal wesentlich jünger als Max Herzberg. Die Kritik an dem Film beinhaltet scheinbar auch die Angst, dass andere Heranwachsende durch das Gezeigte so beeinflusst werden, dass sie dies unreflektiert nachahmen. Die Krux daran ist: Kaum ein Jugendlicher wird über diesen Dokumentarfilm zum Fan von Max Herzberg. Sie sind es schon vorher und zwar im unkontrollierten Raum des Internets. Wenn die Fans nun schon im Kino sitzen, gäbe es die Gelegenheit mit ihnen ins Gespräch zu kommen und Dinge aufzuzeigen, auch mithilfe der Filmemacher. Bei der Premiere war wohl kaum Raum für ein Gespräch, zu eng getaktet war der Festivalplan. In der Cinémathèque ist immerhin für knapp 30 Minuten Zeit zu diskutieren. Leider gibt es lange keine echte Auseinandersetzung mit dem Film selbst, es herrscht eher eine aggressive Stimmung und die Filmemacher kommen nicht zu Wort. Dabei wäre es doch gut zu wissen, warum bestimmte Schnittfolgen gewählt worden etc.

Lord of the Toys sollte nicht verboten werden, man muss den Film zeigen. Für viele, die sich in der gezeigten Welt nicht auskennen (mich eingeschlossen), öffnet es die Augen, was so alles existiert im World Wide Web. Die Jury des Deutschen Wettbewerbs hat als Begründung für die Verleihung der Goldenen Taube unter anderem geschrieben: „[Der Film] hilft Leuten zu kapieren, was woanders los ist.“ Dieses Wissen kann genutzt werden, um die potenziellen Fans für den Content der Videos zu sensibilisieren. Dann braucht es aber Kontextualisierung. Man kann darüber streiten, ob dies der Film selbst viel klarer machen sollte. Dafür bedarf es Gesprächsmöglichkeiten. Vor und nach den Screenings. Ein Disclaimer wird da nicht reichen.

Lord of the Toys

Deutschland 2018; 95 Minuten

Regie: Pablo Ben Yakov

DOK Leipzig 2018, Deutscher Wettbewerb langer Dokumentations- und Animationsfilm


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