| Drucken | Kommentare (2)28.08.2007 

Eine andere Hommage ans Spreeathen: „Schwarze Schafe” (Tobias Prüwer)

Schwarze Schafe
Regie: Oliver Rihs
Buch: Oliver Rihs u.a.
Mit: Robert Stadlober, Tom Schilling, Oktay Özdemir, Jule Böwe, Milan Peschel u.a.
D 2006 - 94 min.
Verleih: BBQ/Filmwelt
Kinostart: 2. August 2007
www.schwarzeschafe.eu
Die sonnige Schattenseite der Hauptstadt: Schwarze SchafeSommer, Sonne ... und Urin
Ich fühl mich gut! - Ich steh auf Berlin!
Quetschman: Kiezblues

"Arm aber sexy" sei die bundesdeutsche Hauptstadt, diese urbane Flechte, die gerade mal auf 760-jährige Geschichte zurückblicken kann. Verehrt und angespiehn braucht das "Spreeathen" eigentlich keinen weiteren Film, der es zum Thema hat. Schwarze Schafe wagt trotzdem diesen Versuch und wirft mit bissigem Humor und schonungsloser Darstellung einen anderen Blick auf soziale Realitäten und die Vielfalt Berliner Milieus.

Der vergnügte Episodenfilm erzählt fünf kleine Geschichten. Da ist der Hochstapler Boris Wecker (Marc Hosemann), der alle um den Finger wickelt. Trickreich schläft er sich durch die Hotelbetten und träumt vom schnellen Geld. Bis er die Liebe in einer Vogue-Redakteurin findet und für sie zu opfern einiges bereit ist. Die Aushilfs-Touristenführerin Charlotte Heinze (Jule Böwle) trifft an ihrem Arbeitsplatz, einem Ausflugskahn, eine ehemalige Studienfreundin. Diese ist - natürlich - nun mit einem Münchner liiert, dem sie Berlin zeigt. Eine Weile verheimlicht Charlotte ihr wahres Leben und macht das Schickimicki-Geseiere mit. Bis Peter (Milan Peschel), ihr Freund und Künstler, maßlos betrunken den Kahn entert und die Lüge nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. Ali (Eralp Uzun), Birol (Oktay Özdemir) und Halil (Richard Hanschmann) sind im libidinösen Rausch auf der Suche nach der nächsten, nach überhaupt einer Nummer. Nach mehreren missglückten Versuchen in Kit Cat Club und privatem Stundenhotel noch einmal mit dem blauen Auge davongekommen, strandet das türkisch-stämmige Jungmanntrio schließlich bei einer Goa-Party am Müggelsee und entdeckt den Zauber des Naturerlebnisses. Die Freunde Breslin (Robert Stadlober) und Julian (Tom Schilling), die eigentlich mit Nachdenken und Nichtstun sehr gut zurechtkommen, heuern teils aus politischem, teils amourösen Interesse bei einer alternativen Arbeitsagentur - "Kein Geld für Arbeit" - an. Der erste Auftrag, der Aus- beziehungsweise Umzug eines Schwulenpärchens erweist sich als Griff ins Klo. Immerhin durften sie vom vorzüglichen Goldmelissentee reichlich kosten. Die Wohnplatten-Satanisten Fred (Kirk Kirchberger) und Arnold (Daniel Zillmann) stellen sich die Theodizee mit umgekehrten Vorzeichen: Warum lässt der Höllenfürst zu, dass seine Jünger ohne Kohle und Beziehung durchs Leben strolchen? Und wie ist dem abzuhelfen? Glasklar, ein Ritual muss her, ein richtig böses mit obszönen Gesten und gotteslästerlichen Sexualpraktiken. Was wohl Oma dazu sagt?

So skurril sich die Geschichten ausnehmen, so schnoddrig, konventions- und hemmungslos kommt der Film daher. Regisseur Oliver Rihs (Brombeerchen) brauchte keine Rücksichten zu nehmen, da ihm weder Filmförderung noch Produktionsfirma hineinreden konnten. Er verzichtete auf diese nämlich ganz und drehte den Film auf eigenes Risiko und Kosten (Budget: 35.000 ?). Dass bei solchem Unterfangen die Schauspielenden ohne Gage und nur aus Freude am Experiment dabei sind, ist vielleicht nicht selbstverständlich. Rihs hat aber eine ganze Riege talentierter MimInnen zum Mitwirken bewegen können, denen die Spielfreude anzusehen ist. Hierdurch ist dem Film ein weiteres lebhaftes Element erwachsen, das ihn zum Kaleidoskop satirischer Milieustudien werden lässt. Er ist ein kleines Plädoyer für den eigenen Lebensentwurf, für die persönlichen Freiräume und Nischen, die solch ein Moloch wie Berlin neben Regierungsviertel und Prachtboulevard eben auch bietet. Schwarze Schafe ist trotz Schwarz-Weiß-Optik eine schrill-bunte Hommage an das Spree-Biotop, welche nicht in peinlicher Lobhudelei endet, sondern mit Berliner Schnauze erzählt wird.(Tobias Prüwer)

Kommentare lesen und hinzufügen (2)

Dertailverliebter schrieb am 12.04.2010 um 23:29 Uhr:

03. September 2007

Der Almanch ist ja eher nachlaufender Natur und sleten aktuell. Daß aber eine Filmvorschau für 2027 angekündigt wird, finde ich irgendwie süß. Ich weiß, ist nur ein Tipfehler, dies nur ein Hinweis, keine Kritik. Wiegesagt, süßer Patzer

Tobias Prüwer (Chefredakteur) antwortete am 12.04.2010 um 23:30 Uhr:
04. September 2007

Lieber Detailverliebter,

vielen Dank für Ihren Hinweis. Ich habe den faux pas im Datum gleich ausgebügelt. Solch vorrausschauende Fähigkeiten besitzen wir beim Leipzig Amanach wahrlich nicht.

Schön, daß Sie uns diesen Fehler als "süß" nachsehen.

Viele Grüße,

Tobias Prüwer

Nichtmünchner schrieb am 12.04.2010 um 23:31 Uhr:

18. September 2007
cooler Film, cooler Text!!!

 
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