| Drucken21.02.2007 

Fantasy als Faschismuskritik: „Pans Labyrinth” (Michael Grass)

Pans Labyrinth
Regie & Buch: Guillermo del Toro
Mit: Ivana Baquero, Sergi López, Maribel Verdú
Mexico, Spanien, USA 2006
Länge: 112 min
Verleih: Senator
Kinostart: 15. Februar 2007
www.panslabyrinth.com
Eine zweifelhafte Erlösung aus dem WeltschmerzManche haben eine Spinne, die ist ihr bester Freund;
viele sind verzankt, alle verzweifelt und sehnsuchtskrank;
ein Tag, du Gütiger, ist mitunter tausend Jahre lang!
Kyrie eleison!
Kurt Tucholsky Deutschland: Deutschland ueber alles

Vor vielen, vielen Jahren... Ist es ein Märchen? Ja. Ein verlorenes Königreich, ein trauernder König, eine verlassene Welt jenseits der Grenzen der Realität. Glaubst du noch an Feen? Früher einmal, aber da habe ich viele Dinge geglaubt, die heute längst nicht mehr existieren. Dabei stellt sich die Frage, existiert das Wunder tatsächlich nicht mehr oder glaube ich nur, dass es nicht mehr wahr werden kann? Endecke ich in einem Stein den Fußabdruck eines Kobolds oder ist es nur ein Stein? Aber wenn dir plötzlich in der Nacht die Heuschrecke unter deinem Bett etwas zuflüstert? Wenn sie sich vor deinen Augen in einen Schmetterling und dann in ein elfenähnliches Geflatter verwandelt, sie dir an den Haaren zieht und am Kleidsaum zupft? Was machst du dann? Natürlich. Du folgst ihr.

Sie wird dich in ein Labyrinth führen. In dessen Zentrum wartet ein Faun. Deine Ankunft erweckt ihn zum Leben. Er wird dir sagen, du seist zurückgekehrt. Du seist eine Prinzessin.

Aber der Traum hat einen Haken. Er ist ein Traum. Die Realität formt sich aus Befehlsgebrüll, Mord, Kälte und Schmutz. Faschismus in Spanien, 1944. In diese Realität wird die Hauptfigur des Filmes geworfen. Das elfjährige Mädchen Ofélia (Ivana Baquero), Halbwaise, reist an der Seite ihrer hochschwangeren, aber todkranken Mutter Carmen (Ariadna Gil) zu ihrem Stiefvater Vidal (Sergi López). Der ist Hauptmann und Befehlshaber einer kleinen, aber schlagkräftigen Einheit der Franco-Truppen. Sie sind sowohl Vorposten als auch Nachhut der siegreichen faschistischen Ordnung. Sie sind auf der Jagd nach den letzten Partisanen, die sie quer durch die Wälder Nordspaniens treiben. Der Stützpunkt des Kommandos ist eine alte Mühle, umgeben von unwegsamer Landschaft: Nebel, Schlamm, knorrige alte Bäume. Ofélia flüchtet in eine Traumwelt, die Welt des Labyrinths von Pan. Der Faun stellt ihr die Erlösung aus dem Elend des Krieges, die Rückkehr in das unterirdische Königreich und die Errettung vom Schmerz der Weltlichkeit in Aussicht. Bedingung (es ist immerhin ein Märchen): das Erfüllen von drei Aufgaben. Dankbar nimmt Ofélia die Herausforderung an. Sie begegnet neuen Freunden und mächtigen, schreckensvollen Feinden. Zweck der Prüfungen sei, so der Faun, das menschliche Wesen Ofélias zu überwinden, ihre menschlich verkommene Seele abzustreifen, um ein Märchenwesen zu werden. Der Sinn dieser Aufgaben wird durch den Vergleich mit der Realität erkennbar. Del Toro lässt seinen Film nur wenig in der märchenhaften Traumwelt Ofélias spielen. Er wirft seine Hauptfigur und den Betrachter ständig zurück in die Realität des Bürgerkrieges, konfrontiert uns mit dem Ekel des Faschismus, zeigt uns das wahre Gesicht der Menschen: Hauptmann Vidal. Eine solcherart menschliche Ofélia dürfe nie den Schritt ins Märchenreich wagen.

Mit Pans Labyrinth kehrt Del Toro inhaltlich zu seinen Wurzeln zurück. Sein erster Kinofilm Das Rückrat des Teufels behandelt mit erstaunlicher Kongruenz das gleiche Thema. Damals war es der Teufel selbst, der gegen den Schrecken und die Widerwärtigkeit des Faschismus nichts auszurichten vermag. Hier sind es die Horrorfiguren der Parallelwelten, die zu milden Marionetten eines Traums verblassen angesichts der brutalen Hässlichkeit der Realität.

"Für mich repräsentiert Faschismus den ultimativen Horror, [...] denn Faschismus ist die schlimmste Form der Perversion, er verdirbt alle Formen der Unschuld und der Kindheit", äußerte sich Del Toro über sein neuestes Machwerk. Der Film lebt von seinen Metaphern und den visuellen Feinheiten. Die graublaue Düsternis der realen Welt setzt sich von der warmen goldgelben Fantasy-Optik der Traumwelt mehr als deutlich ab. Del Toro erlaubt es beiden Ebenen, miteinander in Beziehung zu treten. Er verstärkt die Verbindung beider Welten, die nur Ofélia wahrnimmt und lässt den Betrachter an dieser Perspektive teilhaben. Das funktioniert jedoch nur über ein gleichermaßen simples wie einfallsloses Strickmuster beider Welten. Realität und Traum sind auf ihr denkbar Wesentlichstes reduziert: Das Aufeinandertreffen von Gut und Böse. Die Figuren bleiben demnach flache Charakterbilder, die Ereignisse phrasenhaft geschilderte Geschehnisse. Del Toro nimmt diese Undifferenziertheit in Kauf, schafft es beinahe sie zu seinem Vorteil zu nutzen. Er zeichnet flache aber eindeutige Charaktere. Es ermöglicht dem Betrachter die Rollen und Persönlichkeiten der einzelnen Figuren schnell zu erkennen. Jedem wird bereits beim ersten Auftritt des Hauptmans Vidal klar: Wenn es hier um irgendwelche Monster gehen soll: Er ist das schrecklichste. Die Einfachheit der Persönlichkeiten und die Untiefe der Ereignisse unterstützen maßgeblich die Grundaussage des Films. Unschuld und Kindheit fallen dem Bösen zum Opfer. Das ist dennoch für einen Film dieses Formats etwas zu einfach. Guillermo del Toros Lobpreisung des Opfers und der Selbstlosigkeit verklingt in einem zweifelhaften Ausblick auf ein Königreich im tiefsten Dunkel der Erde. Die Abrechnung mit dem Faschismus endet mit einem Kopfschuss. Trotz alledem besticht der Film durch sein Vermögen, die schonungslose Darstellung der Greuel des Faschismus in eine aktuelle Kinovisualität zu übersetzen. Er sorgt dafür, dass im Zeitalter von effekthascherischem Fantasy-Epen um Nachwuchszauberer, Löwenkönige oder Ringgeister eine mahnende Faschismuskritik nicht verloren geht.

Ein lohnenswerter Beitrag also. Ein wirkliches Märchen? Wer weiß! Wir wissen längst, dass Märchen nicht nur für Kinder sind. Wer aber glaubt, dass sie immer auch für Kinder sind, ist del Toro ins sprichwörtliche Netz gegangen. Bei diesem Märchen lasst die Kinder besser zu Hause.(Michael Grass)

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