Johanna Lemke | Drucken21.03.2007 

Filigranes, französisches Kino

„Keine Sorge, mir geht's gut”

Es muss auch Filme geben, denen man einfach gerne zuschaut. In deren Verlauf man sich versenken kann, ohne groß aufgerüttelt zu werden durch zu spannende Verläufe, zu witzige Pointen. Französische Filme konnten immer auch dies sein, nämlich einfach ein Blick in eine Szene. Schlecht muss das nicht sein.

Zwar wird Keine Sorge, mir geht's gut als Familiendrama, gar als Thriller angekündigt. Zeitweilig mag er auch das ein oder andere Genre-Kriterium erfüllen. Aber eigentlich ist es ein Film, der nirgendwo ziept oder zerrt, bei dem man sich dennoch gegen Ende wünscht, dass er sich noch ein wenig hinziehen möge.

Der Film mutet zunächst an wie ein klassisches Familiendrama, entpuppt sich aber mehr und mehr als eine psychologische Studie über die Verbundenheit von Zwillingen: Die 19-jährige Lili erfährt nach der Rückkehr aus den Sommerferien, dass ihr Zwillingsbruder Loic nach einen Streit mit den Eltern verschwunden ist. Die Geschwister hatten eine sehr innige Beziehung, und so ist Lili außer sich vor Sorge, fällt in Depressionen.

Bisweilen vergisst Keine Sorge, mir geht's gut den Familiendrama-Anspruch, wird doch Lilis Tortour das zentrale Thema. Die mit dem Französischen Filmpreis und dem Romy-Schneider-Preis ausgezeichnete Mélanie Laurent spielt die tiefe Verwundung der allein gelassenen Schwester so eindringlich, dass es nicht eines einzigen Bildes des vermissten Loics bedarf, um die ehemals so innige Beziehung der beiden nachvollziehbar zu machen. Lili verweigert sich ihrem Leben, zermürbt innerhalb eines Jahres wie ein verdurstender Baum, der nur noch aus Gewohnheit am Leben bleibt. Nur die unregelmäßig eintreffenden Postkarten von Loic lassen Lili hoffen, dass es ihrem Bruder gut geht - und bewahren sie davor, sich vollkommen aufzugeben.

Die Eltern scheinen die Gründe für die unerklärliche Abwesenheit Loics zu verschweigen, hier entsteht so etwas wie ein Spannungsbogen: was verbirgt sich hinter der heilen Fassade der Familie, was verbergen die Eltern? Auch Kad Merat, der Lilis Vater darstellt, wurde mit dem französischen Filmpreis ausgezeichnet, und ganz besonders sein reduziertes und präzises Spiel lässt das Poröse der Familie erahnen, die Abgründe, die der Zuschauer spürt und doch nicht formulieren kann. Spannung ist trotzdem etwas anderes.

Vielleicht gerade weil Regisseur Philippe Lioret (Die Frau des Leuchtturmwärters) sich ein wenig zu sehr darin verstrickt, die Szenerie zu modellieren, schafft er es nicht immer, uns mitfiebern zu lassen. Die Kraft geht manchmal dafür verloren, die fantastische Musik zu den leichtfüßig hingeworfenen Bildern wirken zu lassen, die womöglich gerade deswegen so dahinplätschern, ohne wehzutun. Die sagenhaft schöne Mélanie Laurent tut ihren Anteil daran, dass man diesem Film einfach gerne zusieht, ohne groß Fragen zu stellen. Eine mäßig spannende Geschichte mischt sich mit schönen Dialogen, einer filigran entworfenen Szenerie - keine verkrampfte Moral stört, kein aufwühlendes Thema, das von der sich fließend entwickelnden Szene ablenkt. Das ist nicht das Schlechteste. Und das gab es lange nicht mehr in einem französischen Film. Sich hineinversenken in Bilder und Dialoge, Voyeur spielen auf eine Szene, das kann so gut tun. Wer keine schmerzhaften Bewusstseinsveränderungen vom Kinobesuch erwartet, sollte sich Keine Sorge, mir geht's gut ansehen.

Keine Sorge, mir geht's gut (Je vais bien, ne t'en fais pas)

Regie: Philippe Lioret
Buch: Philippe Lioret & Olivier Adam
Mit: Mélanie Laurent, Kad Merat, Isabelle Renauld, Julien Boisselier & Aissa Maiga
Frankreich 2006 - 100 min.
Verleih: Prokino

Kinostart: 22. März

Bildergalerie1 Bilder 

 

Kommentar hinzufügen

 
Fügen Sie hier Ihren Kommentar ein:
 
 
 

* Pflichtfeld

 

Tipps

Erlend Øye im Täubchenthal

Der norwegische Musiker Erlend Øye (Kings of Convenience) gibt im Rahmen seiner Acoustic Tour 2018 am 2. Juni ein Open-Air-Konzert im Täubchenthal. Beginn ist um 19 Uhr.

Casanova in der MuKo

Cusch Jung hat die komische Oper "Casanova" von Albert Lortzing inszeniert. Premiere in der Musikalischen Komödie ist am 2. Juni

Schwanensee nach Mario Schröder

Zu der Ballett-Suite von Peter Tschaikowski hat Mario Schröder "Schwanensee" choregrafiert. Weitere Aufführugen sind am 25. und 26. Mai.

Gefährliche Liebschaften

Das Schauspiel Leipzig zeigt im Gohliser Schlösschen "Gefährliche Liebschaften" von Christopher Hampton. Premiere ist am 2. Juni.

Live-Mitschnitt bei Arte

Das Antrittskonzert von Andris Nelsons als Gewandhauskapellmeister ist noch bis 26. Mai als Live-Mitschnitt in der Arte-Mediathek zu finden.

EXTRAS

Out of Leipzig

Berichte aus der Hauptstadt und dem Rest der Welt

Jugend-Almanach

Die Extra-Rubrik für junge Autorinnen und Autoren

Friedrich-Rochlitz-Preis

Rückblick auf den Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik.

Lyrik & Prosa

Gedichte und Erzählungen im Leipzig-Almanach

Mitglied werden

Der Leipzig-Almanach braucht Ihre Unterstützung, damit er auch weiterhin nicht kommerziell bleibt. Werden Sie Vereinsmitglied! Als Dankeschön erhalten Sie einen Kinogutschein.

Newsletter

 

Registrieren Sie sich für den Newsletter des Leipzig-Almanach